30. September 2026
Gespräche mit LegendenRaoul Wallenberg zu FokusIsrael.ch: «Eichmann hat mich den ”Judenhund” genannt»
Zur Person
Raoul Gustaf Wallenberg wurde am 4. August 1912 auf Lidingö bei Stockholm geboren. Er stammte aus der bekannten schwedischen Bankiers- und Diplomatenfamilie Wallenberg, studierte Architektur in den USA und arbeitete danach im internationalen Handel. Am 9. Juli 1944 kam der 31-Jährige als Legationssekretär der schwedischen Gesandtschaft nach Budapest. Nach der deutschen Besetzung Ungarns im März 1944 waren bereits rund 440.000 Juden deportiert worden; in der Hauptstadt Budapest lebten noch etwa 200.000. Wallenberg sollte ihre Lage beobachten und ihnen helfen. Am 15. Juli 1944, wenige Tage nach seiner Ankunft, traf er den Schweizer Vizekonsul Carl Lutz. Dieser hatte den Juden schon Schutzbriefe auf Grundlage von britischen Palästina-Zertifikaten ausgestellt. Wallenberg übernahm dieses Prinzip, liess eigene, offiziell wirkende Schutzpässe drucken und erklärte rund 30 gemietete Häuser zu schwedischen Schutzzonen. Mit Pässen, Schutzhäusern und seinem persönlichem Einsatz an Bahnhöfen und bei Todesmärschen rettete er gegen 30’000 ungarische Juden vor der Deportation und Ermordung. Am 17. Januar 1945 wurde er von sowjetischen Truppen festgenommen und verschwand. Die Sowjetunion nannte später den 17. Juli 1947 als Todestag im berüchtigten Lubjanka-Gefängnis in Moskau. Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem ehrte Raoul Wallenberg am 26. November 1963 als «Gerechter unter den Völkern».
Von Sacha Wigdorovits[i]
Herr Wallenberg, liessen Sie sich freiwillig nach Budapest versetzen, oder wurden Sie dorthin beordert?
Raoul Wallenberg: Ich habe mich freiwillig gemeldet. Das schwedische Aussenministerium und das amerikanische War Refugee Board suchten jemanden, der in Budapest die Lage der Juden beobachten und humanitäre Schritte vorschlagen sollte. Ich war kein Karrierediplomat, kannte aber Ungarn beruflich. Ich nahm den Auftrag an, weil ich glaubte, etwas tun zu müssen.
Was waren Ihre ersten Eindrücke, als Sie in Budapest eintrafen?
Raoul Wallenberg: Ich kam am 9. Juli 1944 an. Die Stadt war nach Luftangriffen angespannt. Die Deportationen aus der Provinz waren weitgehend abgeschlossen; in Budapest lebten noch rund 200.000 Juden. Schon in den ersten Tagen hörte ich von Transitlagern, gelben Sternen, Ausgangssperren und entzogenem Eigentum. Es war eine Tragödie ungeheuren Ausmasses – und zugleich Arbeit Tag und Nacht.
Wie rasch realisierten Sie die tödliche Bedrohung der jüdischen Bevölkerung Budapests?
Raoul Wallenberg: Sehr rasch. In meinen ersten Berichten nach Stockholm sprach ich von scheusslichen und brutalen Zuständen. Die Gefahr war nicht vorbei, auch wenn Horthy (Reichsverweser Admiral Miklos Horty, der ungarische Regierungschef, Red.) die grossen Transporte vorübergehend stoppte. Im Oktober, nach dem Pfeilkreuzler-Putsch (die Pfeilkreuzler waren die ungarischen Nazis), wurde sie täglich sichtbarer: Razzien, Erschiessungen, Todesmärsche.
Wussten Sie damals schon, dass das KZ Auschwitz-Birkenau ein Vernichtungslager war?
Raoul Wallenberg: Ja, die Berichte darüber lagen vor. In Budapest kursierten bereits detaillierte Angaben über die Vernichtungslager. Ich selbst schrieb nach Stockholm über Transporte «in Richtung Polen», von denen die Menschen nicht zurückkehren würden. Die Absicht der Deutschen war klar: nicht Umsiedlung, sondern Vernichtung.
Als Sie realisierten, dass die Nazis die Juden vernichten wollten, was ging Ihnen da durch den Kopf?
Raoul Wallenberg: Dass man nicht zusehen darf. Ich hatte den Auftrag angenommen und konnte nicht nach Stockholm zurückkehren, ohne alles in meiner Macht Stehende getan zu haben. Man musste Papiere, Häuser und persönliche Interventionen nutzen – rasch, sichtbar und ohne diplomatische Scheu.
Sie haben schon kurz nach Ihrer Ankunft den schweizerischen Vizekonsul Carl Lutz aufgesucht. Weshalb?
Raoul Wallenberg: Lutz war schon länger da und hatte Schutzbriefe auf der Grundlage von Palästina-Zertifikaten ausgegeben. Ich suchte ihn auf, um sein Verfahren zu verstehen und den Wortlaut seiner Papiere zu erhalten. Wir sprachen über Schutzdokumente, Häuser und die Notwendigkeit, den Behörden gegenüber einheitlich und bestimmt aufzutreten.
Wie unterschied sich Ihr Vorgehen von jenem von Carl Lutz?
Raoul Wallenberg: Lutz hatte das Modell der Schutzbriefe und Schutzhäuser gross angelegt. Ich übernahm das Prinzip, liess aber eigene, sehr offiziell wirkende Schutzpässe mit Kronen, Foto und Gesandtschaftsstempel drucken und erklärte gemietete Gebäude zu schwedischen Zonen. Ich ging selbst an Bahnhöfe und Märsche. Wir arbeiteten parallel, oft abgestimmt.
Hatten Sie auch mit Adolf Eichmann Kontakt?
Raoul Wallenberg: Ja. Er und sein Kommando drohten mir offen. Man sagte, er habe mich «den Judenhund» genannt und mit meiner Erschiessung gedroht. Einmal liess ich ihm sagen, der Krieg sei verloren und er solle die Lebenden leben lassen. Er blieb kalt: Er habe seinen Auftrag. Später rammte ein Lastwagen meinen Wagen; ich war nicht darin.
Ihr Land, Schweden, hatte schon zuvor Juden vor der Verfolgung gerettet und aufgenommen. Handelten Sie in Budapest auf Geheiss Ihrer Regierung oder aus eigener Initiative?
Raoul Wallenberg: Beides. Stockholm sandte mich mit dem Auftrag, zu berichten und humanitäre Schritte vorzuschlagen, und gab mir ungewöhnlich freie Hand. Die konkrete Form – massenhafte Schutzpässe, Häuser, Interventionen an Zügen – entwickelte ich vor Ort, zusammen mit Kollegen wie Per Anger und mit Mitteln, die auch aus amerikanischer Quelle kamen.
Wie hat Ihre Regierung darauf reagiert, dass Sie den Juden Schutzbriefe ausstellten und jüdische Häuser unter schwedischen Schutz stellten?
Raoul Wallenberg: Die Gesandtschaft und Stockholm deckten die Linie. Offiziell waren zunächst begrenzte Kontingente vorgesehen; wir überschritten sie. Die Berichte gingen regelmässig nach Hause. Solange die Papiere von ungarischen und deutschen Stellen respektiert wurden, blieb die Rückendeckung bestehen – auch wenn man in Stockholm die Risiken kannte.
Heute gibt es in Ihrer Heimat Schweden eine militante judenfeindliche islamistische Szene. Hätten Sie dies für möglich gehalten?
Raoul Wallenberg: Das konnte ich 1944 nicht ahnen. Ich kam aus einem Land, das Neutralität und Zuflucht verband, und sah in Budapest, wohin Hass und Staatsgewalt führen. Wer Menschen wegen ihrer Herkunft vernichten will, bleibt für mich der Feind – gleich unter welcher Flagge oder Ideologie er auftritt.
Nachdem die Rote Armee Ungarn erobert hatte, nahm sie Sie gefangen. Weshalb?
Raoul Wallenberg: Am 17. Januar 1945 fuhr ich mit meinem Fahrer zu den sowjetischen Stellen, um über den Schutz der noch verbliebenen Juden und über Hilfe nach der Befreiung zu sprechen. Ich rechnete mit Zusammenarbeit, nicht mit Haft. Warum man mich festhielt – Spionageverdacht, Misstrauen gegen Neutrale, Chaos der Besatzung? –, weiss ich bis heute nicht.
Wenn Sie zurückschauen, bedauern Sie, damals in Budapest so gehandelt zu haben?
Raoul Wallenberg: Nein. Ich hatte den Auftrag angenommen. In den letzten Wochen schrieb ich nach Hause, die Lage sei aufregend und abenteuerlich, die Arbeit fast unmenschlich – Banditen zögen durch die Stadt. Aber ich hätte nicht heimkehren können, ohne alles versucht zu haben, um so viele Leben wie möglich zu retten.
Anmerkung: Dieses Interview basiert auf Aussagen und Aufzeichnungen von und über Raoul Wallenberg, die mit Hilfe von KI ermittelt und wiedergegeben wurden. In unserer Serie «Gespräche mit Legenden» unterhalten wir uns mit verstorbenen Persönlichkeiten aus Politik, Religion, Wissenschaft und Kultur, die für das Judentum und Israel bedeutsam waren. Damit wollen wir sie und ihre Ideen dem heutigen Publikum näherbringen. Bisher erschienen sind Interviews mit:
Theodor Herzl, dem Begründer des modernen Zionismus
Chaim Weizmann, Israels erstem Staatspräsidenten
David Ben-Gurion, dem ersten Ministerpräsidenten Israels
Golda Meir, Israels bisher einziger Ministerpräsidentin
Anwar Sadat, dem ägyptischen Präsidenten, der 1977 nach Jerusalem reiste, um mit Israel Frieden zu schliessen
Moses, der das jüdische Volk aus der ägyptischen Sklaverei in die Freiheit führte
Maimonides, dem im 12. und 13. Jahrhundert lebenden grossen jüdischen Gelehrten
Lord Jonathan Saks, dem früheren britischen Oberrabbiner
Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse
Albert Einstein, dem Begründer der Relativitätstheorie
Robert Oppenheimer, dem «Vater der Atombombe»
Hedy Lamarr, der Hollywood-Ikone und Erfinderin
Estée Lauder, der Unternehmerin und Begründerin eines Weltkonzerns
Milton Friedman, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften
Levi Strauss, dem Erfinder der Jeans-Hose
Elie Wiesel, Schriftsteller und Friedensnobelpreis-Träger
Primo Levi, dem italienischen Chemiker und Schriftsteller
Theodor Adorno, dem deutschen Philosophen und Soziologen
Martin Buber, Philosoph, Religionswissenschaftler und Schriftsteller.
Hannah Arendt, Journalistin und streitbarer Denkerin
Carl Lutz, dem Schweizer Diplomaten, der Zehntausende von Juden rettete
Paul Grüninger, der St. Galler Polizeikommandant, der wegen seiner Hilfe für jüdische Verfolgte entlassen und verurteilt wurde
[i] Sacha Wigdorovits ist Präsident des Vereins Fokus Israel und Nahost, der die Webseite fokusisrael.ch betreibt. Er studierte an der Universität Zürich Geschichte, Germanistik und Sozialpsychologie und arbeitete unter anderem als USA-Korrespondent für die SonntagsZeitung, war Chefredaktor des BLICK und Mitbegründer der Pendlerzeitung 20minuten.
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