30. Juli 2026
Gespräche mit LegendenElie Wiesel im Gespräch mit FokusIsrael.ch: «In Auschwitz habe ich Gott angeklagt, nicht geleugnet»
Zur Person
Als «Bote der Menschheit» erhielt Elie Wiesel 1986 den Friedensnobelpreis. Mit dieser Auszeichnung ehrte das Nobelkomitee einen der bedeutendsten jüdischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Elie Wiesel wurde am 30. September 1928 in Sighet (Rumänien) in eine chassidische Familie geboren. 1944 wurde er mit 15 Jahren nach Auschwitz deportiert. Seine Mutter und jüngere Schwester wurden dort ermordet. Sein Vater starb im Januar 1945 im Konzentrationslager Buchenwald, nachdem er und Elie Wiesel den Todesmarsch von Auschwitz ins KZ Buchenwald mitgemacht hatten. Drei Monate nach dem Tod seines Vaters wurde Elie Wiesel am 11. April 1945 mit den anderen Überlebenden des Konzentrationslagers von amerikanischen Truppen befreit. Sein autobiografisches Werk „Die Nacht“ (1958) schildert die Schrecken der Konzentrationslager und den für ihn traumatischen Tod seines Vaters und wurde zu einem Klassiker der Holocaust-Literatur.
Nach dem Krieg lebte Elie Wiesel zunächst in Frankreich, wo er studierte und als Journalist arbeitete. Später wurde New York seine Wahlheimat. Elie Wiesel schrieb über 40 Bücher, lehrte an Universitäten und setzte sich weltweit gegen Unrecht, Gleichgültigkeit und Völkermord ein. Nach der Verleihung des Nobelpreises «für Frieden, Versöhnung und Menschenwürde» gründete er die «Elie Wiesel Foundation for Humanity». Elie Wiesel starb am 2. Juli 2016 in New York. Das vorliegende Gespräch mit Elie Wiesel beruht auf einem Interview, das der Autor 1993 für die SonntagsZeitung mit ihm führte, und auf weiteren Aussagen von Elie Wiesel, die mit Hilfe von KI verfasst wurden.
Elie Wiesel, Sie haben Ihr Leben dem Kampf gegen die Gleichgültigkeit und für Menschenrechte gewidmet. Wie beurteilen Sie die heutige Welt unter diesen Gesichtspunkten?
Elie Wiesel: Die Welt von heute erfüllt mich mit Sorge. Gleichgültigkeit bleibt die grösste Gefahr – sie erlaubt neues Unrecht, neue Leiden. Erinnerung allein genügt nicht; sie muss zum Handeln führen. Wo Menschenrechte verletzt werden, wo Hass wächst und die Stimme der Opfer verstummt, sind wir alle gefordert. Schweigen ist Verrat. Wir müssen wachsam bleiben und uns widersetzen.
Wie müssen wir uns «widersetzen»?
Elie Wiesel: Wir müssen uns widersetzen, indem wir nicht schweigen. Gleichgültigkeit ist der Feind. Wir müssen sprechen, wo andere stumm bleiben, handeln, wo Unrecht geschieht, und die Erinnerung lebendig halten. Jeder kann Zeugnis ablegen, lehren, protestieren. Es beginnt mit dem Mut, hinzusehen und Verantwortung zu übernehmen – für die Opfer von gestern und heute.
Sie sagen «Gleichgültigkeit ist der Feind». Ist nicht «Hass der Feind»?
Elie Wiesel: Nein. Hass ist sichtbar, man kann ihn bekämpfen. Gleichgültigkeit ist unsichtbar und tödlicher. Sie lässt den Hass wachsen, ohne Widerstand. Ich habe gelernt: Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit. Wer gleichgültig bleibt, macht sich mitschuldig. Deshalb ist sie der wahre Feind.
Gilt das auch für den massiven Antisemitismus, mit dem wir Juden uns seit dem 7. Oktober 2023 nahezu überall auf der Welt konfrontiert sehen?
Elie Wiesel: Ja. Antisemitismus war und bleibt eine tödliche Gefahr. Gleichgültigkeit gegenüber dem Hass auf Juden ermöglicht ihn immer wieder. Ich habe erlebt, wohin Schweigen führt. Man muss Antisemitismus klar benennen, ihm widersprechen und die Opfer schützen – überall und jederzeit. Erinnerung verpflichtet uns dazu.
Müssen wir den Hass, der uns heute vor allem von linker Seite und von radikalen Islamisten entgegenschlägt, nicht auch aktiv, mit anderen Mitteln bekämpfen?
Elie Wiesel: Hass muss bekämpft werden – von wo immer er kommt. Mit Worten, mit Erinnerung, mit moralischem Mut und mit dem klaren Nein zur Gleichgültigkeit. Gewalt erzeugt nur neuen Hass. Wir müssen die Wahrheit aussprechen, die Opfer schützen und die jungen Generationen erziehen. Das ist der Weg, den ich kenne und den ich für richtig halte.
Wie sollen wir diesen Hass denn bekämpfen?
Elie Wiesel: Indem wir nicht schweigen. Wir müssen den Hass beim Namen nennen, die Wahrheit bezeugen und die Erinnerung weitergeben. Bildung ist entscheidend: Junge Menschen müssen lernen, was Indifferenz anrichtet. Wir schützen die Würde der Opfer und handeln, wo Unrecht geschieht – mit Worten, mit Zivilcourage und mit dem klaren Bekenntnis: Nie wieder.
Genügen Worte, wie Sie sagen, oder braucht es auch militärische Mittel?
Elie Wiesel: Worte und Erinnerung sind die wichtigsten Waffen gegen den Hass. Doch wo das Leben von Menschen bedroht ist, hat jeder das Recht, sich zu verteidigen. Selbstverteidigung ist keine Rache – sie ist Notwendigkeit, wenn das Überleben auf dem Spiel steht. Der Kampf beginnt jedoch immer im Geist und im Herzen.
Sie haben den Holocaust überlebt und Ihre Geschichte im autobiografischen Buch «Die Nacht» festgehalten. Was war für Sie das Schlimmste an jener Zeit?
Elie Wiesel: Das Schlimmste war der Tod meines Vaters. Ich sah ihn sterben und konnte nichts tun. Noch schlimmer war, dass ich mich damals schämte, ihm nicht mehr zu helfen. Die Entmenschlichung, der Verlust des Glaubens und die Gleichgültigkeit um uns herum – das alles hat mich für immer geprägt.
Sie engagieren sich stets für die Opfer – jene des Holocaust, in Südafrika, in Kambodscha, in Bosnien. Weshalb befassen Sie sich nie mit den Tätern. So wie es Simon Wiesenthal oder Beate und Serge Klarsfeld taten, welche die Nazi-Verbrecher aufspürten. Ist das nicht wichtig?
Elie Wiesel: Das ist sogar sehr wichtig. Doch ich lebe nicht ewig, es gibt nur so und so viele Dinge, die ich machen kann. Und ich habe mich eben für die Opfer entschieden, um ihnen eine Stimme zu geben, ihre Würde wiederherzustellen und die Erinnerung wachzuhalten. Leute wie die Klarsfelds, die ich sehr bewundere, beschäftigen sich mit den Mördern.
Als wir uns vor 33 Jahren erstmals trafen, sagten Sie mir: «Ich wünschte, dass wir heute einen zweiten Albert Einstein hätten.» Weshalb?
Elie Wiesel: In unserer Welt fehlt es an moralischen Stimmen, die sprechen und denen die Leute zuhören. Deshalb würde ich mir einen zweiten Albert Einstein wünschen. Denn Einstein sprach nicht nur über wissenschaftliche Themen, er äusserte sich auch zu moralischen Fragen – und die Leute hörten auf ihn. So eine Stimme brauchen wir heute.
Sie selbst sind doch so eine Stimme. Sie wurden auch schon als «jüdisches Gewissen» bezeichnet.
Elie Wiesel (schüttelt den Kopf): Das akzeptiere ich nicht. Ein Gewissen ist etwas sehr Persönliches, Sie leihen es niemandem aus, und Sie borgen es von niemandem. Das Einzige, was ich versuchen kann, ist, meinem eigenen Gewissen treu zu bleiben – so, wie Sie versuchen, Ihrem Gewissen treu zu bleiben.
Sie stammen aus einer strengreligiösen jüdischen Familie. Wie sehr hat Sie das geprägt?
Elie Wiesel: Sehr stark. Ich wuchs in einer chassidischen Welt auf, voller Gebet, Talmud und Mystik. Der Glaube war mein ganzes Leben. Auschwitz hat meinen Glauben erschüttert – ich stellte Gott Fragen, die ich nie zuvor zu stellen gewagt hätte. Doch die Sprache und die Sehnsucht nach dem Göttlichen blieben. Mein Judentum ist seither geprägt von Zweifel und Treue zugleich.
Die Frage, wie konnte Gott Auschwitz zulassen, wenn er existiert, beschäftigt viele von uns. Wie lautet Ihre Antwort?
Elie Wiesel: Ich habe keine Antwort. Ich kann nur die Frage stellen – und sie bleibt offen. In Auschwitz habe ich Gott angeklagt, nicht geleugnet. Mein Glaube ist seither verwundet, aber nicht zerstört. Ich protestiere, ich zweifle, und doch bleibe ich Jude. Die Stille Gottes ist das grösste Rätsel. Manche Fragen darf man nicht zu beantworten versuchen – man muss sie aushalten.
Am 7. Oktober 2023 kam es in Israel zum grössten Pogrom der Nachkriegszeit. 1’200 Menschen wurden bestialisch ermordet, vom Kleinkind, das nur einige Monate alt war, bis zu Seniorinnen und Senioren. Nur weil die palästinensischen Täter sie für Juden hielten – was nicht alle waren. Hätten Sie dies für möglich gehalten?
Elie Wiesel: Nach Auschwitz habe ich gelernt: Nichts ist unmöglich, wenn Hass und Gleichgültigkeit regieren. Ich hätte gehofft, die Welt habe begriffen. Doch die Geschichte lehrt uns, dass der Judenhass immer wieder neue Formen findet. Wer die Opfer vergisst, ermöglicht neue Verbrechen. Deshalb bleiben Wachsamkeit und Erinnerung lebenswichtig.
Anmerkung: Dieses Interview basiert auf Antworten von Elie Wiesel in einem Gespräch mit dem Autor in der SonntagsZeitung vom 11. Juli 1993 und weiteren Aussagen von ihm, die mit Hilfe von KI verfasst wurden. In unserer Serie «Gespräche mit Legenden» unterhalten wir uns mit Persönlichkeiten aus Politik, Religion, Wissenschaft und Kultur, die für das Judentum und Israel bedeutsam waren. Damit wollen wir sie und ihre Ideen dem heutigen Publikum näherbringen. Bisher erschienen sind Interviews mit Theodor Herzl, dem Begründer des modernen Zionismus, Chaim Weizmann, Israels erstem Staatspräsidenten, David Ben-Gurion, dem ersten Ministerpräsidenten Israels, Israels bisher einziger Ministerpräsidentin, Golda Meir,Anwar Sadat, dem ägyptischen Präsidenten, der 1977 nach Jerusalem reiste, um mit Israel Frieden zu schliessen, Moses, der das jüdische Volk aus der ägyptischen Sklaverei in die Freiheit führte, mit dem im 12. und 13. Jahrhundert lebenden grossen jüdischen Gelehrten Maimonides, mit dem früheren britischen Oberrabbiner Lord Jonathan Sacks, Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse, Albert Einstein, dem Begründer der Relativitätstheorie,Robert Oppenheimer, dem «Vater der Atombombe», der Hollywood-Ikone und Erfinderin Hedy Lamarr, der Unternehmerin Estée Lauder, dem Wirtschaftsnobelpreis-Träger Milton Friedman und Levi Strauss, dem Erfinder der Jeans-Hose.
[i] Sacha Wigdorovits ist Präsident des Vereins Fokus Israel und Nahost, der die Webseite www.fokusisrael.ch betreibt. Er studierte an der Universität Zürich Geschichte, Germanistik und Sozialpsychologie und arbeitete unter anderem als USA-Korrespondent für die SonntagsZeitung, war Chefredaktor des BLICK und Mitbegründer der Pendlerzeitung 20minuten.
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