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Rabbi Jonathan Sacks zu FokusIsrael.ch: «Antisemitismus beginnt bei Juden, aber endet nie bei ihnen»

Zusammenfassung:

Rabbi Jonathan Sacks, was sehen Sie als die grosse gesellschaftliche Herausforderung unserer Zeit?

Jonathan Sacks: Die grosse Herausforderung ist der Verlust des gemeinsamen Guten in einer hochindividualisierten, technologisch beschleunigten Welt. Wir haben Märkte und Staaten, aber zu wenig Moral. Wir brauchen eine Erneuerung geteilter Werte, Verantwortung und die Fähigkeit, mit Unterschieden in Würde zu leben, sonst zerfällt die Gesellschaft.

In einem kurzen Satz gesagt: Was bedeutet Judentum für Sie?

Rabbi Sacks: „Judentum bedeutet für mich, in einer ewigen Partnerschaft mit Gott zu leben: Seine Gegenwart in der Zeit zu heiligen, das Leben zu segnen, Gerechtigkeit zu üben, den Fremden zu lieben und durch moralische Verantwortung die Welt ein wenig besser zu hinterlassen, als wir sie vorgefunden haben.

Was daran ist spezifisch jüdisch? Ein christlicher Priester oder ein Imam würden dasselbe antworten.

Jonathan Sacks:  Stimmt, das Universelle – Gott, Gerechtigkeit und Mitgefühl – teilen wir tatsächlich mit Christentum und Islam. Spezifisch jüdisch ist jedoch der ewige Bund (Brit) am Sinai. Gott rief dort nicht nur Einzelne, sondern ein ganzes Volk dazu auf, durch 613 Mitzwot (Gebote und Verbote, Red.) das Heilige ins Alltägliche zu bringen, die Zeit zu heiligen (durch den Schabbat, Feste) und Zeugnis für Gottes Gegenwart in der Geschichte abzulegen.“

Sie wuchsen nicht religiös auf. Wie kamen Sie eigentlich dazu, sich mit Ihrem Judentum stärker zu befassen?

Jonathan Sacks: Ich wuchs in einem traditionellen, aber nicht besonders religiösen jüdischen Zuhause auf. Während meines Studiums in Cambridge erlebte ich eine tiefe spirituelle Krise. Reisen nach New York und Begegnungen mit Rabbiner Soloveitchik und dem Lubavitcher Rebbe öffneten mir die Augen. Das Judentum war keine blosse Identität, sondern eine Berufung. Ich wurde Rabbiner, um diese Stimme Gottes in einer säkularen Welt hörbar zu machen.)

Braucht es dieses «Jüdischsein» heute noch?

Jonathan Sacks: Jude zu sein bedeutet, Teil der bemerkenswertesten Geschichte zu sein, die je gelebt wurde – voller Prüfungen, Triumphe und einer nie endenden Reise. In einer Welt der Vergänglichkeit gibt das Judentum Sinn, Dankbarkeit und die Kraft, durch Leid hindurch Hoffnung zu wählen. Ja, es braucht das Judentum heute mehr denn je.

Waren Sie selbst auch schon Opfer von Antisemitismus? Wie sind Sie damit umgegangen?

Jonathan Sacks: Ja, als Chief Rabbi (von England, Red.) und davor erlebte ich Antisemitismus in verschiedenen Formen. Ich habe ihn nie persönlich genommen, sondern als Warnsignal für die Gesellschaft gesehen. Man geht damit um, indem man nicht zum Opfer wird, sondern mit Würde, Bildung und moralischer Klarheit antwortet. Hass zerstört vor allem den Hasser. Wir antworten mit Leben, mit Hoffnung und mit dem Zeugnis unserer Werte.

Wie erklären Sie Antisemitismus? Was können wir dagegen tun?

Jonathan Saks: Antisemitismus ist der älteste Hass, ein Virus, der mutiert: von religiös zu rassistisch zu anti-zionistisch. Er ist Hass auf die Andersartigkeit – Juden als Symbol für das «Andere». Er beginnt bei Juden, aber endet nie bei ihnen. Was wir dagegen tun können: Ihn klar definieren und darüber orientieren, Allianzen mit anderen bilden und nie zulassen, dass er vom Rand in die Mitte der Gesellschaft rückt, und ihn durch unsere Menschlichkeit bekämpfen. 

Für uns heutige Juden gibt es eine zentrale Frage, die wir uns immer wieder stellen: Wo war Gott in der Shoah? Wie konnte er die Ermordung von sechs Millionen Juden zulassen, wenn es ihn gibt?

Jonathan Sacks: Wo war Gott, ist die falsche Frage. Die richtige lautet: Wo war der Mensch? Gott war in den Geboten «Du sollst nicht töten» und «Unterdrücke den Fremden nicht». Diese Gebote wurden in der Shoah grausam ignoriert. Gott war auch in den Herzen mancher Überlebender, die die Kraft fanden weiterzuleben. Gott zwingt uns nicht zu etwas, er lehrt uns, uns selbst zu retten. Wir dürfen nie wieder den Weg des Hasses gehen.

Viele, die nicht an Gott glauben, begründen dies damit, er sei wissenschaftlich nicht erwiesen, Gibt es einen inhärenten Konflikt zwischen Religion und Wissenschaft?

Jonathan Sacks: Nein. Religion fragt nach dem «Warum»: nach Sinn und Moral. Die Wissenschaft fragt nach dem «Wie»: nach Mechanismen. Religion und Wissenschaft sind Partner, keine Rivalen. Das Judentum hat immer beides umarmt. Der Konflikt entsteht nur, wenn eine Seite die andere kolonialisiert. Beide zusammen machen uns vollständig menschlich.

Heute erleben wir täglich religiöse Radikalisierung und Extremismus. Was können wir dagegen tun?

Jonathan Sacks: Extremismus missbraucht Glauben als Waffe. Dagegen hilft Bildung in den wahren Quellen unserer Traditionen – die Heiligkeit des Lebens, Liebe zum Fremden und den Weg des Friedens. Religiöse Führer müssen laut für Mitgefühl sprechen. Wir müssen Hass bekämpfen, indem wir Verantwortung übernehmen und nicht Gott für menschliche Sünden verantwortlich machen.

Stichwort: Radikalisierung. Eines Ihrer bekanntesten Bücher über das Judentum heisst: „Radical Then, Radical Now – Damals radikal, heute radikal“. Wie meinen Sie das?

Jonathan Sacks: Mit «Radical Then, Radical Now» meine ich: Das Judentum war von Anfang an radikal. Am Sinai wählte ein ganzes Volk nicht Macht, sondern Moral; nicht Herrschaft, sondern Verantwortung; nicht Götzen, sondern den unsichtbaren Gott. Es war eine Revolution der Freiheit und Heiligkeit. Heute brauchen wir genau diesen Geist wieder: mutig anders zu sein, in einer Welt des Egoismus und Materialismus das Heilige zu leben und Tikkun Olam (die Verbesserung der Welt) aktiv zu betreiben.

Nennen Sie uns 10 moralische Weisheiten aus dem Judentum, die für alle Menschen gelten und heute noch relevant sind.

Jonathan Sacks: 1. Jedes Leben ist heilig – handle entsprechend. 2. Dankbarkeit verwandelt das Gewöhnliche in Segen. 3. Gerechtigkeit und Mitgefühl gehören zusammen. 4. Bildung ist die höchste Form der Freiheit. 5. Der Fremde verdient Liebe, denn wir waren Fremde. 6. Worte schaffen Welten – sprich mit Verantwortung. 7. Hoffnung siegt über Angst. 8. Freiheit verlangt moralische Disziplin. 9. Wir sind Hüter unserer Brüder. 10. Repariere die Welt (Tikkun Olam) – und beginne damit bei dir selbst. 

Anmerkung: Dieses Interview wurde mit Hilfe des KI-Assistenten Grok geführt. Es basiert auf den Schriften, Videos und weiteren Aussagen von Rabbi Lord Jonathan Sacks. In den kommenden Wochen werden wir mit weiteren Persönlichkeiten, aus unterschiedlichsten Lebensbereichen – Politik, Religion, Wissenschaft, Kultur –, die für das Judentum und Israel bedeutsam waren, KI-gestützte Gespräche führen, um sie und ihre Ideen dem heutigen Publikum näher zu bringen. Das erste solche Interview fand mit Theodor Herzl statt, dem Begründer des modernen Zionismus, das zweite mit Chaim Weizmann, Israels erstem Staatspräsidenten, das dritte mit David Ben-Gurion, dem ersten Ministerpräsidenten Israels, das vierte mit Israels bisher einziger Ministerpräsidentin, Golda Meir, das fünfte mit Anwar Sadat, dem ägyptischen Präsidenten, der 1977 nach Jerusalem reiste, um mit Israel Frieden zu schliessen, das sechste mit Moses, der das jüdische Volk aus der ägyptischen Sklaverei in die Freiheit führte, und das siebte mit dem im 12.und 13. Jahrhundert lebenden grossen jüdischen Gelehrten Maimonides.

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