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Wahlen in die KnessetDeri, Goldknopf, Gafni: ultraorthodoxe Minderheitsführer mit übergrossem Einfluss

Im Vorfeld der israelischen Parlamentswahlen vom 27. Oktober stellt FokusIsrael.ch die wichtigsten politischen Führungspersönlichkeiten vor. Diese Woche: Aryeh Deri, Yitzhak Goldknpf und Moshe Gafni, die Führer der drei ultraorthodoxen Parteien. 

Von Jan Kapusnak

Aryeh Deri, Yitzhak Goldknopf und Moshe Gafni werden wahrscheinlich niemals selbst Premierminister Israels werden. Doch die von ihnen geführten Parteien haben bei den Wahlen 2022 insgesamt achtzehn der 120 Knesset-Sitze gewonnen und wurden damit zu einer unverzichtbaren Stütze der Regierung von Benjamin Netanjahu. 

Die drei Männer vertreten Israels ultraorthodoxe Bevölkerung, die Haredim, doch ihre Parteien sprechen unterschiedliche Wählergruppen an. «Shas» mit ihrem Vorsitzenden Aryeh Deri wird von Sephardi- und Mizrahi-Haredim unterstützt, das sind ultraorthodoxe Juden mit nahöstlicher und nordafrikanischer Herkunft, aber auch von traditionellen und Arbeiterklasse-Mizrahi-Wähler, die nicht strengreligiös sind. Das «Vereinigte Torah-Judentum UTJ» verbindet demgegenüber Yitzhak Goldknopfs chassidische «Agudat Jisrael»-Partei mit Moshe Gafnis «Degel HaTorah» Partei, welche die politische Stimme der nicht-hassidischen litauischen Glaubensgemeinschaft ist (siehe: Die Positionen und Bedeutung von «Shas» und «UTJ»).

Aryeh Deri: mehrfach verurteilt, aber politisch mächtig

Aryeh Deri ist der mächtigste und politisch erfolgreichste der drei Führer. Geboren 1959 in Marokko, wanderte er als Kind nach Israel aus und stieg in «Shas» unter dessen Gründer und spirituellen Führer, Rabbi Ovadia Yosef, auf. Shas war 1984 gegründet worden als Antwort auf die damalige Marginalisierung und Unterrepräsentation von sephardischen und mizrahischen Juden in der israelischen Gesellschaft durch das aschkenasisch dominierte haredische Establishment. «Shas» setzte sich dafür ein, den sephardischen religiösen Stolz wiederherzustellen und Schulen, soziale Organisationen und Wohlfahrtsprogramme in benachteiligten Gemeinden aufzubauen. 

Diese Geschichte verleiht «Shas» eine breitere politische Identität als dem «Vereinten Thora Judentum UTJ». Sie ist gleichzeitig eine haredische Partei und eine Bewegung für den Aufstieg der Sephardi und Mizrahi, also eine sozialkonservative Kraft. Viele Unterstützer von «Shas» sind traditionell oder religiös – aber nicht ultraorthodox – und identifizieren sich stark mit Israel und dem Zionismus. Als Spiegelbild dieser breiteren Wählerschaft wurde Shas 2010 die erste haredische Partei, die dem Zionistischen Weltkongress beitrat. Früher war «Shas» politisch flexibel und schloss sich sowohl linken als auch rechten Regierungen an. Doch unter Deri ist «Shas» fest in Netanjahus rechtsgerichteten Block abgeglitten.

Aryeh Deri wurde bereits mit neunundzwanzig Jahren Innenminister und etablierte sich schnell als aussergewöhnlich versierter politischer Verhandler. Seine Karriere ist jedoch untrennbar mit Korruption verbunden. 1999 wurde er wegen Bestechung, Betrugs und Vertrauensbruch verurteilt und verbrachte zweiundzwanzig Monate im Gefängnis. 2013 kehrte Deri in die Knesset zurück und übernahm bald wieder die Führung der Shas.

2022 gestand Deri Steuervergehen und trat erneut aus der Knesset zurück. Doch er erhielt bloss eine Bewährungs- und eine Geldstrafe. Denn obwohl er nie ausdrücklich versprochen hatte, die Politik dauerhaft zu verlassen, glaubt dies das Gericht aufgrund seiner Aussagen. Fälschlicherweise, wie sich bald herausstellte, denn noch im selben Jahr kehrte Deri in die Knesset zurück und wurde Innen- und Gesundheitsminister in Netanjahus neuer Regierung.

 Im Januar 2023 erklärte der Oberste Gerichtshof daraufhin, Deris Ernennung sei «äusserst unangemessen» und verwies auf dessen wiederholten Verurteilungen. Mehrere Richter kritisierten ausserdem, dass er während seines Plädoyers bewusst den Eindruck erweckt habe, sich aus der Politik zurückzuziehen. Schliesslich war Ministerpräsident Netanyahu gezwungen, Deri zu entlassen. Doch dieser blieb Mitglied der Knesset und Shas-Vorsitzender und übt seither auch ohne Ministerposten weiterhin beträchtlichen Einfluss aus. 

Das Massaker vom 7. Oktober 2023 illustrierte diese Tatsache: Obwohl Deri kein Ministeramt mehr bekleidete, war er ein regelmässiger Beobachter im Sicherheitskabinett und blieb eng in Kriegsentscheidungen eingebunden. Für Empörung sorgte 2025, dass er das Massaker, bei dem 1’200 Menschen bestialisch ermordet wurden, als «Teil von Gottes Plan» bezeichnete. Denn letztlich habe das Massaker Israel gerettet, weil es Irans umfassende Strategie zur Vernichtung des jüdischen Staates offenlegte. Die Familien der Opfer verurteilten diese Bemerkung als «Ohrfeige». 

Deri lehnt auch eine unabhängige staatliche Untersuchungskommission des Massakers vom 7. Oktober ab. Im Juli 2026 griff er IDF-Chef Eyal Zamir an, weil dieser sich gegen Gesetze zur Schutz von haredischen Wehrpflichtverweigerern aussprach, und warf ihm vor, in den Wahlkampf eingegriffen zu haben. Die IDF entgegnete, dass solche Anschuldigungen der gesamten Armee schadeten. 

Yitzhak Goldknopf: Polemik gegen Dienstpflicht für Haredim

Das «Vereinigte Torah-Judentum UTJ» mit den Parteien «Agudat Yisrael» und «Degel HaTorah» ist im Gegensatz zu «Shas» nicht zionistisch und setzt sich vor allem für den Schutz der aschkenasisch-haredischen Gemeinschaft ein. UTJ akzeptiert den israelischen Staat zwar als praktische Realität, verweigert ihm jedoch die religiöse, historische Bedeutung. Jahrzehntelang weigerten sich die UTJ-Politiker deshalb Ministerposten anzunehmen, um eine formelle Mitverantwortung für eine zionistische Regierung zu vermeiden.

Yitzhak Goldknopf wurde 1950 in Jerusalem geboren. Seine «Agudat Yisrael» repräsentiert chassidische Gemeinschaften, die sich um ihre geistlichen Führer («Rebbes») organisiert haben. Moshe Gafnis «Degel HaTorah» vertritt die litauische, nicht-chassidische Jeschiwa, deren ranghohe Torah-Gelehrte die höchste Autorität ausüben. Die internen Meinungsverschiedenheiten der UTJ betreffen eher rabbinische Hierarchien, Ernennungen, Haushalte und die Verteilung der Parlamentssitze als die öffentliche Politik.

Goldknopf gehört erst seit 2022 der Knesset an. Bevor er UTJ-Vorsitzender und Wohnungsminister wurde, leitete er ein grosses Netzwerk von Haredi-Kindergärten und führte Kampagnen gegen Unternehmen, die am Schabbat arbeiteten. Sein politischer Stil verbindet kommunale Beschwerden mit provokativer Rhetorik. Goldknopf hat auch schon öffentlich angezweifelt, dass der Unterricht von Englisch und Mathematik für die israelische Wirtschaft wichtig sei. Seine Hauptforderung ist die Befreiung der ultraorthodoxen Juden vom Militärdienst. Die vorgeschlagenen Sanktionen gegen haredische Dienstverweigerer verglich er mit dem gelben Stern, den die Nazis Juden auferlegt hatten. Solche Holocaust-Rhetorik tauchte auch bei extremistischen Haredi-Demonstrationen auf, wo die ultraorthodoxen Demonstranten die israelischen Polizisten als «Nazis» und «Hitler» bezeichneten.

Im Juni 2025 trat Goldknopf als Wohnungsminister zurück, nachdem die Regierung es versäumt hatte, eine für seine chassidische Fraktion akzeptable Ausnahme zu gewähren. 

Moshe Gafni: politisch erfahrener Hardliner

Moshe Gafni, geboren 1952, ist ein weitaus erfahrenerer und effektiverer Parlamentarier als Goldknopf. Er trat 1988 in die Knesset ein und leitete jahrelang deren mächtigen Finanzausschuss. Seine Beziehung zu demokratischen Institutionen ist oft massgeblich. Gafni verteidigt die parlamentarische Autorität, wenn sie seiner Gemeinschaft zugutekommt, lehnt aber die richterliche Autorität ab, wenn Gerichte gleichwertige Verpflichtungen durchsetzen. Im Januar 2026 forderte er die Regierung auf, die Entscheidungen des Obersten Gerichtshofs bezüglich der haredischen Wehrpflicht zu ignorieren. Nachdem die Polizei begonnen hatte, Wehrdienstverweigerer festzunehmen, wies er Degel HaTorah-Vertreter in der Kommunalverwaltung an, die Zusammenarbeit mit der Polizei auszusetzen, um nicht «mitschuldig zu werden, gegenüber jenen, welche die heilige Torah lesen».

Gafni vermeidet es, Soldaten der IDF direkt anzugreifen, und hat öffentlich für deren Sicherheit gebetet. Dennoch besteht er darauf, dass das Torah-Studium ebenso unverzichtbar für Israels Überleben ist: «Ohne Torah-Schüler haben wir keine Zukunft.» Seine Fraktion hat eine schärfere Sprache verwendet und den Behörden vorgeworfen, «den Tora-Gelehrten den Krieg erklärt» zu haben. Im Juli 2026 half Gafni zusammen mit Goldknopf und Deri, das Torah-Studium zu einem «grundlegenden Wert» Israels zu erklären. Gegner wie Oppositionsführer Yair Lapid nannten dies «ein Gesetz zur Finanzierung der Wehrpflichtvermeidung» und warfen der Regierungskoalition vor, «IDF-Soldaten ins Gesicht zu spucken». 

«Shas» könnte Opposition zur Mehrheit verhelfen

Ministerpräsident Benjamin Netanyahu bleibt der bevorzugter Partner von Shas und UTJ. Er seinerseits braucht sie, um an der Macht zu bleiben. Haredische Wähler sind aussergewöhnlich diszipliniert, was es ihren Parteien ermöglicht, zuverlässige parlamentarische Unterstützung im Gegenzug für Finanzierung und politische Zugeständnisse zu leisten. Dies wurde soeben wieder deutlich, als Netanyahus Koalitionsregierung mehrere pro-haredische Gesetze verabschiedete. Im Gegenzug erklärte Shas-Führer Deri, seine Partei werde ihn bei den Wahlen «mit voller Kraft» unterstützen. 

Der frühere Generalstabschef Gadi Eisenkot, der gemäss Umfragen mit seiner neugegründeten «Yashar!»-Partei bei den Oppositionsparteien in Führung liegt, hat durchblicken lassen, gegebenenfalls mit Shas zusammenzuarbeiten, falls er Regierungschef werden sollte. Ein einflussreicher Shas-Rabbiner deutete daraufhin zwar an, dass eine solche Zusammenarbeit möglich sein könnte. Doch Parteichef Deri lehnte das Angebot öffentlich ab. 

Wie sich Shas schliesslich entscheidet, kann für die Bildung der zukünftigen Regierung entscheidend sein. Eine jüngste Wählerumfrage des Fernsehsenders Kan errechnete für Shas und die haredische UTJ jeweils acht Sitze in der Knesset. Zusammen mit diesen insgesamt 16 Mandaten käme der Block von Netanyahu nach der Wahl auf total 51 im Parlament. 

Auf die zionistischen Parteien würden gemäss derselben Umfrage insgesamt 59 Parlamentssitze entfallen. Für eine Mehrheit braucht es im 120-köpfigen Parlament aber die Unterstützung von mindestens 61 Knessetmitgliedern. Shas mit acht Parlamentariern könnte der Opposition deshalb die zur Bildung einer neuen Regierung notwendige Mehrheit verschaffen. Allerdings würden die tiefgreifende Meinungsverschiedenheiten über Wehrpflicht und Religion ein solches Bündnis massiv erschweren.Am Dienstag, 27. Oktober könnten somit erneut drei Männer, die zusammen weniger als 15 Prozent der israelischen Bevölkerung repräsentieren und deshalb nie selbst die israelische Regierung anführen werden, entscheidenden Einfluss darauf haben, wer der nächste Ministerpräsident des jüdischen Staates wird und in welche Richtung sich das Land in den nächsten vier Jahren entwickeln wird.


Jan Kapusnak ist Politanalyst und Autor. Er lebt in Tel Aviv.

Bereits erschienene Porträts:

Benjamin Netanjahu: Vom Strippenzieher zur Marionette – doch noch nicht besiegt – FokusIsrael

Bezalel Smotrich: Vom Randaktivisten zum einflussreichen Koalitionspolitiker – FokusIsrael

Itamar Ben-Gvir: Vom Terror-Unterstützer zum Königsmacher – FokusIsrael

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