10. September 2026
Gespräche mit LegendenCarl Lutz zu FokusIsrael.ch: «Die Not der Juden war für mich als Christen ein Gewissensbefehl»
Zur Person
Der Schweizer Carl Lutz (eigentlich Karl Robert Lutz) wurde am 30. März 1895 in Walzenhausen im Appenzeller Vorderland geboren. Er wuchs als eines von zehn Kindern einer frommen Methodistenfamilie auf. Nach einer kaufmännischen Lehre wanderte Lutz 1913 in die USA aus, arbeitete und studierte dort und trat 1920 in den Dienst der Schweizer Gesandtschaft in Washington. 1935 heiratete er Gertrud Fankhauser; die kinderlose Ehe wurde 1946 geschieden. Von 1935 bis 1941 war Carl Lutz am Konsulat in Jaffa im britischen Mandatsgebiet Palästina tätig und erlebte dort arabisch-jüdische Unruhen sowie die Lage deutscher Staatsangehöriger im britischen Mandatsgebiet. Anfang 1942 wurde Lutz Vizekonsul in Budapest und Leiter der Abteilung für fremde Interessen. Er vertrat unter anderem Grossbritannien und die USA. Nach der deutschen Besetzung Ungarns im März 1944 und den Massendeportationen ungarischer Juden nach Auschwitz entwickelte Carl Lutz eine der grössten zivilen Rettungsaktionen des Holocaust. Mit einem Kontingent britischer Palästina-Zertifikate stellte er Schutzbriefe und Kollektivpässe aus, dehnte sie auf ganze Familien aus und brachte Zehntausende unter Schweizer Schutz. Rund 76 Gebäude, darunter das berühmte «Glashaus» in der Vadász utca, wurden zu Schutzhäusern.
Schätzungen zufolge rettete Carl Lutz etwa 62’000 Menschen – rund die Hälfte der überlebenden Budapester Juden. Er verhandelte mit der deutschfreundlichen ungarischen Horthy-Regierung, Edmund Veesenmayer und Adolf Eichmann, zog Juden aus Todesmärschen und sprang einmal in die Donau, um eine angeschossene Frau zu retten. Die Schweiz rügte ihn später wegen Kompetenzüberschreitung. 1949 heiratete Lutz die Ungarin Maria Magdalena («Magda») Grausz, die er mit ihrer Tochter Agnes geschützt hatte; er adoptierte das Mädchen. 1964 ehrte die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem ihn und seine erste Frau Gertrud als Gerechte unter den Völkern. Dreimal wurde er auch für den Friedensnobelpreis nominiert. Carl Lutz starb am 12. Februar 1975 in Bern. Seine Stieftochter Agnes Hirschi bewahrt sein Andenken. FokusIsrael.ch sprach mit Hilfe von KI mit Carl Lutz über seine Geschichte, seine Überzeugungen, seine Handlungen und sein Verhältnis zu den Juden.
Von Sacha Wigdorovits
Herr Lutz, wann realisierten Sie erstmals, was das Schicksal der ungarischen Juden war, welche in die Züge verfrachtet wurden?
Carl Lutz: Als die Deutschen im März 1944 Ungarn besetzten und bald die Züge rollten, sahen wir die Menschen mit Hundepeitschen gepeitscht, im Schlamm mit blutigen Gesichtern. Da wusste ich: Das ist nicht Evakuierung, das ist Vernichtung.
War Ihnen schon zuvor bewusst, was die Nazis mit «Endlösung der Judenfrage» meinten?
Carl Lutz: Von Verfolgung, Gelbem Stern und Zwangsarbeit wusste ich. Aber dass «Evakuierung nach dem Osten» Gaskammern bedeutete, trat uns erst 1944 mit voller Wucht entgegen – als die Provinz geleert wurde und die Züge nach Auschwitz gingen. Im Juni gelangten die Auschwitz-Protokolle zu uns. Da war der Name Endlösung kein amtliches Wort mehr, sondern Mord.
Wann reifte in Ihnen der Entschluss, den Juden zu helfen?
Carl Lutz: Der Entschluss reifte, als die Massen vor der Gesandtschaft standen und ich mich ständig fragte, wie ich ihnen helfen könne, ohne selbst eine persona non grata zu werden. Als Christ, der ich nicht nur dem Namen nach sein wollte, war die Hilfe in der Not eine Gewissenspflicht.
Wussten Ihre Vorgesetzten, vor allem die Schweizer Regierung, der Bundesrat, was Sie machten?
Carl Lutz: Ich handelte nach bester Überzeugung, ohne Bern zu fragen oder von dort unterstützt zu werden. Wir fühlten uns von der Aussenwelt verlassen. Ein Bundesrat sagte mir später: Sie hatten ja gar keine Befugnis zu dieser Rettungsaktion. Die Bezeichnung als schweizerische Kollektivpässe galt als nicht statthaft.
Was haben Sie ihm geantwortet?
Carl Lutz: Ich sagte ihm sinngemäss: «Die Gesetze des Lebens sind stärker als die Gesetze der Menschen. Wenn jemand ertrinkt, warte ich nicht auf eine Bewilligung, ehe ich ihn rette. Wenn so viele Länder Gesetze verletzen, um zu töten, darf eines sie verletzen, um zu retten.» Ich handelte nach meinem Gewissen, nicht nach den Akten. Die Kollektivpässe waren das einzige Mittel, das die verfolgten Juden noch schützte.
Sie wurden nach dem Krieg von den Schweizer Behörden sogar wegen Kompetenzüberschreitung gerügt. Was hat das in Ihnen bewirkt?
Carl Lutz: Es wirkte wie ein Schlag. Dank gab es keinen, als ich in die Schweiz zurückkam. Nur die Frage bei der Einreise: «Haben Sie etwas zu verzollen?» Seitdem wohnen zwei Menschen in mir: der humane Schweizer, der sich oft seines Schweizertums schämt – und der zum Schweigen verurteilte Diplomat.
Was war der schwierigste und gefährlichste Moment in jener Zeit?
Carl Lutz: Ich wusste, dass ich stündlich auf einem Vulkan ging. Adolf Eichmann (der Hauptverantwortliche für die Vernichtung der ungarischen Juden, Red.) sagte mir, kein Jude werde Budapest lebend verlassen, meine Mühe sei umsonst. Vier Stunden standen wir in Schnee und Eis in der Ziegelei Óbuda und schieden Schutzbriefe aus. Herzzerreissende Szenen. Noch heute frage ich mich, wen wir ins Verderben schickten.
Wie haben Sie Eichmann doch noch überzeugt, dass er Sie gewähren liess?
Carl Lutz: Er sagte mir, ich würde wie Moses vor dem Pharao reden, aber er sei nur der treue Diener seines Herrn. Ich antwortete: «Herr Obersturmbannführer, in meinen Augen gibt es keine Juden, Deutschen oder Schweizer, nur Menschen, die ihr Leben retten wollen. Wären Sie Jude, kämen Sie selbst zu mir.» Er antwortete: «Verdammt, Sie haben einen verfluchten Mut.»
Wie war Ihr Verhältnis zum schwedischen Gesandten Raoul Wallenberg, der sich ebenfalls für die Rettung der Juden einsetzte?
Carl Lutz: Kurz nach seiner Ankunft im Sommer 1944 besuchte mich Wallenberg in der amerikanischen Legation. Er sagte, er wolle eine Rettungsaktion führen, und bat um den Text unserer Schutzbriefe. Ich unterrichtete ihn so gut ich konnte. Andere Diplomaten lernten von dieser Methode; wir zogen Menschen aus den Marschkolonnen.
Sie haben damals über 62’000 Jüdinnen und Juden das Leben gerettet, mehr als jeder andere Helfer im Holocaust: Womit erfüllt Sie das im Rückblick?
Carl Lutz: Es macht mich froh, dass dank unserer Aktionen dort Hoffnung blieb, wo sonst nur Peitsche und Schlamm waren. Aber ich bedaure, nicht mehr Menschen gerettet zu haben. Es war höchst gefährlich, mit Adolf Eichmann zu verhandeln. Für die Geretteten war es der letzte Hoffnungsschimmer – für uns die schlimmste seelische Tortur.
Wenn Sie auf damals zurückblicken: Gibt es etwas, was Sie bedauern? Was Sie anders machen würden?
Carl Lutz: Ja. Noch heute muss ich mich fragen, wie viele wir vielleicht ins Verderben geschickt haben, neben denen, die wir retten konnten. Ich fühle Bedauern, dass ich nicht mehr Mitmenschen retten konnte. Die Ausscheidung echter und falscher Papiere war eine seelische Folter.
Sie waren zuvor im Schweizer Konsulat in Jaffa, im britischen Mandatsgebiet Palästina, tätig gewesen. Hatte dies in irgendeiner Weise einen Einfluss auf Ihren Entschluss, den ungarischen Juden zu helfen?
Carl Lutz: In Jaffa war ich Zeuge der Unruhen und vertrat deutsche Interessen. Die Deutschen erinnerten sich später daran. Palästina-Zertifikate wurden das rechtliche Werkzeug. Die Not der Juden war für mich als Christen ein Gewissensbefehl – unabhängig vom Posten, aber die Erfahrung in Jaffa schärfte mir für später den Blick.
Ein anderer Schweizer, der sich aus Gewissensgründen selbstlos für die Rettung der von den Nazis verfolgten Juden einsetzte, war der St. Galler Polizeikommandant Paul Grüninger. Haben Sie ihn einmal getroffen und mit ihm über ihre Rettungsaktionen gesprochen?
Carl Lutz: Paul Grüninger habe ich nicht getroffen und nicht mit ihm gesprochen. Unsere Wege kreuzten sich nicht. Jeder handelte an seinem Ort aus Gewissen. Ich kannte seine Geschichte später nur aus der Ferne. In Budapest standen wir allein vor Eichmann, den Pfeilkreuzlern (den ungarischen Nazis, Red.) und den Zügen.
In Israel, in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, wurden Sie 1964 für Ihr mutiges Handeln als «Gerechter unter den Völkern» geehrt. Was hat Ihnen das bedeutet?
Carl Lutz: Die Ehrung durch Yad Vashem galt auch Gertrud (der ersten Ehefrau von Carl Lutz, Red.). Sie bedeutete Anerkennung dort, wo das Amt schwieg. In jüngeren Jahren hatte ich die Vorsehung um eine besondere Aufgabe gebeten. Als die Juden in Budapest zu mir kamen, fühlte ich: Hier war sie. Das Gewissen wog schwerer als die Akten.
Anmerkung: Dieses Interview basiert auf den Schriften und überlieferten Äusserungen von Hannah Arendt, die mit Hilfe von KI ermittelt und wiedergegeben wurden. In unserer Serie «Gespräche mit Legenden» unterhalten wir uns mit verstorbenen Persönlichkeiten aus Politik, Religion, Wissenschaft und Kultur, die für das Judentum und Israel bedeutsam waren. Damit wollen wir sie und ihre Ideen dem heutigen Publikum näherbringen. Bisher erschienen sind Interviews mit:
Theodor Herzl, dem Begründer des modernen Zionismus
Chaim Weizmann, Israels erstem Staatspräsidenten
David Ben-Gurion, dem ersten Ministerpräsidenten Israels
Golda Meir, Israels bisher einziger Ministerpräsidentin
Anwar Sadat, dem ägyptischen Präsidenten, der 1977 nach Jerusalem reiste, um mit Israel Frieden zu schliessen
Moses, der das jüdische Volk aus der ägyptischen Sklaverei in die Freiheit führte
Maimonides, dem im 12. und 13. Jahrhundert lebenden grossen jüdischen Gelehrten
Lord Jonathan Saks, dem früheren britischen Oberrabbiner
Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse
Albert Einstein, dem Begründer der Relativitätstheorie
Robert Oppenheimer, dem «Vater der Atombombe»
Hedy Lamarr, der Hollywood-Ikone und Erfinderin
Estée Lauder, der Unternehmerin und Begründerin eines Weltkonzerns
Milton Friedman, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften
Levi Strauss, dem Erfinder der Jeans-Hose
Elie Wiesel, Schriftsteller und Friedensnobelpreis-Träger
Primo Levi, dem italienischen Chemiker und Schriftsteller
Theodor Adorno, dem deutschen Philosophen und Soziologen
Martin Buber, Philosoph, Religionswissenschaftler und Schriftsteller.
Hannah Arendt, Journalistin und streitbarer Denkerin
Sacha Wigdorovits ist Präsident des Vereins Fokus Israel und Nahost, der die Webseite fokusisrael.ch betreibt. Er studierte an der Universität Zürich Geschichte, Germanistik und Sozialpsychologie und arbeitete unter anderem als USA-Korrespondent für die SonntagsZeitung, war Chefredaktor des BLICK und Mitbegründer der Pendlerzeitung 20minuten.
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