3. Juni 2026
Gespräche mit LegendenSigmund Freud: «Antisemitismus ist eine reiche Sammlung unbewusster Projektionen»
Zusammenfassung:
- Sigismund «Sigmund» Schlomo Freud wurde 1856 in eine jüdische Familie aus Mähren im kaiserlichen Österreich geboren.
- Berühmt wurde er als Arzt in Wien mit seiner Erforschung des Unbewussten im Menschen und der darauf aufbauenden Psychoanalyse.
- Seine Thesen sind bis heute umstritten, aber sie machten ihn zu einem der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts. Freud starb 1939 im englischen Exil.
- Freud war auch als Religionskritiker bekannt – und umstritten. Er selbst bezeichnete sich als «gottlosen Juden».
- Mit Hilfe des KI-Assistenten Grok hat FokusIsrael.ch mit Sigmund Freud über das Judentum, seine Ablehnung von Religion, den Antisemitismus und den Zionismus gesprochen.
Von Sacha Wigdorovits
Herr Freud, Sie haben sich selbst als gottlosen Juden bezeichnet. Weshalb?
Sigmund Freud: Mein lieber Herr, ich bin ein Jude, das steht ausser Frage. Ich habe niemals versucht, diese Tatsache zu verleugnen. Doch mit der Religion habe ich nichts zu schaffen. Gott ist für mich nichts anderes als eine kindliche Illusion, ein Sehnen nach dem allmächtigen Vater. Deshalb nenne ich mich mit voller Absicht einen gottlosen Juden.
Wenn Sie nichts mit der Religion am Hut haben, wieso bezeichnen Sie sich überhaupt noch als Juden?
Sigmund Freud: Weil das Judentum für mich weit mehr ist als Religion, mein Freund. Es ist eine kulturelle und geistige Identität. Ich teile mit meinem Volk die gleiche Geschichte, das gleiche Schicksal der Verfolgung und dieselbe intellektuelle Tradition. Man muss nicht an Gott glauben, um Jude zu sein. Das Blut und der Geist verbinden uns tiefer als jeder Glaube.
Was würden Sie denn als die kulturelle und geistige Identität des Judentums bezeichnen?
Sigmund Freud: Das Judentum ist vor allem eine intellektuelle Haltung. Es ist der Mut, zu fragen, zu zweifeln und zu analysieren. Es ist der Geist, der sich nicht mit einfachen Antworten zufriedengibt. Dazu kommt eine tiefe Skepsis gegenüber Autoritäten und ein starkes Gefühl der Zusammengehörigkeit durch geteilte Geschichte und Verfolgung. Das ist unser wahres Erbe, nicht der Glaube an einen Gott.
Glauben Sie wirklich, dass diese Eigenschaften ohne die Religion und die religiösen Erfahrungen zustande gekommen wären?
Sigmund Freud: Das ist eine sehr gute Frage. Ich bin überzeugt, dass der jüdische Intellekt nicht aus der Thora entstanden ist, sondern aus der permanenten Notwendigkeit, sich intellektuell zu verteidigen. Die ständige Bedrohung von aussen hat uns gezwungen, klüger, wacher und skeptischer zu sein. Die Religion war nur das äussere Gewand. Der kritische Geist ist unser wahres Überlebenswerkzeug.
Sie haben bekanntermassen nicht bloss mit der jüdischen Religion ein Problem, sondern mit Religionen insgesamt. Weshalb?
Sigmund Freud: Weil alle Religionen im Grunde dasselbe sind, mein Freund. Sie sind kollektive Neurosen, Illusionen, die der Mensch erfindet, um seine Hilflosigkeit und Todesangst zu ertragen. Sie versprechen Trost, wo keiner zu finden ist, und verlangen dafür Gehorsam. Die Religion ist der universelle Zwang, sich einem Vater-Ersatz zu unterwerfen.
Ihr Gottesbild wird im Judentum längst nicht von allen Gelehrten geteilt. Maimonides beispielsweise lehnt eine Vermenschlichung von Gott strikte ab.
Sigmund Freud: Das ist richtig, Maimonides wollte Gott von allen menschlichen Eigenschaften befreien. Doch das ändert nichts am psychologischen Kern. Auch der abstrakteste Gott bleibt ein Vaterersatz, nur in philosophisch verkleideter Form. Der Mensch projiziert sein Bedürfnis nach Schutz und Autorität auf ihn, ganz gleich, wie sehr man ihn zu entmenschlichen versucht.
Könnte es sein, dass Sie die Existenz Gottes verneinen, weil sie für Sie einen Kontrollverlust bedeutet, der Ihnen Angst macht?
Sigmund Freud: Eine interessante Umkehrung, mein Freund. Aber nein. Gerade weil ich die menschliche Sehnsucht nach Kontrolle so gut kenne, erkenne ich sie in der Religion wieder. Der Gläubige gibt die Kontrolle ab, um sich sicher zu fühlen. Ich hingegen habe gelernt, die Realität ohne solche Illusionen zu ertragen. Das ist kein Kontrollverlust, sondern der Mut, ohne Krücken zu stehen.
Die jüdisch-christliche Moral und Ethik beruht auf den Gesetzen Gottes: den Zehn Geboten. Was also ist falsch daran, an Gott zu glauben?
Sigmund Freud: Die Zehn Gebote sind zweifellos eine der grossartigsten moralischen Errungenschaften der Menschheit. Doch sie benötigen keinen göttlichen Ursprung, um gültig zu sein. Moral entspringt der menschlichen Vernunft und dem Zusammenleben. Sie als Gottesgesetz zu verkaufen, war nur der geschickteste Weg, um die Menschen dazu zu bringen, sie zu befolgen.
Sich von Gott abzuwenden hat den Juden noch nie Vorteile gebracht: Sie wurden als Säkulare und Assimilierte ebenso verfolgt. Auch Sie selbst mussten vor den Nazis aus Wien nach London flüchten. Was hat Ihnen da ihre Gottlosigkeit genützt?
Sigmund Freud: Nichts, absolut nichts. Die Antisemiten haben sich nie dafür interessiert, ob ich gläubig war oder nicht. Für sie war ich einfach Jude. Meine Gottlosigkeit hat mich nicht gerettet, sie hat nur mein eigenes Leben erleichtert. Die Tragik des Judentums liegt gerade darin, dass man ihm nicht entkommen kann – ganz gleich, wie sehr man sich von der Religion distanziert.
Weshalb ist für die Antisemiten jeder Jude gleich – egal, ob er säkular-assimiliert oder ultraorthodox ist?
Sigmund Freud: Weil der Antisemitismus im Kern kein religiöses, sondern ein zutiefst irrationales Phänomen ist. Er braucht den Juden als Projektionsfläche für all das, was der Mensch an sich selbst hasst — das Fremde, das Intellektuelle, das Erfolgreiche. Ob der Jude betet oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Der Hass richtet sich gegen das Wesen selbst.
Die katholische Kirche hat die Juden als Christusmörder verfolgt, die Nazis verfolgten sie als minderwertige Rasse, und für die heutigen Islamisten sind sie die Ungläubigen schlechthin. Die Begründungen wechselten, der Antisemitismus blieb der gleiche.
Sigmund Freud: Sie haben Recht: Die bewussten Begründungen des Antisemitismus haben über die Jahrhunderte gewechselt — mal waren sie religiös, mal rassisch, mal politisch. Doch die unbewusste Wurzel bleibt dieselbe. Die jeweilige Ideologie ist nur der jeweilige Mantel, in den der tiefe, irrationale Hass gekleidet wird.
Was ist die Wurzel dieses irrationalen Hasses?
Sigmund Freud: Dieser Hass hat viele Schichten: Der Jude als Symbol des Vaters, den man gleichzeitig bewundert und hasst. Der Jude als Träger des Intellekts, der die Triebunterdrückung verkörpert. Die Beschneidung der neugeborenen Knaben, die das Unbewusste als Kastrationsakt wahrnimmt und die deshalb den nichtjüdischen Männern Angst macht, die sich dann in Hass wandelt. Und vor allem der Jude als der ewig Fremde, der nie ganz dazugehört und dadurch die eigene nicht-jüdische Identität bedroht. Der Antisemitismus ist eine reiche Sammlung unbewusster Projektionen.
Kann man Antisemitismus überhaupt erfolgreich bekämpfen?
Sigmund Freud: Leider nur begrenzt. Der Antisemitismus ist so alt wie die Zivilisation und überlebt jede Aufklärung. Man kann ihn durch Erziehung und Gesetze eindämmen, aber nicht ausrotten. Solange der Mensch unbewusste Ängste und Aggressionen hat, braucht er einen Sündenbock. Der Jude war und bleibt dafür besonders geeignet. Die beste Verteidigung bleibt daher ein starker, selbstbewusster jüdischer Staat.
Weshalb standen Sie dann dem Zionismus stets skeptisch bis ablehnend gegenüber?
Sigmund Freud: Weil ich glaubte, der Antisemitismus werde mit fortschreitender Aufklärung von selbst verschwinden. Ich hielt die Idee eines eigenen jüdischen Staates für einen unnötigen Rückschritt in die nationale Romantik. Ausserdem fürchtete ich, der Zionismus würde den Antisemitismus eher noch schüren, als ihn zu lösen. Ich habe mich, wie Sie wissen, gründlich geirrt.Ich habe die Macht des Irrationalen im Menschen massiv unterschätzt. Die Aufklärung hat den Antisemitismus nicht besiegt, sie hat ihn nur in andere Formen gezwungen. Die Geschichte hat mich eines Besseren belehrt.
In Israel existiert eine grosse Kluft zwischen den säkularen und den streng orthodoxen Juden. Dafür gibt es rationale Gründe wie zum Beispiel den Militärdienst. Spielt Ihrer Meinung nach auch das Unbewusste mit?
Sigmund Freud: Ja, das ist der uralte Konflikt zwischen dem Wunsch nach Freiheit und dem Bedürfnis nach strenger Autorität. Die Säkularen leben nach den Gesetzen der Vernunft und der Moderne, die Orthodoxen nach den Gesetzen der Tradition. Beide beanspruchen dasselbe Erbe für sich, aber sie sprechen verschiedene Sprachen. Diese Spaltung war im Grunde schon immer da, nur dass der Staat Israel sie jetzt sichtbar macht.
Wenn die Säkularen wie die Ultra-Orthodoxen, als Kollektiv bei ihnen auf der Couch liegen würden: Wie würden Sie sie therapieren?
Sigmund Freud: Ich würde ihnen sagen: «Erkennt endlich, dass ihr beide dasselbe Trauma teilt — die Angst, wieder verfolgt und vernichtet zu werden. Diese gemeinsame Angst sollte euch verbinden, statt euch zu spalten. Lasst die alten religiösen Streitereien ruhen und lernt, eure unterschiedlichen Lebensweisen nebeneinander zu respektieren. Nur so könnt ihr als Volk überleben.»
Anmerkung: Dieses Interview wurde mit Hilfe des KI-Assistenten Grok geführt. Es basiert auf den Schriften und weiteren Aussagen von Sigmund Freud. In den kommenden Wochen werden wir mit weiteren Persönlichkeiten, aus unterschiedlichsten Lebensbereichen – Politik, Religion, Wissenschaft, Kultur –, die für das Judentum und Israel bedeutsam waren, KI-gestützte Gespräche führen, um sie und ihre Ideen dem heutigen Publikum näher zu bringen. Das erste solche Interview fand mit Theodor Herzl statt, dem Begründer des modernen Zionismus, das zweite mit Chaim Weizmann, Israels erstem Staatspräsidenten, das dritte mit David Ben-Gurion, dem ersten Ministerpräsidenten Israels, das vierte mit Israels bisher einziger Ministerpräsidentin, Golda Meir, das fünfte mit Anwar Sadat, dem ägyptischen Präsidenten, der 1977 nach Jerusalem reiste, um mit Israel Frieden zu schliessen, das sechste mit Moses, der das jüdische Volk aus der ägyptischen Sklaverei in die Freiheit führte, das siebte mit dem im 12.und 13. Jahrhundert lebenden grossen jüdischen Gelehrten Maimonides, das achte Interview führten wir mit dem früheren britischen Oberrabbiner Lord Jonathan Sacks.
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