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Mit «Fauda» tut Netflix mehr für Israel als jedes andere Medium

Auf der Streaming-Plattform Netflix läuft derzeit die fünfte Staffel der israelischen Serie «Fauda». Darin geht es um die Mitglieder einer Kommandoeinheit der israelischen Armee, die mit dem Geheimdienst Schin Bet zusammenarbeitet. Nichts trägt im Westen und in der arabischen Welt mehr zum Verständnis für den jüdischen Staat und dessen Bevölkerung bei als diese Serie und insbesondere die jetzige Staffel. Viel Lärm um nichts ist demgegenüber die Aufregung um den anti-israelischen Dokumentarfilm «NAZA». 

Von Sacha Wigdorovits[i]

Derzeit illustriert der israelische Dokumentarfilm «NAZA», dass auch die heutige Generation von Filmemachern und -macherinnen die Kunst der Manipulation bestens beherrscht. Der Film zeigt anhand von 24 anonym geführten Interviews mit (angeblichen?) Soldaten und Offizieren der israelischen Verteidigungsstreitkräfte IDF, wie die israelische Armee bei ihrem Kampf gegen die Terrororganisation Hamas im Gaza-Krieg zivile Opfer in Kauf genommen hat. 

Dass diese Opfer die Folge davon waren, dass die Hamas inmitten des dichtbesiedelten Gebiets von Gaza operierte und die dortige Bevölkerung gezielt als Schutzschild missbrauchte, war für die Filmemacher Nebensache. Ebenso für das Publikum am Filmfestival von Venedig, wo der von zwei israelischen Aktivisten gemachte und vom linken britischen «Guardian» finanzierte «NAZA» die längste Standing Ovation in der Festspielgeschichte erntete.

Dies beweist allerdings nur, dass die grösstenteils linke europäische Kulturszene frenetisch alles bejubelt, was gegen den «Kolonialstaat» Israel und gegen die «Zionisten» (= Juden) gerichtet ist. Denn trotz der darauffolgenden breiten Medienberichterstattung gibt es bisher keine Anzeichen, dass «NAZA» auch ausserhalb des Vorführsaals von Venedig ein grosses Echo haben wird. Es scheint eher, als werde hier, um mit William Shakespeare zu sprechen, viel Lärm um nichts gemacht.

«Fauda» ist in 11 muslimischen Ländern in den Top-Ten

Ganz anders verhält es sich mit Staffel 5 der israelischen Serie «Fauda», die seit dem 8. September auf Netflix läuft, der weltweit führenden Streaming-Plattform mit über 300 Millionen Abonnenten. Eine Woche nach dem Start figuriert diese Serie, bei der es um eine israelische Anti-Terror-Einheit geht, in 43 Ländern unter den Top-Ten. Darunter auch viele aus der muslimischen Welt, wie Libanon (Platz 1), Jordanien und Bahrain (Platz 2), die Vereinigten Arabischen Emirate VAE (Platz 2-3), Katar, Oman und Kuwait (Platz 3), Ägypten (Platz 3-4), Marokko (Platz 5), Saudi-Arabien (Platz 8-9), Türkei (Platz 10).

In Europa läuft «Fauda» derzeit in Griechenland, Rumänien, Serbien, der Slowakei und Zypern am besten (Platz 2), gefolgt von Polen und Kroatien (Platz 3), Frankreich (Platz 4) sowie der Schweiz, Deutschland und Italien (Plätze 5 – 6).

Dass die auf Hebräisch und Arabisch gesprochene Serie «Fauda» des israelischen Fernsehsenders «Yes» auch in den muslimischen Ländern eine hohe Reichweite erzielt, ist nicht neu. In der Vergangenheit hat sogar Palästinenser-Präsident Mahmoud Abbas den Machern der Serie, dem Journalisten Avi Issacharoff und seinem Co-Autor Lior Raz (er diente früher selbst in der IDF-Spezialeinheit «Duvdevan»), zu «Fauda» gratuliert.

Das Trauma des 7. Oktober im Mittelpunkt

Dennoch ist es bemerkenswert, dass Staffel 5 die früheren Rekorde in der muslimischen Welt sogar noch bricht. Denn im Zentrum steht das Massaker der Terrororganisation Hamas vom 7. Oktober, bei dem im Süden Israels über 1’200 Menschen, vom Kleinkind bis zur Seniorin, ermordet wurden. Dieses Massaker wird in den Folgen 7 und 8 der Staffel gezeigt, mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass man sie überspringen könne, ohne den Anschluss an die Haupthandlung zu verlieren.

Diese Haupthandlung dreht sich um die Zeit zwei Jahre danach, als Israel die Verfolgung der Mörder aufgenommen hat und beginnt, sie zu eliminieren. Dabei steht im Gegensatz zu den früheren «Fauda»-Staffeln nicht Gaza oder das Westjordanland im Zentrum, sondern Frankreich. Denn in der dortigen grossen muslimischen Community haben sich zahlreiche der Mörder des 7. Oktober versteckt, um einen neuen grossen Anschlag auf den jüdischen Staat zu planen – was der israelische Inlandgeheimdienst Schin Bet schliesslich grösstenteils verhindern kann.

Das Wichtigste an Staffel 5 von «Fauda» ist indessen nicht dieser (Teil-)Erfolg. Entscheidend ist, dass das kollektive Trauma, das Israel seit dem 7. Oktober 2023 beherrscht, in «Fauda» menschliche Gesichter erhält. Dies ist insbesondere bei der Hauptfigur «Eli» der Fall, dessen Frau und zwei Kinder am 7. Oktober von Hamas-Terroristen ermordet wurden.

Auch bei «Doron», dem impulsiven und widersprüchlichen «Helden» von «Fauda», zeigen sich die tiefen seelischen Spuren, die der 7. Oktober hinterlassen hat: Er wird Zeuge, wie am Nova-Festival über 400 meist jugendliche Teilnehmer von der Hamas angezündet, vergewaltigt und kaltblütig erschossen werden und leidet seither unter einem posttraumatisch bedingten zeitweisen Gedächtnisverlust.

Statt des islamistischen nun das israelische Narrativ

Natürlich mag es sein, dass gewisse Zuschauer in den arabischen Ländern und in den muslimischen Communities Europas die in den Folgen 7 und 8 – zurückhaltend – gezeigten Gräueltaten der Hamas am 7. Oktober bejubeln. Aber sehr viele andere werden, von dem, was sie in «Fauda» sehen, wohl betroffen sein. Weil sie das Narrativ des damaligen Massakers jetzt erstmals aus israelischer Sicht und mit den Augen der davon Betroffenen zu sehen und zu hören bekommen.

Dies ist auch für die nicht-muslimische Zivilgesellschaft der westlichen Welt wichtig. Denn in den Jahren seit dem Massaker in Israel war die Medienberichterstattung bei uns meist geprägt von den Leiden der Menschen in Gaza. Dass dieser Krieg durch das grösste Pogrom der Nachkriegsgeschichte ausgelöst wurde, verübt von palästinensischen Terroristen, ist hingegen vielerorts in Vergessenheit geraten. Oder es wird, wie bei «NAZA», aus politischen Gründen bewusst ausgeblendet.

Staffel 5 von «Fauda» ruft dies jetzt auf eindringliche Weise wieder in Erinnerung und zeigt das Leiden, das dieser bestialische Terrorakt in Israel ausgelöst hat und bis heute auslöst. Sichtbar wird dies nicht bloss den Besuchern eines einzelnen Kinosaals in Venedig, sondern den Millionen von Netflix-Abonnenten auf der ganzen Welt. 

Damit weckt Netflix mit «Fauda» mehr Mitgefühl für die bis heute vom 7. Oktober traumatisierte israelische Bevölkerung und leistet mehr für das Verständnis des jüdischen Staates, als es irgendein anderes Medium in den letzten beinahe drei Jahren vermochte.


[i] [i]Sacha Wigdorovits ist Präsident des Vereins Fokus Israel und Nahost, der die Webseite fokusisrael.ch betreibt. Er studierte an der Universität Zürich Geschichte, Germanistik und Sozialpsychologie und arbeitete unter anderem als USA-Korrespondent für die SonntagsZeitung, war Chefredaktor des BLICK und Mitbegründer der Pendlerzeitung 20minuten.

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