28. August 2026
Gespräche mit LegendenMartin Buber im Gespräch mit FokusIsrael.ch: «Die Völker führen kein echtes Gespräch mehr. Das ist die Pathologie der Stunde»
Zur Person:
Martin Buber (1878–1965) war ein österreichisch-israelischer jüdischer Philosoph, Religionswissenschaftler und Schriftsteller. Er wurde in Wien geboren und wuchs nach der Trennung seiner Eltern bei seinen Grosseltern in Lemberg auf. Schon früh beschäftigte er sich intensiv mit jüdischer Tradition, Philosophie und Literatur. Besonders prägend war seine Auseinandersetzung mit dem Chassidismus, einer aus dem 18. Jahrhundert stammenden religiösen Bewegung des osteuropäischen Judentums. Buber wurde vor allem durch seine dialogische Philosophie bekannt. Im Mittelpunkt seines Denkens steht die Beziehung zwischen Menschen. Sein berühmtestes Werk heisst «Ich und Du» (1923). Für Buber entsteht echtes Menschsein im Dialog und in der Begegnung. Martin Buber war Zionist und emigrierte 1938 wegen der Verfolgung und Unterdrückung der Juden durch die Nationalsozialisten aus Deutschland nach Palästina. Dort lehrte er an der Hebräischen Universität Jerusalem und beschäftigte sich unter anderem mit Bibel, Religion und Erziehung. Nach dem Zweiten Weltkrieg engagierte er sich weiterhin für Verständigung und Frieden, insbesondere auch zwischen Juden und Arabern. Martin Buber starb 1965 in Jerusalem. Sein Denken über Dialog, Beziehung und gegenseitige Anerkennung prägt bis heute Philosophie, Pädagogik, Psychologie und Religionswissenschaft. FokusIsrael.ch hat Martin Buber mit Hilfe von KI zu seiner Auffassung des Judentums und Zionismus befragt sowie zu Israel und den Herausforderungen für unsere Gesellschaft ganz allgemein.
Martin Buber, was bedeutet Zionismus für Sie?
Martin Buber: Zionismus war für mich nie zuerst die Gründung eines Staates mit Kanonen, Fahnen und Orden. Ich habe das früh, schon gegen Theodor Herzl, so gesagt. Zionismus ist für mich die Wiedergeburt Israels als lebendiges Volk: Rückkehr zur Sprache, zur Arbeit, zur Gemeinschaft und vor allem zur Verwirklichung dessen, was Judentum seinem Ursprung nach ist. Wir wollen Palästina nicht «für die Juden» im Sinne eines weiteren Machtgebildes unter den Völkern. Wir wollen es für die Menschheit, denn wir wollen es für die Verwirklichung des Judentums. Ohne diese innere Erneuerung bleibt der Staat nur nationale Assimilation – ein Volk, das werden will wie alle Völker und dabei den Auftrag vergisst, der ihm den Namen Zion gegeben hat.
Sie sind 1938 nach Palästina emigriert. Wieso dorthin und nicht beispielsweise in die USA?
Martin Buber: Weil Palästina für mich nicht ein Zufluchtsort unter anderen war, sondern der Ort der Verwirklichung. Schon 1934 habe ich den Entschluss zur Alija festgehalten; die Nazis haben ihn nur unausweichlich gemacht. In Deutschland war jüdisches öffentliches Leben zerstört, die Professur genommen, die Kinder aus den Schulen gestossen. Aber Amerika wäre ein weiteres Exil gewesen – vielleicht sicherer, aber nicht der Ort, an dem das jüdische Volk wieder ein Volk im Land werden kann. Das Land ist uns nicht als Besitz verheissen, sondern als Aufgabe: es zu bebauen, ihm zu dienen, mit denen zu leben, die bereits darauf wohnen. Eine Rettung nur der Leiber ohne Erneuerung des Bundes wäre für mich kein Zion gewesen.
1948 wurde der Staat Israel gegründet. Was sagten Sie dazu und zur Unabhängigkeitserklärung, die David Ben-Gurion am 14. Mai 1948 verlas?
Martin Buber: Ich habe den Staat Israel als die Gestalt angenommen, die die neue jüdische Gemeinschaft aus dem Krieg erhalten hat. Ich habe nichts gemein mit denen, die diese faktische Unabhängigkeit bestreiten wollen. Aber ich habe sie nicht als Erfüllung des Zionismus begrüsst. Zwei Wochen nach der Proklamation schrieb ich: «Vor fünfzig Jahren, als ich der zionistischen Bewegung um der Wiedergeburt Israels willen beitrat, war mein Herz ganz. Heute ist es zerrissen.» Die Eile um Souveränität um jeden Preis – der Biltmore-Weg – bedeutete Krieg mit den Nachbarn. Ein Zionismus, der keinen Herrn über dem scheinbaren Interesse der Nation anerkennt, lästert den Namen Zion. Er ist eine der groben Formen des Nationalismus. Die Unabhängigkeitserklärung spricht von Frieden und Nachbarschaft; das Wort ist recht. Die Frage war und bleibt, ob der Staat diesem Wort dient oder ob das Wort dem Staat dient.
Nach der Staatsgründung überfielen die angrenzenden arabischen Staaten Israel und versuchten es auszulöschen. Wie haben Sie den Krieg erlebt? Was löste er in Ihnen aus?
Martin Buber: Ich habe ihn mit zitterndem Herzen erlebt, wie jeder in Jerusalem. Wider meinen Willen war ich mit meinem Sein daran beteiligt. Ich konnte mich selbst über eine Siegesnachricht nicht freuen, denn ich fürchtete, die Bedeutung eines jüdischen Sieges könne der Untergang des Zionismus sein. Der Krieg bestätigte, was ich seit Jahrzehnten gesagt hatte: Wer die andere Seite zur Minderheit ohne Recht machen will, ohne Vertrag und ohne Begegnung, der erntet Krieg. Zugleich gilt: Ein Volk, das man auslöschen will, darf sich wehren. Ich war kein Pazifist um jeden Preis. Aber die Pflugschar muss unsere Waffe bleiben, die Pflugschar ohne Furcht. Terror, auch der eigene, ist Tod der Bewegung. Der Krieg hat in mir nicht den Hass auf «die Araber» entzündet, sondern die Angst, dass wir im Überleben die Seele des Auftrags verlieren.
Sie plädierten für ein friedliches Miteinander, zeitweise für einen gemeinsamen Staat. War das nicht naiv – angesichts späterer Vernichtungsversuche, auch aus dem Iran?
Martin Buber: Wer heute nur die Vernichtungsabsicht sieht und daraus folgert, Dialog sei kindisch oder naiv, verwechselt den fehlenden Partner mit der bleibenden Aufgabe. Dass viele auf der anderen Seite – und die Mächte, die Israel auslöschen wollen – das «Du» verweigern und den Juden zum «Es» machen, das zu vernichten sei, widerlegt nicht die Forderung nach Begegnung, sondern zeigt ihre Notwendigkeit. Nach 1948 habe ich den Staat Israel angenommen und dennoch weiter für gleiche Rechte der Araber im Land und gegen Enteignung gesprochen.
Was meinen Sie mit «Es» und «Du»?
Martin Buber: Es gibt in der Welt zwei grundlegende Wortpaare: Ich-Du und Ich-Es. Sage ich «Du», spreche ich mit dem ganzen Wesen als Gleichgestellten. Es steht mir kein Gegenstand gegenüber. Es vollzieht sich eine Beziehung. Ich begegne dem anderen, ich verfüge nicht über ihn. Sage ich «Es», dann wird Welt, Mensch, Baum, ja sogar Gott zum Gegenstand: etwas, das man einordnet, benützt, erklärt. Ohne «Es» kann der Mensch nicht leben, Aber wer mit dem «Es» allein lebt, ist nicht der Mensch. Erst im «Du» werde ich wirklich ich.
Sie waren Opfer des Nationalsozialismus. Wie ist heute Ihr Verhältnis zu den Deutschen?
Martin Buber: Ich gehöre zu denjenigen, die das Geschehene nicht überwunden haben und nicht überwinden werden. Damals haben Tausende Deutsche auf Befehl Millionen meiner Volks- und Glaubensgenossen in einem Verfahren umgebracht, dem an organisierter Grausamkeit nichts früher Vergleichbares gleicht. Dennoch weigere ich mich, ein Volk mit seinem Abschaum zu identifizieren. Generalisierung ist die erste Ungerechtigkeit – gegenüber Juden wie gegenüber Deutschen.
Die deutsch-jüdische Symbiose ist zu Ende; eine Rückkehr zum Leben in Deutschland kam für mich nicht in Frage. Aber 1953 bin ich in die Paulskirche gegangen, nicht um die Vergangenheit zuzudecken, sondern um für die Zukunft zu streiten: für das echte Gespräch. Den Deutschen guten Willens, vor allem der Jugend, die den Blick für die tiefere Wirklichkeit nicht verloren hat, gilt meine Sympathie. Versöhnung heisst nicht Vergessen. Sie heisst, den anderen als diesen existenten Anderen wahrzunehmen – auch dort, wo die Erinnerung dem entgegensteht.
Heute erleben wir ein grosses Wiederaufflammen des Antisemitismus weltweit. Was sagen Sie dazu?
Martin Buber: Antisemitismus ist nicht bloss ein Vorurteil. Er ist die Weigerung, den Juden als Du zu nehmen. Man hasst ein Gespenst oder man hasst den lebendigen Menschen, den man schon kennt – nach der Emanzipation oft das zweite. Israel trägt das Buch in der Hand, das auch das Buch der Völker geworden ist, und bleibt dennoch das Volk, das nicht aufgeht. Das ist eine Quelle des immer wiederkehrenden Hasses. Wo der Jude wieder zum Es wird – zur Chiffre für Kapital, für Kolonialismus, für Unheil –, ist die Gottesfinsternis nahe. Nicht weil Gott tot wäre, sondern weil der Mensch die Beziehung verdunkelt. Gegen den neuen Hass hilft nur, dass Juden und Nichtjuden wieder lernen, einander anzureden, und dass Israel selbst nicht das Bild liefert, das der Hasser braucht: das Bild eines Volkes, das keinen Herrn über sich anerkennt.
Was bedeutet eigentlich „Judentum“ für Sie?
Martin Buber: Judentum ist keine Konfession, die man ablegt, und keine Abstammung, die man bloss hat. Es ist eine Richtung des Lebens: das Streben nach Einheit – Einheit des Menschen mit sich, mit dem Mitmenschen, mit der Welt und mit Gott. Es ist nicht Lehre zuerst, sondern Verwirklichung. Darum habe ich mich vom bloss rituellen und vom bloss nationalen Judentum gleichermassen ferngehalten. Israel ist zum Bund gerufen, nicht zum Privileg. Judentum, das nur überleben will, ohne zu antworten, hört auf, Judentum zu sein, auch wenn es hebräisch spricht.
Sie sind sehr stark dem aus Osteuropa stammenden Chassidismus verbunden: Wieso?
Martin Buber: Weil ich im frühen Chassidismus Urjüdisches fand: nicht eine neue Lehre, sondern eine Lebenshaltung. Gott ist in jedem Ding zu schauen und durch jede reine Tat zu erreichen. Heilig und profan werden nicht getrennt; der Alltag selbst soll zum Sakrament werden. Die Zaddikim (Lehrer, Red.) haben nicht spekuliert, sie haben gelebt, erzählt, getanzt, gearbeitet und Gott in der Begegnung gemeint. Das hat mich dem erstarrten Gesetz und der leeren Aufklärung zugleich entgegengestellt. Ich war selbst kein Chassid der Gemeinde. Aber diese Frommen haben mir gezeigt, dass Religiosität Beziehung ist, nicht System.
Ihr berühmtestes Werk heisst „Ich und Du“. Welche Erkenntnisse äussern Sie darin?
Martin Buber: Die Welt ist dem Menschen zwiefältig nach seiner zwiefältigen Haltung. Das eine Grundwort ist Ich-Du, das andere Ich-Es. Im Ich-Es erfahren, nutzen, ordnen wir; das ist nötig, aber es ist nicht das wirkliche Leben. Alles wirkliche Leben ist Begegnung. Beziehung ist Gegenseitigkeit. Der Zweck der Beziehung ist die Beziehung selbst: die Berührung des Du. Sobald wir ein Du berühren, rührt uns ein Hauch ewigen Lebens an. Gott ist nicht hinter der Welt, sondern in der Beziehung, die nicht zum Es werden kann.
„Ich und Du“ entstand 1923. Würden Sie es heute – nach dem Holocaust und allem was darauf folgte – heute gleich schreiben?
Martin Buber: Im Kern: ja. 1957 habe ich dem Buch ein Nachwort gegeben und dieses nicht widerrufen. Was die Stunde seither gelehrt hat – die Vernichtung, der Staat, die Technik, die Ideologien –, das habe ich später «Gottesfinsternis» genannt. Die Sonne ist nicht fort, aber etwas tritt zwischen uns und sie. Nach Auschwitz ist nicht Gott gestorben, aber die Beziehung zu ihm ist verdunkelt. Ich würde schärfer schreiben, wie leicht das Du zum Es wird, auch im Namen heiliger Güter: Volk, Staat, Fortschritt, sogar Dialog. Die Grundgedanken des Buchs blieben dieselben. Doch die Warnung wäre strenger.
Wie zuversichtlich sind Sie bezüglich der westlichen Gesellschaft und des Staates Israel? Was müssen wir verstehen, was ändern?
Martin Buber: Die Völker führen kein echtes Gespräch mehr. Das ist die Pathologie der Stunde. Der Westen erstickt im Ich-Es: Verwaltung, Technik, Meinung, Macht. Israel steht in der Gefahr, ein Staat wie die anderen zu werden – und dadurch den Sinn seiner Wiederkehr zu verlieren.
Die Menschen müssen verstehen, dass es keinen Weg am Anderen vorbei gibt. Wir brauchen die Bereitschaft, den anderen als diesen Anderen wahrzunehmen und die Folgen des Gesprächs mit ihm zu tragen. Ich bin nicht zuversichtlich im Sinne der Prognose. Ich bin verpflichtet im Sinne der Richtung. Auf dem schmalen Grat zwischen Verzweiflung und billiger Hoffnung bleiben nur die Pflugschar ohne Furcht und das Gespräch, solange noch jemand zuhört.
Anmerkung: Dieses Interview basiert auf den Schriften und überlieferten Äusserungen von Martin Buber, die mit Hilfe von KI ermittelt und wiedergegeben wurden. In unserer Serie «Gespräche mit Legenden» unterhalten wir uns mit Persönlichkeiten aus Politik, Religion, Wissenschaft und Kultur, die für das Judentum und Israel bedeutsam waren. Damit wollen wir sie und ihre Ideen dem heutigen Publikum näherbringen. Bisher erschienen sind Interviews mit Theodor Herzl, dem Begründer des modernen Zionismus, Chaim Weizmann, Israels erstem Staatspräsidenten, David Ben-Gurion, dem ersten Ministerpräsidenten Israels, Israels bisher einziger Ministerpräsidentin, Golda Meir, Anwar Sadat, dem ägyptischen Präsidenten, der 1977 nach Jerusalem reiste, um mit Israel Frieden zu schliessen, Moses, der das jüdische Volk aus der ägyptischen Sklaverei in die Freiheit führte, mit dem im 12. und 13. Jahrhundert lebenden grossen jüdischen Gelehrten Maimonides, mit dem früheren britischen Oberrabbiner Lord Jonathan Sacks, Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse, Albert Einstein, dem Begründer der Relativitätstheorie, Robert Oppenheimer, dem «Vater der Atombombe», der Hollywood-Ikone und Erfinderin Hedy Lamarr, der Unternehmerin Estée Lauder, dem Wirtschaftsnobelpreis-Träger Milton Friedman, Levi Strauss, dem Erfinder der Jeans-Hose, dem Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel , dem italienischen Chemiker und Schriftsteller Primo Levi und dem deutschen Philosophen und Soziologen Theodor Adorno.
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