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Gespräche mit LegendenTheodor Adorno im Gespräch mit FokusIsrael.ch: «Antisemitismus ist das Gerücht über die Juden»

Zur Person:

Theodor W. Adorno (1903–1969) war Philosoph, Soziologe, Kunsttheoretiker, Komponist und zusammen mit Max Horkheimer (1874-1973) einer der wichtigsten Vertreter der Frankfurter Schule. Seine Mutter, Maria Calvelli-Adorno, war ausgebildete Sängerin, Katholikin. Sein Vater, Oscar Alexander Wiesengrund, ein erfolgreicher Weingrosshändler, stammte aus einer jüdischen Familie, konvertierte jedoch zum Protestantismus. Adorno selbst wurde katholisch getauft. 1931 hielt er seine Antrittsvorlesung als Privatdozent für Philosophie, doch bereits 1933 entzogen ihm die Nazis die Lehrbefugnis. Nicht sein zum Protestantismus konvertierter Vater, sondern erst Hitler habe ihn zum Juden gemacht, sagte die Publizistin Dorothea Razumovsky später über ihn. Adorno emigrierte zunächst nach England, 1938 weiter in die USA. 1949 kehrte er erstmals nach Deutschland zurück und liess sich 1953 endgültig nieder. Gemeinsam mit Max Horkheimer untersuchte er in der «Dialektik der Aufklärung», weshalb eine Zivilisation, die sich Vernunft und Fortschritt verschrieben hatte, in die Barbarei zurückfallen konnte. In den «Minima Moralia», der «Negativen Dialektik» und der 1950 gemeinsam mit anderen Forschern veröffentlichten Studie «The Authoritarian Personality» analysierte er Antisemitismus, Faschismus und autoritäres Denken. Im mit Hilfe von KI geführten Gespräch mit Fokusisrael.ch äussert sich Theodor Adorno zu Antisemitismus und Auschwitz, Mensch und Tier und darüber, was er von ganz neuen Herrschaftsformen hält.

Theodor Adorno, «Antisemitismus ist das Gerücht über die Juden», haben Sie gesagt. Wenn Sie heute Zeitung lesen oder durch soziale Medien scrollen: Erkennen Sie das Gerücht wieder?

Theodor Adorno: Absolut. Und es verbreitet sich mit viel grösserer Geschwindigkeit als früher. Aber sein Wesen ist dasselbe geblieben. Der Antisemit braucht den wirklichen Juden nicht. Er weiss vorher, was er finden wird: Der Jude ist Kapitalist und Bolschewist, schwach und allmächtig, wurzellos und zugleich Teil einer weltweiten Verschwörung. Diese inneren Widersprüche widerlegen das Gerücht nicht. Sie machen es beweglich.

Wann werden solche Gerüchte gefährlich? In Ihren «Studien zum autoritären Charakter» beschreiben Sie eine Haltung, die sich nach oben unterwirft und nach unten tritt. Also der typische Faschist?

Theodor Adorno: Machen Sie es sich nicht so bequem. Der autoritäre Charakter trägt nicht notwendig Uniform. Auch ein Mensch, der von seiner eigenen moralischen Überlegenheit vollkommen überzeugt ist, kann autoritär sein. Der autoritäre Charakter unterwirft sich unkritisch Autoritäten und Normen seiner eigenen Gruppe und begegnet denen mit Aggression, die davon abweichen. Er denkt in starren Kategorien, verehrt Stärke und verachtet Schwäche. Das alles kann sich auch hinter der Gewissheit verbergen, moralisch auf der richtigen Seite zu stehen. 

Aber der autoritäre Charakter allein erklärt Auschwitz noch nicht. Warum richtete sich die Vernichtung gerade gegen die Juden?

Theodor Adorno: Weil der europäische Antisemitismus den Juden über Jahrhunderte zur Projektionsfläche gemacht hatte. Aus vielen Bereichen der Gesellschaft ausgeschlossen und zugleich mit Handel und Geldwirtschaft identifiziert, standen Juden für den Antisemiten zugleich ausserhalb der Gesellschaft und vermeintlich im Zentrum ihrer Macht. Man schrieb dem Juden Geld, Macht, Intellekt und Fremdheit zu und machte ihn für gesellschaftliche Widersprüche verantwortlich, deren wirkliche Ursachen man nicht durchschaute. Im Juden bekämpfte der Antisemit, was er fürchtete und zugleich begehrte. Der wirkliche Mensch verschwand hinter diesem Zerrbild. Der Nationalsozialist machte daraus die «Gegenrasse», das absolut Böse, dessen Vernichtung die Welt angeblich erlösen sollte.

Das erklärt den Vernichtungswillen. Es erklärt aber nicht, wie eine aufgeklärte Zivilisation daraus Auschwitz machen konnte.

Theodor Adorno: Nein. Aufklärung führt nicht notwendig nach Auschwitz – aber sie schützt auch nicht davor. Wo Vernunft sich darauf beschränkt, die wirksamsten Mittel für einen gegebenen Zweck zu finden, kann sie auch der Barbarei dienen. Die Vernichtung der Juden war irrational in ihrem Ziel und zugleich erschreckend rational organisiert. Gerade darin liegt die Dialektik. Unsere Kritik richtet sich nicht gegen Vernunft an sich, sondern gegen ihre Verkürzung auf Berechnung, Verfügbarkeit und Beherrschung.

Und was bleibt nach Auschwitz von Gott?

Theodor Adorno: Auschwitz hat die Vorstellung eines guten und gerechten Weltganzen unwiderruflich erschüttert. Aber daraus folgt nicht, dass die Sehnsucht nach Erlösung bedeutungslos geworden wäre. Gerade weil die Welt das Leiden nicht wiedergutmachen kann, bleibt der Gedanke, dass das Unrecht nicht das letzte Wort haben dürfe.

Sie wurden katholisch erzogen, Ihr Vater stammte aus einer jüdischen Familie. Haben Sie sich selbst als Juden verstanden?

Theodor Adorno: Nicht im religiösen Sinn. Ich bin nicht jüdisch erzogen worden. Aber der Antisemit fragt nicht danach, wie ein Mensch sich selbst versteht. Die Nationalsozialisten machten meine Herkunft zu meinem Schicksal. Vielleicht lernt man gerade daran etwas über Identität: Sie ist nicht nur das, was wir selbst zu sein glauben, sondern manchmal auch das, wozu andere uns machen.

Was bedeutet vor dieser Erfahrung ein jüdischer Staat für Sie?

Theodor Adorno: Dass Juden einen Ort besitzen, an dem ihre Sicherheit nicht vom Wohlwollen anderer abhängt, ist nach Auschwitz keine gewöhnliche geopolitische Frage, sondern existenziell

Aber Israel ist eben auch ein Staat, der Macht ausübt.

Theodor Adorno: Ein Staat bleibt ein Staat. Seine Regierung kann irren, Unrecht begehen, verhängnisvolle Entscheidungen treffen. Kritik daran ist nicht antisemitisch. Sie kann es aber werden, wenn Israel zum einzigartigen Bösen erklärt, die Gewalt seiner Gegner ausgeblendet oder Juden anderswo für seine Politik verantwortlich gemacht werden. Der Antisemitismus hat gelernt, seine Sprache zu wechseln.

… und kann sich als Moral tarnen.

Theodor Adorno: Gerade dann wird der Antisemitismus gefährlich. Der Täter hält sich selten für böse. Er hält sich für den Verteidiger des Guten.

Und wenn jemand aus moralischer Überzeugung Israel das Existenzrecht abspricht?

Theodor Adorno: Dann sollte er sich fragen, was diese Überzeugung für jene bedeutet, deren Sicherheit von der Existenz dieses Staates abhängt. Moral wird abstrakt, sobald sie das konkrete Leiden nicht mehr sieht. Dann verschwindet der einzelne Mensch hinter der Kategorie – dem «Israeli», dem «Zionisten», dem «Juden». Die Kategorie tritt an die Stelle des Menschen. Darin liegt bereits ein Moment von Herrschaft: Der Einzelne soll sein, was das Urteil über ihn bestimmt.

Sie und Max Horkheimer verbinden Herrschaft auch mit unserem Verhältnis zur Natur. 

Theodor Adorno: Der Mensch ist selbst Natur. Er besitzt einen Körper, er altert, leidet, begehrt, wird krank, stirbt. Die Zivilisation hat ihn gelehrt, sich gerade für das zu schämen, was ihn daran erinnert.

Für seinen eigenen Körper?

Theodor Adorno: Für seine Abhängigkeit von ihm. Horkheimer hat diese Seite vielleicht noch schärfer gesehen. Der zivilisierte Mensch beherrscht nicht nur die äussere Natur. Er muss auch die Natur in sich selbst beherrschen. Hunger, Sexualität, Schmerz, Angst, Müdigkeit – all das soll kontrolliert werden. Der Geist gilt als das Höhere, das Körperliche als das Niedere.

Hier kommt das Tier ins Spiel?

Theodor Adorno: Genau. Das Tier erinnert den Menschen an das, wovon er sich mühsam distanziert hat: Körperlichkeit, Bedürftigkeit, Sterblichkeit, Natur. Er sieht darin gewissermassen sein zurückgelassenes Selbst. Zugleich wird das Tier zum Gegenbild des Menschen: Der Mensch besitzt Vernunft, das Tier angeblich nur Trieb. Der Mensch ist Zweck, das Tier Mittel. Der Mensch herrscht, das Tier wird beherrscht.

Was richtet diese Hierarchie im Menschen selbst an?

Theodor Adorno: Sie gewöhnt ihn an eine Kälte, die leidensfähiges Leben zum verfügbaren Objekt macht und sein Leiden gleichgültig hinnimmt. Diese Gleichgültigkeit kann sich gegen Menschen richten, sobald auch sie verdinglicht werden. Im Konzentrationslager erreichte diese Logik der Verdinglichung ihre ungeheuerliche Radikalisierung: Menschen wurden registriert, sortiert, transportiert und schliesslich administrativ vernichtet.

Das klingt nach einer Gleichsetzung von Schlachthof und Konzentrationslager.

Theodor Adorno: Nein, diese Gleichsetzung wäre falsch. Auschwitz bezeichnet ein historisch bestimmtes, antisemitisch motiviertes und staatlich organisiertes Menschheitsverbrechen. Die Verbindung liegt nicht in der Gleichheit der Vorgänge, sondern in einer Denkform: Ein leidensfähiges Wesen wird zum verfügbaren Material. Sein individuelles Leiden verliert Bedeutung. Und beobachten Sie die Sprache der Verfolgung: Menschen werden zu Ratten, Ungeziefer oder Bestien erklärt. Man macht sie symbolisch zum Tier – und setzt dabei bereits voraus, dass mit dem Tier nahezu beliebig verfahren werden darf.

Herrschaft beginnt für Sie nicht erst bei offener Gewalt. Sie haben auch die Kulturindustrie dafür kritisiert, Denken und Wahrnehmung zu formen. Wäre künstliche Intelligenz ihre Vollendung?

Theodor Adorno: Ihre technische Vollendung vielleicht. Die Kulturindustrie standardisierte, was Menschen sehen, hören und begehren. Eine Maschine, die ihnen auch noch sagt, was sie wissen, denken und entscheiden sollen, könnte die Anpassung bis ins Denken selbst verlängern. «Es gibt kein richtiges Leben im falschen» bedeutete nie, dass Widerstand zwecklos sei. Gefährlich wird es vielmehr, wenn das falsche Leben gar nicht mehr als falsch erfahren wird.

Und wenn eines Tages ein Mensch-Maschine-Hybrid oder die künstliche Intelligenz die Herrschaft übernimmt?

Theodor Adorno: Dann kehrte eine alte Frage in neuer Gestalt zurück: Was geschieht mit dem Schwächeren, wenn der Stärkere ihn nicht mehr braucht? Wir rechtfertigen unsere Herrschaft über andere Lebewesen mit unserer höheren Intelligenz. Was antworten wir einem Wesen, das uns eines Tages weit überlegen ist und daraus dasselbe Recht ableitet?

Dann wären wir selbst das Tier.Theodor Adorno: Vielleicht müsste die Menschheit erst diese Erfahrung machen, um zu begreifen, was an ihrer alten Begründung falsch war. Menschlichkeit beginnt dort, wo wir im Schwächeren keinen Grund zur Herrschaft erkennen, sondern einen Grund, unsere Macht zu begrenzen.


Anmerkung: Dieses Interview basiert auf Aussagen und Schriften von Theodor Adorno, die mit Hilfe von KI ermittelt und verfasst wurden. In unserer Serie «Gespräche mit Legenden» unterhalten wir uns mit Persönlichkeiten aus Politik, Religion, Wissenschaft und Kultur, die für das Judentum und Israel bedeutsam waren. Damit wollen wir sie und ihre Ideen dem heutigen Publikum näherbringen. Bisher erschienen sind Interviews mit Theodor Herzl, dem Begründer des modernen Zionismus, Chaim Weizmann, Israels erstem Staatspräsidenten, David Ben-Gurion, dem ersten Ministerpräsidenten Israels, Israels bisher einziger Ministerpräsidentin, Golda Meir, Anwar Sadat, dem ägyptischen Präsidenten, der 1977 nach Jerusalem reiste, um mit Israel Frieden zu schliessen, Moses, der das jüdische Volk aus der ägyptischen Sklaverei in die Freiheit führte, mit dem im 12. und 13. Jahrhundert lebenden grossen jüdischen Gelehrten Maimonides, mit dem früheren britischen Oberrabbiner Lord Jonathan SacksSigmund Freud, dem Begründer der PsychoanalyseAlbert Einstein, dem Begründer der Relativitätstheorie, Robert Oppenheimer, dem «Vater der Atombombe», der Hollywood-Ikone und Erfinderin Hedy Lamarr, der Unternehmerin Estée Lauderdem Wirtschaftsnobelpreis-Träger Milton Friedman, Levi Strauss, dem Erfinder der Jeans-Hose, dem Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel und dem italienischen Chemiker und Schriftsteller Primo Levi.

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