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Gespräche mit LegendenHannah Arendt im Gespräch mit FokusIsrael.ch: «Wenn man als Jude angegriffen wird, muss man sich als Jude wehren»

Zur Person

Hannah Arendt (1906–1975) war eine der schärfsten und streitbarsten politischen Denkerinnen des 20. Jahrhunderts. Sie misstraute jeder geistigen Gefolgschaft. Gegen Ideologie, Autorität und den Druck des Kollektivs setzte sie persönliche Verantwortung und das «Denken ohne Geländer»: den Mut, radikal selbst zu urteilen. Aufgewachsen in Königsberg, studierte sie Philosophie, Theologie und Griechisch, unter anderem bei Martin Heidegger und Karl Jaspers. 1933 floh Annah Arendt vor den Nationalsozialisten nach Paris. Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Frankreich wurde sie, ironischerweise wegen ihrer deutschen Herkunft, im Lager Gurs interniert. Es gelang ihr jedoch zu flüchten. 1941 erreichte sie die USA, wo sie 1951 – nach 18 Jahren Staatenlosigkeit – die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt. Aus der Erfahrung von Flucht und Rechtlosigkeit folgte ihre Erkenntnis vom «Recht, Rechte zu haben»: Rechte brauchen ein politisches Gemeinwesen, das sie garantiert.

In New York arbeitete Arendt zunächst als Journalistin und Lektorin, später für die Jewish Cultural Reconstruction, die nach dem Holocaust geraubte jüdische Bücher und Kulturgüter sicherte und neu verteilte. Später lehrte sie an verschiedenen amerikanischen Universitäten, ab 1963 als Professorin in Chicago und ab 1967 als University Professor an der New School for Social Research in New York. In «Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft» (1951) analysierte sie die Mechanismen totalitärer Herrschaft, in «Vita activa» (1958) Freiheit, Handeln und Pluralität. Zu Weltruhm und mitten in einen Skandal brachte sie «Eichmann in Jerusalem» (1963), ihr Bericht über den Prozess gegen den NS-Massenmörder Adolf Eichmann, den sie 1961 in Jerusalem für den New Yorker beobachtet hatte. Ihre Formel von der «Banalität des Bösen» wurde ebenso berühmt wie missverstanden. Mit Hilfe von KI sprach FokusIsrael.ch mit Hannah Arendt über Eichmann und die Judenräte, ihre lebenslange Bindung an Heidegger, Widerstand und Israel, politische Verantwortung – und die Abgründe der Herrschaft.

Hannah Arendt, es fehle Ihnen an «Ahavat Israel» – der Liebe zum jüdischen Volk. Das hat Ihnen der Religionshistoriker Gershom Scholem nach Ihrer Artikelserie im New Yorker zum Prozess gegen Adolf Eichmann vorgeworfen. Hat er recht? 

Hannah Arendt: Ja. Ich «liebe» keine Kollektive, weder das deutsche, noch das französische, noch das amerikanische, noch die Arbeiterklasse oder sonst was. Ich liebe in der Tat nur meine Freunde und bin zu allerhand Liebe sonst ganz unfähig. Eine Liebe zu den Juden wäre mir, da ich selber natürlicher- und faktischerweise Jüdin bin, suspekt.

Selbst wenn es um die Vernichtung der Juden geht? Sie berichteten kühl und distanziert vom Prozess – lachten sogar.

Hannah Arendt: Ich lachte über die groteske Wichtigtuerei Eichmanns. Er war kein Iago und kein Macbeth. Trotz der Bemühungen des Staatsanwalts konnte jeder sehen, dass dieser Mann kein Ungeheuer war. Es war in der Tat sehr schwierig, sich des Verdachts zu erwehren, dass man es mit einem Hanswurst zu tun hatte. Es war vielmehr schiere Gedankenlosigkeit – was keineswegs dasselbe ist wie Dummheit –, die ihn dafür prädestinierte, zu einem der grössten Verbrecher der Geschichte zu werden. Seine Unfähigkeit zu denken, zeigte sich gerade darin, dass er unfähig war, sich an die Stelle eines anderen zu setzen.

Die Banalität des Bösen…

Hannah Arendt: Banal war der Mann, nicht das, was er tat. Die Verbrechen waren ungeheuerlich. Das Beunruhigende war, dass der Täter keine entsprechende dämonische Grösse besass. Er war ein Funktionär. Der Funktionär redet sich ein, er handle gar nicht. Er vollstrecke nur und schiebt die Verantwortung nach oben weiter, immer eine Etage höher, bis sie schliesslich bei niemandem mehr liegt. Das ist die «Herrschaft des Niemand».

Heute wissen wir, dass dieser «Hanswurst» ein überzeugter Nationalsozialist und fanatischer Antisemit war. In Argentinien prahlte er mit seiner Rolle. Haben Sie ihn unterschätzt?

Hannah Arendt: Ich hatte den Mann im Glaskasten vor mir, spätere Quellen zeigen einen anderen Eichmann. Das muss man zur Kenntnis nehmen. Tatsachen sind hartnäckiger als Theorien – glücklicherweise. Aber Fanatismus und Gedankenlosigkeit schliessen einander nicht aus. Ein Kopf kann voller nationalsozialistischer Sätze und trotzdem unfähig zum Denken sein.

In Anlehnung an Kant betonen Sie in Ihren Schriften radikal, dass kein Mensch das Recht habe zu gehorchen, da Gehorsam immer eine Wahl bleibt. Aber ist es nicht zu viel verlangt, von jemandem, der in einer Diktatur lebt, aus moralischen Gründen Ungehorsam zu verlangen?

Hannah Arendt: Nicht jeder ist verpflichtet, ein Held zu sein. Aber jeder bleibt Urheber seiner Handlungen. «Ich hatte Angst» kann wahr sein. «Ich war deshalb nicht verantwortlich» ist etwas anderes. Politisch gesprochen gibt es keinen Gehorsam. Gehorsam gegenüber politischer Herrschaft ist immer auch Zustimmung und Unterstützung.

Bei den Judenräten urteilen Sie hart über Menschen, die kaum frei handeln konnten.

Hannah Arendt: Die historische Wahrheit tröstet nicht. Jüdische Funktionäre lieferten den Nazis Namens- und Vermögenslisten, organisierten Transporte und wurden so Teil der administrativen Struktur. Die Rolle der jüdischen Führer bei der Zerstörung ihres eigenen Volkes ist zweifellos das düsterste Kapitel in der ganzen düsteren Geschichte.

Das Düsterste? Die Opfer – nicht die Täter?

Hannah Arendt: Sie verwechseln Verantwortung und Schuld. Die Schuld für die Vernichtung lag bei den Nationalsozialisten und ihren Helfern. Das Düsterste lag für mich darin, dass es ihnen gelang, selbst die Organisationen der Verfolgten in den Apparat ihrer Vernichtung einzubeziehen – darin zeigte sich die Totalität des moralischen Zusammenbruchs, den die Nationalsozialisten in Europa herbeigeführt hatten. Ihre Schuld als Mörder wird dadurch nicht geteilt. 

Bei Martin Heidegger scheint dieser Massstab allerdings zu verrutschen. Er trat 1933 der NSDAP bei und gehörte ihr bis 1945 an. Trotzdem blieben Sie ihm lebenslang verbunden und trugen nach dem Krieg zu seiner intellektuellen Rehabilitation bei.

Hannah Arendt: Das ist ein unangenehmer Einwand – also vermutlich ein guter. Ein politisches Urteil über eine Handlung ist nicht dasselbe wie ein Urteil über einen ganzen Menschen. Heidegger hat 1933 politisch auf geradezu spektakuläre Weise versagt. Dass ein grosser Philosoph deshalb aufhört, ein grosser Philosoph zu sein, folgt daraus nicht. Denken und politische Urteilskraft sind nicht dasselbe – Heidegger liefert dafür ein eindrucksvolles Beispiel. 

Sie selber haben über 1933 gesagt: «Von nun an war ich verantwortlich.»

Mit dem Reichstagsbrand und den illegalen Verhaftungen war für mich klar: Der Rechtsstaat wird zertrümmert. Ich konnte nicht mehr Zuschauerin sein. Für die Zionistische Vereinigung für Deutschland sammelte ich Material über den Nazi-Antisemitismus und versteckte Flüchtlinge in unserer Wohnung. Ich flog auf und wurde von der Gestapo verhaftet. Sie beschuldigte mich der «Gräuelpropaganda» [lacht]. Mit Glück kam ich nach acht Tagen frei und floh umgehend nach Paris. Dort arbeitete ich unter anderem für die Jugend-Aliyah, die jüdische Kinder und Jugendliche nach Palästina brachte. Der eigentliche Schock aber kam später mit Auschwitz, mit der «Fabrikation der Leichen». Da öffnete sich ein Abgrund. Alles andere, dachte man, hätte in der Politik irgendwann noch einmal gutgemacht werden können. Dies nicht.

Viele erkannten hingegen nicht – oder wollten nicht erkennen –, was geschah. Wie konnte das sein?

Hannah Arendt: Insbesondere die Intellektuellen glaubten noch immer, man könne die Nationalsozialisten mit den alten politischen Kategorien begreifen oder gar «zähmen». Sie erfanden hochinteressante Theorien über Hitler und gingen ihren eigenen Einfällen in die Falle. Dass die Nazis unsere Feinde waren, wusste man lange vor 1933. Hitler hatte daraus ja kein Geheimnis gemacht. Ich nahm die Nazis beim Wort. Wenn man als Jude angegriffen wird, muss man sich als Jude verteidigen – nicht als abstrakter Weltbürger, sondern konkret. 

Den Gedanken der jüdischen Selbstverteidigung machten Sie auch politisch geltend: Sie forderten eine jüdische Armee. Gleichzeitig misstrauten Sie einem souveränen jüdischen Nationalstaat. Warum sollten Juden kämpfen, aber nicht selbst herrschen dürfen?

Hannah Arendt: Juden sollten Hitler als Juden bekämpfen – unter eigener Fahne und nicht bloss als Opfer in die Geschichte eingehen. Und selbstverständlich brauchen die Juden eine eigene Heimstätte. Die Frage ist nur, welche politische Form sie haben soll. Ich fürchtete einen jüdischen Staat, der, umgeben von Feinden, auf Dauer im Krieg leben und seine Existenz schliesslich von der Unterstützung einer fremden Grossmacht abhängig machen würde.

Sie plädierten für eine jüdisch-arabische Föderation, ein binationales Gemeinwesen, und setzten rein weltlich argumentierend auf ein friedliches Zusammenleben. Doch wenn Teile der arabischen Welt, getrieben von religiösem Vernichtungshass, die blosse Existenz Israels ablehnen – war politische Vernunft hier nicht Ihr blinder Fleck?

Hannah Arendt: Politik setzt voraus, dass man über Interessen, Territorien und Kompromisse streitet. Wer einen göttlichen Auftrag zur Vernichtung beansprucht, verlässt diesen politischen Raum – er will die Pluralität der Welt auslöschen. Dagegen hilft kein Argument, sondern nur die wehrhafte Selbstbehauptung. Mit Gott lässt sich nun mal schlecht über Grenzverläufe verhandeln. 

Heute haben religiöse Hardliner in Israel selbst erheblichen politischen Einfluss. Wie gross ist die Gefahr für das Land?

Hannah Arendt: Die Nichttrennung von Religion und Staat in Israel ist desaströs. Sie unterwirft die Rechte des Einzelnen seiner religiösen Zugehörigkeit. Wo das Kollektiv über den Bürger bestimmt, wird Zugehörigkeit zur Herrschaft. Im Familienrecht zeigt sich das besonders deutlich. Ein politisches Gemeinwesen muss jedoch seine Bürger als Bürger behandeln – nicht zuerst als Angehörige einer Religionsgemeinschaft.

Sie misstrauen jeder Konzentration von Macht. Ausgerechnet in den USA wird heute um die Grenzen präsidialer Macht gerungen. Beunruhigt Sie das? 

Hannah Arendt: Natürlich. Die grosse politische Entdeckung Amerikas war, dass Macht durch Macht begrenzt werden muss. Wo die Unabhängigkeit der Justiz und die gegenseitige Kontrolle der Institutionen fallen, geht die politische Freiheit als Erstes verloren. Nicht weil jeder Präsident zum Tyrannen wird, sondern weil eine Republik nicht darauf angewiesen sein darf, dass er keiner wird.

Und was geschieht, wenn Macht überhaupt keine Grenzen mehr kennt?

Hannah Arendt: Auch grenzenlose Macht ist noch nicht notwendig totalitär. Der Tyrann will den Bürger beherrschen, um die eigene Macht zu sichern, lässt ihm aber ein unpolitisches Privatleben. Der Totalitarismus will den Menschen selbst verändern. Er zerstört systematisch alle Bindungen und damit die gemeinsame Welt – den Raum zwischen den Menschen, in dem sie überhaupt erst miteinander sprechen, urteilen und handeln können.

Sehen Sie heute Anzeichen dazu?

Hannah Arendt: Gefährlich wird es, wenn Menschen vereinsamen, Tatsachen ihre Verbindlichkeit einbüssen und Ideologien die Wirklichkeit durch eine in sich geschlossene Logik ersetzen. Der ideale Untertan totalitärer Herrschaft ist nicht der überzeugte Fanatiker, sondern der Mensch, für den der Unterschied zwischen Tatsache und Fiktion, wahr und falsch, nicht mehr besteht.

Anmerkung: Dieses Interview basiert auf den Schriften und überlieferten Äusserungen von Hannah Arendt, die mit Hilfe von KI ermittelt und wiedergegeben wurden. In unserer Serie «Gespräche mit Legenden» unterhalten wir uns mit verstorbenen Persönlichkeiten aus Politik, Religion, Wissenschaft und Kultur, die für das Judentum und Israel bedeutsam waren. Damit wollen wir sie und ihre Ideen dem heutigen Publikum näherbringen. Bisher erschienen sind Interviews mit

Theodor Herzl, dem Begründer des modernen Zionismus 

Chaim Weizmann, Israels erstem Staatspräsidenten 

David Ben-Gurion, dem ersten Ministerpräsidenten Israels

Golda Meir, Israels bisher einziger Ministerpräsidentin

Anwar Sadat, dem ägyptischen Präsidenten, der 1977 nach Jerusalem reiste, um mit Israel Frieden zu schliessen

Moses, der das jüdische Volk aus der ägyptischen Sklaverei in die Freiheit führte

Maimonides, dem im 12. und 13. Jahrhundert lebenden grossen jüdischen Gelehrten

Lord Jonathan Saks, dem früheren britischen Oberrabbiner

Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse

Albert Einstein, dem Begründer der Relativitätstheorie

Robert Oppenheimer, dem «Vater der Atombombe»

Hedy Lamarr, der Hollywood-Ikone und Erfinderin

Estée Lauder, der Unternehmerin und Begründerin eines Weltkonzerns

Milton Friedman, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften

Levi Strauss, dem Erfinder der Jeans-Hose

Elie Wiesel, Schriftsteller und Friedensnobelpreis-Träger

Primo Levi, dem italienischen Chemiker und Schriftsteller

Theodor Adorno, dem deutschen Philosophen und Soziologen

Martin Buber, Philosoph, Religionswissenschaftler und Schriftsteller.

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