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Gespräche mit LegendenOskar Schindler zu FokusIsrael.ch: «Es bleibt die Scham, zu lange mitgelaufen zu sein»

Zur Person

Oskar Schindler wurde am 28. April 1908 in Zwittau (heute Svitavy) in Mähren geboren, damals Österreich-Ungarn, heute Tschechien. Er stammte aus einer katholischen sudetendeutschen Familie; der Vater besass eine Fabrik für landwirtschaftliche Maschinen. Vor dem Krieg trat Schindler der NSDAP bei und arbeitete für den deutschen Militärgeheimdienst „Abwehr“. 1939 übernahm er im polnischen Krakau-Zablocie die früher jüdische Emailwarenfabrik Emalia und produzierte später auch Munition für die Wehrmacht. Beraten vom jüdischen Buchhalter Itzhak Stern, stellte er immer mehr Juden aus dem Krakauer Ghetto ein. Als das Ghetto 1943 aufgelöst wurde, kamen die Arbeiter ins Zwangsarbeitslager Plaszow. Schindler bestach den Lagerkommandanten, liess das Fabrikgelände als Aussenlager anerkennen und schützte so die dortigen Juden vor Deportationen und willkürlichen Erschiessungen. Im Herbst 1944 sollte Plaszow geräumt werden. Schindler erreichte, dass der Betrieb als Munitionsfabrik nach Brünnlitz (Brněnec) in Mähren zu verlegt wurde. Auf mehreren Listen «kriegswichtiger» Arbeiter – die später als «Schindlers Liste» bekannt wurden und grösstenteils vom jüdischen KZ-Häftling Mietek Pemper zusammengestellt waren – standen rund 1’100 Namen. Darunter waren 300 Frauen. Diese waren zunächst ins Konzentrationslager Auschwitz verschleppt worden. Schindler bestach auch dort Verantwortliche und machte Eingaben, bis auch die 300 Frauen nach Brünnlitz gebracht wurden. Bei Kriegsende im Mai 1945 hatten nahezu alle seine «Schindlerjuden» genannten Schützlinge überlebt. 

1949 wanderte Oskar Schindler mit seiner Frau Emilie nach Argentinien aus, kehrte dann aber 1957 verarmt allein nach Deutschland zurück und starb am 9. Oktober 1974 in Hildesheim. Beigesetzt wurde er auf dem Zionsberg in Jerusalem. 1993 ehrte ihn die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem als «Gerechten unter den Völkern». Im selben Jahr machte Steven Spielbergs Film „Schindlers Liste“ seine Geschichte weltweit bekannt. Mit Hilfe von KI unterhielt sich FokusIsrael.ch mit Oskar Schindler über sein Leben.

Von Sacha Wigdorovits[i]

Herr Schindler, Sie waren Mitglied der NSDAP und haben für die „Abwehr“ gearbeitet, den deutschen Militärgeheimdienst. Sie waren also ein Nazi. Weshalb haben Sie Juden gerettet?

Oskar Schindler: Ja, ich war in der Partei und bei der Abwehr. Das öffnete Türen. Aber dann sah ich das Grauen wachsen, Sterne, Ghettos, offenen Sadismus. Die Leute benahmen sich wie Schweine. Ich kannte meine Arbeiter. Wer Menschen kennt, muss sie als Menschen behandeln. Ich hasste die Brutalität. Mein Gewissen liess mich nicht zusehen. Es gab mir keine Wahl.

Was bedeutete Adolf Hitler für Sie: War er Ihr Idol?

Oskar Schindler: Mein Idol war er nie. Ich war Geschäftsmann, kein Gläubiger. Die Partei und die Abwehr nutzte ich, weil sie nützlich waren. Aber ich hasste den Wahnwitz dieses Systems und wollte es, soweit ich nur konnte, durchkreuzen. Von Heldenverehrung war da nichts.

Hat Ihre Frau Emilie Sie dazu bewogen, den Juden beizustehen?

Oskar Schindler: Den Entschluss fasste ich, Emilie trug ihn mit. In Brünnlitz besorgte sie Nahrung und Medizin, oft mit ihrem eigenen Schmuck, und pflegte die Kranken. Ohne sie hätten viele den Winter nicht überlebt. Dass ich das später zu wenig sagte, war einer meiner Fehler.

Wer half Ihnen sonst noch bei Ihren Rettungsaktionen? 

Oskar Schindler: Itzhak Stern, mein Buchhalter, und Mietek Pemper. Dazu noch deutsche und polnische Angestellte, Schwarzmarktkontakte und Beamte, die ich kaufte. Die Liste trug nicht allein meine Handschrift und die Rettungsaktion war das Werk eines ganzen Netzes; ich habe dieses bezahlt.

Amon Göth, der Kommandant des Lagers Plaszow, aus dem Sie die Juden retteten, galt als äusserst brutal. Wie konnten Sie ihn überzeugen: Haben Sie ihn bestochen? 

Oskar Schindler: Ja, mit Schnaps, Geschenken, Geld, Schmeicheleien. Ich sass an seinem Tisch, damit meine Leute nicht auf seinem Hof starben. Freundschaft war das nicht. Es war der Preis, um das Lager Emalia und später den Abtransport nach Brünnlitz zu erkaufen.

Gab es einen Moment, wo Sie Angst bekamen, für sich und für Ihre Frau? 

Oskar Schindler: Die Gestapo nahm mich wegen Korruption und unerlaubter Hilfe dreimal fest. Sie liess mich wieder frei, weil die Rüstungsindustrie mich noch brauchte und weil ich die Richtigen kannte. In Brünnlitz wohnten wir im Lager. Angst hatte ich, ja. Aber Aufhören kam nicht in Frage.

Hatten Sie später noch Kontakt mit von Ihnen geretteten Juden? 

Oskar Schindler: Bis zu meinem Tod. Sie schickten mir Geld, holten mich nach Israel, nannten mich einen Gerechten. 1963 wurde ich in Yad Vashem geehrt. Ich bin auf dem Zionberg begraben, weil sie es so wollten. Sie waren meine Freunde. Ich würde es wieder tun.

Sie sind nach dem Krieg nach Argentinien ausgewandert. Viele Nazis haben sich dort versteckt. Aber Sie mussten dies ja nicht. Weshalb sind Sie trotzdem nach Argentinien gegangen? 

Oskar Schindler: Nicht, um unterzutauchen. Mein Ruf war der eines Helfers. 1949 gingen Emilie und ich mit Hilfe von Zuschüssen des Joint (das American Jewish Joint Distribution Committee, Red.) nach Argentinien und versuchten eine Nutria-Farm aufzubauen. Dies scheiterte. Ich trank. 1957 ging ich allein nach Deutschland zurück. Emilie blieb in Argentinien.

Als Sie danach nach Deutschland zurückkehrten, waren Sie wieder verarmt. Hat Ihnen damals niemand geholfen? 

Oskar Schindler: Doch, meine «Schindlerjuden» und jüdische Hilfsstellen. Ich hatte über eine Million Dollar für Lager, Bestechung und Essen ausgegeben. Der deutsche Staat ersetzte mir nur einen Teil. Ohne die Hilfe durch die Geretteten wäre ich ganz verkommen.

Haben Sie es jemals bereut, für Ihre Rettungsaktion Ihr ganzes Vermögen aufgebraucht zu haben? 

Oskar Schindler: Das Geld nie. Ich sagte immer: Die Geretteten sind meine Freunde. Ich würde es immer wieder tun, denn ich hasse Grausamkeit. Bereut habe ich nur, dass es zu wenige waren. Es hätten mehr Namen auf die Liste gehört.

Sie haben die Grausamkeiten gegenüber den Juden selbst miterlebt: Haben Sie sich damals geschämt, Mitglied der NSDAP gewesen zu sein und das Hitler-Regime als Abwehr-Offizier unterstützt zu haben. 

Oskar Schindler: Ja. Ich nannte mich später «das Gewissen derer, die etwas wussten und nichts taten». Die Mitgliedschaft in der Partei öffnete mir die Tür. Dieselbe Tür habe ich dann gegen das System benutzt. Doch die Scham bleibt, weil ich zu lange mitgelaufen bin.

Wenn Sie heute zurückblicken: Gibt es etwas, was Sie anders machen würden? 

Oskar Schindler: Ja. Mehr retten, früher anfangen. Emilie mehr danken. Weniger trinken, weniger andere Frauen. Die Rettungsaktion selbst würde ich nicht anders machen. 

Anmerkung: Dieses Gespräch mit Oskar Schindler stützt sich auf sein Interview von 1964 in Frankfurt, spätere Gespräche mit Moshe Bejski und Überlebenden sowie auf Berichte des United States Holocaust Memorial Museum und Yad Vashem. In unserer Serie «Gespräche mit Legenden» unterhalten wir uns mit verstorbenen Persönlichkeiten aus Politik, Religion, Wissenschaft und Kultur, die für das Judentum und Israel bedeutsam waren. Damit wollen wir mit Hilfe von KI sie und ihre Ideen dem heutigen Publikum näherbringen. Bisher erschienen sind Interviews mit:

Theodor Herzl, dem Begründer des modernen Zionismus 

Chaim Weizmann, Israels erstem Staatspräsidenten 

David Ben-Gurion, dem ersten Ministerpräsidenten Israels

Golda Meir, Israels bisher einziger Ministerpräsidentin

Anwar Sadat, dem ägyptischen Präsidenten, der 1977 nach Jerusalem reiste, um mit Israel Frieden zu schliessen

Moses, der das jüdische Volk aus der ägyptischen Sklaverei in die Freiheit führte

Maimonides, dem im 12. und 13. Jahrhundert lebenden grossen jüdischen Gelehrten

Lord Jonathan Saks, dem früheren britischen Oberrabbiner

Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse

Albert Einstein, dem Begründer der Relativitätstheorie

Robert Oppenheimer, dem «Vater der Atombombe»

Hedy Lamarr, der Hollywood-Ikone und Erfinderin

Estée Lauder, der Unternehmerin und Begründerin eines Weltkonzerns

Milton Friedman, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften

Levi Strauss, dem Erfinder der Jeans-Hose

Elie Wiesel, Schriftsteller und Friedensnobelpreis-Träger

Primo Levi, dem italienischen Chemiker und Schriftsteller

Theodor Adorno, dem deutschen Philosophen und Soziologen

Martin Buber, Philosoph, Religionswissenschaftler und Schriftsteller.

Hannah Arendt, Journalistin und streitbarer Denkerin

Carl Lutz, dem Schweizer Diplomaten, der Zehntausende von Juden rettete

Paul Grüninger, der St. Galler Polizeikommandant, der wegen seiner Hilfe für jüdische Verfolgte entlassen und verurteilt wurde

Raoul Wallenberg, der junge schwedische Diplomat, der in Budapest Zehntausende Juden rettete und dann von den Russen entführt und umgebracht wurde


[i] Sacha Wigdorovits ist Präsident des Vereins Fokus Israel und Nahost, der die Webseite fokusisrael.ch betreibt. Er studierte an der Universität Zürich Geschichte, Germanistik und Sozialpsychologie und arbeitete unter anderem als USA-Korrespondent für die SonntagsZeitung, war Chefredaktor des BLICK und Mitbegründer der Pendlerzeitung 20minuten. 

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