16. September 2026
Gespräche mit LegendenFlüchtlingshelfer Paul Grüninger zu FokusIsrael.ch: «Zu oft weicht das Recht dem Druck der Macht»
Zur Person
Paul Grüninger (27. Oktober 1891–22. Februar 1972) wurde in St. Gallen als zweites von vier Kindern von Oskar und Maria Grüninger geboren und evangelisch erzogen. Nach dem Lehrerseminar in Rorschach arbeitete er als Primarlehrer und diente im Ersten Weltkrieg als Leutnant. 1925 wurde er in St. Gallen kantonaler Polizeikommandant. Fünf Jahre zuvor, 1920, hatte er Alice Federer geheiratet; das Paar hatte zwei Kinder. Grüninger gehörte der FDP an. Seine Haltung war von christlicher Weltauffassung und Menschlichkeit geprägt. Nach dem Anschluss Österreichs ans nationalsozialistische Deutschland und der von der Schweizer Regierung verfügten Grenzsperre vom August 1938 weigerte er sich, illegal in die Schweiz geflohene Verfolgte auszuweisen. Er liess schätzungsweise 3’600 jüdische und andere Flüchtlinge einreisen und legalisierte mit gefälschten Dokumenten ihren Aufenthalt in der Schweiz. Damit verstiess er gegen Weisungen aus Bern. Im März 1939 wurde Grüninger suspendiert und im Mai fristlos entlassen – ohne Pension. 1940 verurteilte ihn das Bezirksgericht St. Gallen wegen Amtspflichtverletzung und Urkundenfälschung zu 300 Franken Busse. Er lebte fortan in Armut als Vertreter und Aushilfslehrer.
Bis zu Paul Grüningers Rehabilitierung dauerte es über fünf Jahrzehnte. Impulse kamen unter anderem von seiner Tochter Ruth Roduner, vom Historiker Stefan Keller (Buch «Grüningers Fall», 1993) und von SP-Nationalrat Paul Rechsteiner (siehe dazu seinen Blog-Beitrag vom 11. August 2026). 1993 wurde Paul Grüninger vom Regierungsrat des Kantons St. Gallen politisch rehabilitiert. Ein Jahr später, 1994, erklärte dann auch der Schweizer Bundesrat, Grüninger habe sich an ethischen Werten orientiert, «die später Grundlage des internationalen und des schweizerischen Rechts im Asylbereich geworden sind. (…) Für sein selbstloses Verhalten verdient er uneingeschränkten Respekt.» 1995 sprach das Bezirksgericht St. Gallen ihn posthum frei. 1998 gewährte der Grosse Rat des Kantons St. Gallen, das Kantonsparlament, seiner Familie eine Wiedergutmachung von 1,3 Millionen Franken. Damit wurde die Paul-Grüninger-Stiftung gegründet. Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem hatte Paul Grüninger bereits 1971 als «Gerechten unter den Völkern» geehrt. Mit Hilfe von KI hat sich FokusIsrael.ch mit Paul Grüninger über seine Überzeugungen, sein Handeln, seine Familie und sein späteres Schicksal unterhalten.
Von Sacha Wigdorovits
Paul Grüninger, weshalb wurden Sie Polizeikommandant?
Paul Grüninger: Ich war Lehrer und Offizier. Im September 1919 empfahl man mir die Stelle eines Polizeileutnants im Landjägerkorps. Ich zögerte, gab aber dem Drängen meiner Eltern nach und wurde aus vielen Bewerbern gewählt. 1925 wurde ich Hauptmann und Kommandant. Ich wollte der Schweiz und meiner Uniform dienen – und blieb ein Beamter, bis das Gewissen stärker wog als der Befehl.
Wann wurden Sie erstmals gewahr, was jenseits der Grenze in Deutschland und Österreich mit den Juden geschah?
Paul Grüninger: Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938, an unserer Rheingrenze. Die Menschen kamen nachts, mittellos und verzweifelt. Man wusste, welches Schicksal ihrer hinter der Grenze harrte. Die Rückweisungen waren eine schwere Sache. Die Flüchtlinge wehrten sich verzweifelt dagegen. Da sah ich, was jenseits geschah – nicht in Berichten, sondern vor meinen Augen.
Was gab für Sie den Ausschlag, diesen verfolgten Juden zu helfen?
Paul Grüninger: Wer wie ich wiederholt Gelegenheit hatte, die herzzerbrechenden Auftritte, das Zusammenbrechen der Betroffenen, das Jammern und Schreien von Müttern und Kindern, die Selbstmorddrohungen anzuhören sowie Selbstmordversuche anzusehen, der konnte schliesslich nicht mehr mittun. Es ging darum, Menschen zu retten, die vom Tod bedroht waren.
Sie handelten damit gegen den ausdrücklichen Befehl der Schweizer Landesregierung, des Bundesrates, der im August 1938 die Grenzen für jüdische Flüchtlinge geschlossen hatte. Was bewog Sie zu dieser Befehlsverweigerung?
Paul Grüninger: Die Rückweisung der Flüchtlinge ging schon aus Erwägungen der Menschlichkeit nicht. Wir mussten viele hereinlassen. Wie hätte ich mich unter diesen Umständen um bürokratische Erwägungen und Berechnungen kümmern können? Meine Hilfeleistung war begründet in meiner christlichen Weltauffassung. Ich konnte nicht anders. Zu oft weicht das Recht dem Druck der Macht.
Hatten Sie damals Kontakt zum Chef der Schweizer Fremdenpolizei, Heinrich Rothmund, der die judenfeindliche Flüchtlingspolitik der Schweiz massgeblich prägte?
Paul Grüninger: Ja, am 17. August 1938 in Bern, als Rothmund die kantonalen Polizeidirektoren zusammenrief. Dort widersprach ich und sagte: «Die Rückweisung geht aus Menschlichkeit nicht. Eine vollkommene Abschliessung der Grenze ist nicht möglich; weisen wir sie ab, kommen sie schwarz und unkontrollierbar.» Gehört wurde das wenig. Danach handelte ich an der Grenze nach dem, was ich sah – nicht nach dem, was man in Bern beschlossen hatte.
Die Schweizer Behörden legitimierten die Rückweisung jüdischer Flüchtlinge einerseits mit dem Argument, die Juden würden aus rassischen, nicht politischen Gründen verfolgt, seien also gar keine richtigen politischen Flüchtlinge. Ausserdem würde die Aufnahme von zu vielen Juden zu einer «Verjudung der Schweiz» führen und damit den Antisemitismus fördern. Was war Ihre Meinung dazu?
Paul Grüninger: Für mich waren das Menschen, die vom Tod bedroht waren – nicht eine Kategorie auf einem Formular. Wir mussten viele hereinlassen. Meine Hilfeleistung an die Juden war begründet in meiner christlichen Weltauffassung, nicht in Rassenlehre oder Angst vor Zahlen.
Wie haben Sie es eigentlich angestellt, dass die illegal ins Land eingereisten jüdischen Flüchtlinge bleiben konnten?
Paul Grüninger: Ich habe die Einreisedaten auf einen Zeitpunkt vor der Grenzsperre vom 18. August 1938 zurückdatiert, damit die Leute als legal galten. Ich habe Ausweise ausgestellt, die nicht stimmten, und die Zahlen in den Berichten frisiert. Sicher, ich habe absichtlich die Grenzen meiner Befugnisse überschritten und oft mit eigenen Händen Dokumente und Bescheinigungen gefälscht, aber das geschah einzig und allein, um Verfolgten den Zugang ins Land zu verschaffen.
Handelten Sie damals allein oder hatten Sie Helfer?
Paul Grüninger: Ich entschied an der Grenze und in St. Gallen über Bleiben oder Rückweisung. Allein war ich dennoch nicht. Die Israelitische Flüchtlingshilfe nahm die Leute auf, in Diepoldsau entstand ein Lager. Es halfen Bauern, Wirte, Jugendliche und einzelne Beamte. Manche brachten die Flüchtlinge nachts. Ohne dieses Netzwerk wären viele verloren gewesen. Ich prüfte die Fälle und sorgte dafür, dass sie bleiben konnten.
Wie war damals die Stimmung in der Schweizer Bevölkerung: Stand die Mehrheit auf Seiten des Bundesrates oder dachte sie wie Sie?
Paul Grüninger: Die Mehrheit folgte der Obrigkeit. Bern wollte die Grenze dicht machen, und viele sagten: Wir können nicht alle aufnehmen. Ich habe das anders gesehen. Aber so wie ich dachten nicht alle. Sonst hätten wir die Leute nicht im Stillen über den Rhein bringen müssen.
Sie haben für Ihre Nächstenliebe und Ihren Mut einen hohen Preis bezahlt: Sie wurden aus dem Polizeidienst entlassen, die Pension wurde Ihnen gestrichen und Sie lebten fortan in Armut. Haben Sie Ihr Handeln je bereut?
Paul Grüninger: Nein. Ich befand mich öfters in äusserst bedrängter Notlage. Dennoch würde ich wieder gleich handeln. Ich schäme mich der Verurteilung durch das Bezirksgericht nicht. Im Gegenteil, ich bin stolz darauf, vielen schwer bedrängten Menschen das Leben gerettet zu haben.
Gab es auch Leute, die sich nach Ihrer Entlassung aus dem Polizeidienst für Sie einsetzten?
Paul Grüninger: Ja, vor allem aus Dankbarkeit. Der Textilindustrielle Elias Sternbuch, Schwager von Recha Sternbuch, richtete mir 1942 einen Regenmantelladen in Basel ein. Der Rabbiner Lothar Rothschild stellte mir eine Empfehlung aus. Und die geretteten Flüchtlinge schrieben mir Briefe, wie Felix Bauer aus dem Lager Diepoldsau: «Im Namen aller meiner Lagerkollegen, welche alles Gute, was Sie für uns getan haben, nie vergessen werden.» Später kam auch ein Dankesbrief der St. Galler Regierung für meine «menschliche Einstellung».
Die Rehabilitierung durch die St. Galler Regierung und die Ehrenerklärung des Bundesrates kamen erst Jahrzehnte später. Hat Sie das verbittert?
Paul Grüninger: Verbittert? Nein. Ich habe nie auf Ruhm oder Anerkennung gewartet. Ich habe mein Gewissen nicht verkauft, und das war mir genug. Die Briefe der Geretteten waren mir mehr wert als jedes offizielle Papier.
Sie waren verheiratet, hatten zwei Kinder: Wusste Ihre Frau damals, was Sie im Geheimen taten?
Paul Grüninger: Ja, meine Frau Alice wusste davon. Sie hat mich unterstützt. Auch für sie war es wichtig, dass die Flüchtlinge, die bei Nacht und Nebel kamen, in Sicherheit gebracht und gut versorgt wurden.
Wie hat Ihre Frau auf Ihre Entlassung aus dem Polizeidienst reagiert: Hat sie Ihnen Vorwürfe gemacht?
Paul Grüninger: Vorwürfe? Nie! Alice stand zu mir, von der ersten Stunde an. Sie hat die Not mit mir getragen, die leeren Monate, die kleinen Einkommen. Ich erinnere mich an ihre Worte: «Paul, du hast recht getan. Ich hätte es genauso gemacht.» Das hat mich getragen, als die Welt mich fallen liess.
In den 1930er und 1940er Jahren wurden die Juden durch einen Antisemitismus von rechts bedroht. Heute bedroht sie neben dem islamischen Antisemitismus vor allem der Antisemitismus der politischen Linken. Überrascht Sie das?
Paul Grüninger: Ja, in gewisser Weise. Dass Hass eine neue Maske trägt, überrascht mich zwar nicht. Hass sucht sich immer eine neue Begründung, wenn die alte nicht mehr trägt. Aber mich betrübt, dass ausgerechnet jene, die sich heute als Hüter der Menschlichkeit verstehen, vergessen haben, worum es ging: um Menschen, die vom Tod bedroht waren.
Sie haben die Gründung des Staates Israel am 15. Mai 1948 miterlebt. Was dachten Sie damals?
Paul Grüninger: Ich habe mich nie öffentlich dazu geäussert. Aber ich habe jahrelang Juden gerettet, die vom Tod bedroht waren, und meine Hilfeleistung war begründet in meiner christlichen Weltauffassung. Ein eigener Staat für die Verfolgten – das war für mich die logische Folge dessen, was ich an der Grenze gesehen hatte.
Anmerkung: Dieses Interview basiert auf Aussagen und Aufzeichnungen von und über Paul Grüninger, die mit Hilfe von KI ermittelt und wiedergegeben wurden. In unserer Serie «Gespräche mit Legenden» unterhalten wir uns mit verstorbenen Persönlichkeiten aus Politik, Religion, Wissenschaft und Kultur, die für das Judentum und Israel bedeutsam waren. Damit wollen wir sie und ihre Ideen dem heutigen Publikum näherbringen. Bisher erschienen sind Interviews mit:
Theodor Herzl, dem Begründer des modernen Zionismus
Chaim Weizmann, Israels erstem Staatspräsidenten
David Ben-Gurion, dem ersten Ministerpräsidenten Israels
Golda Meir, Israels bisher einziger Ministerpräsidentin
Anwar Sadat, dem ägyptischen Präsidenten, der 1977 nach Jerusalem reiste, um mit Israel Frieden zu schliessen
Moses, der das jüdische Volk aus der ägyptischen Sklaverei in die Freiheit führte
Maimonides, dem im 12. und 13. Jahrhundert lebenden grossen jüdischen Gelehrten
Lord Jonathan Sacks, dem früheren britischen Oberrabbiner
Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse
Albert Einstein, dem Begründer der Relativitätstheorie
Robert Oppenheimer, dem «Vater der Atombombe»
Hedy Lamarr, der Hollywood-Ikone und Erfinderin
Estée Lauder, der Unternehmerin und Begründerin eines Weltkonzerns
Milton Friedman, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften
Levi Strauss, dem Erfinder der Jeans-Hose
Elie Wiesel, Schriftsteller und Friedensnobelpreis-Träger
Primo Levi, dem italienischen Chemiker und Schriftsteller
Theodor Adorno, dem deutschen Philosophen und Soziologen
Martin Buber, Philosoph, Religionswissenschaftler und Schriftsteller.
Hannah Arendt, Journalistin und streitbarer Denkerin
Carl Lutz, dem Schweizer Diplomaten, der Zehntausende von Juden rettete
Sacha Wigdorovits ist Präsident des Vereins Fokus Israel und Nahost, der die Webseite fokusisrael.ch betreibt. Er studierte an der Universität Zürich Geschichte, Germanistik und Sozialpsychologie und arbeitete unter anderem als USA-Korrespondent für die SonntagsZeitung, war Chefredaktor des BLICK und Mitbegründer der Pendlerzeitung 20minuten.
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