7. August 2026
Gespräche mit LegendenPrimo Levi im Gespräch mit FokusIsrael.ch: «Es ist geschehen, folglich kann es wieder geschehen.»
Zur Person:
Der italienische Chemiker und Schriftsteller Primo Levi gilt wie Elie Wiesel als einer der wichtigsten Zeitzeugen des Holocaust und überlebte wie dieser das Konzentrationslager Auschwitz. Primo Levi wurde am 31. Juli 1919 in eine bürgerliche jüdische Familie in Turin geboren und starb am 11. April 1987 durch einen Treppensturz in seinem Wohnhaus. Dabei handelte es sich vermutlich um Selbstmord. Mit Schreiben begann Primo Levi 1947 aufgrund seiner Erfahrungen in Auschwitz, die er in seinem bekanntesten Werk «Ist das ein Mensch?» beschrieb. Auch spätere Bücher waren dem Holocaust gewidmet. Für Primo Levi, dessen Überzeugungen von Humanität, Vernunft und wissenschaftlichem Denken geprägt waren, war Erinnerung eine moralische Pflicht. FokusIsrael.ch unterhielt sich mit Primo Levi mit Hilfe von KI über seine Geschichte und die Lehren, die er daraus gezogen hat. Für damals und für heute.
Von Sacha Wigdorovits
Herr Levi, Sie sind von Haus aus Chemiker, wie wurden Sie daneben noch zum Schriftsteller?
Primo Levi: Ich bin immer Chemiker geblieben. Schriftsteller wurde ich, weil Auschwitz mich dazu zwang. Die Erinnerungen an Auschwitz brannten in mir. Ich hatte in Auschwitz hastige Notizen mit einem Bleistiftstummel auf Zementsackfetzen gekritzelt. Nach der Rückkehr fühlte ich mich verpflichtet, zu erzählen. Ohne das Lager wäre ich wohl bei der Chemie geblieben und hätte nichts geschrieben.
Hat die Chemie Ihnen geholfen, zu überleben und zu schreiben?
Primo Levi: Ja, in doppelter Hinsicht. Aus der Chemie kann man leben, aus dem Schreiben nur schwer, es sei denn kommerziell – was ich stets abgelehnt habe. Aber die Chemie gab mir geistige Gewohnheiten: analysieren, Probleme lösen, Sie lehrte mich Wachsamkeit und Vernunft. Ich schreibe, weil ich Chemiker bin.
Gab es eine allgemeine Regel für das Überleben im Lager?
Primo Levi: Es gab keine allgemeine Regel, ausser guter Gesundheit beim Eintritt und Deutschkenntnissen. Im Übrigen herrschte das Glück. Ich habe Kluge und Einfältige, Mutige und Feige, Denker und Verrückte überleben sehen. Wir, die Überlebenden, sind keine wahren Zeugen. Wir haben den Boden nie berührt. Die, die das Gesicht der Gorgo sahen, kehrten nicht zurück oder kehrten stumm zurück.
Ihr erstes Buch hiess «Ist das ein Mensch?». Kann man die Menschlichkeit eines Menschen auslöschen?
Primo Levi: Leider ja. Das war das eigentliche Kennzeichen des nationalsozialistischen Lagers. Es vernichtete die Persönlichkeit – nicht nur des Häftlings, sondern auch des Bewachers. Beide verloren sie auf unterschiedlichen Wegen, mit demselben Ergebnis. Die Sensibilität stumpfte ab; Hunger, Kälte und Schläge traten an die Stelle der Erinnerung an zuhause. Man wurde wie ein Arbeitstier.
Haben Sie den Deutschen verziehen?
Primo Levi: Hass halte ich für bestialisch und roh. Ich ziehe vor, dass meine Gedanken und Handlungen, soweit möglich, aus der Vernunft kommen. Kollektiven Hass gegen ein ganzes Volk lehne ich ab – das wäre Nazismus. Doch ich verzeihe keinem Schuldigen, der nicht durch Taten, nicht Worte, und nicht zu spät, Bewusstsein und Verurteilung seiner Verbrechen gezeigt hat.
Waren die Täter von damals Monster?
Primo Levi: Monster gab und gibt es, aber sie sind zu wenige, um wirklich gefährlich zu sein. Gefährlicher sind die gewöhnlichen Menschen, die Funktionäre, die bereit sind zu glauben und zu handeln, ohne Fragen zu stellen. Wie damals Eichmann, wie Höss und wie so viele andere.
Elie Wiesel hat mir gesagt: «In Auschwitz habe ich Gott angeklagt, nicht verleugnet.» Wie stehen Sie zu Gott nach Auschwitz?
Primo Levi: Die Erfahrung von Auschwitz hat bei mir jeden Rest religiöser Erziehung hinweggefegt, den ich noch hatte. Es gibt Auschwitz, also kann es keinen Gott geben. Ich finde keine Lösung für dieses Dilemma. Ich suche sie, aber ich finde sie nicht.
Wenn Sie die Existenz Gottes verneinen: Was bedeutet es für Sie, jüdisch zu sein?
Primo Levi: Ja, Auschwitz hat bei mir jeden Rest religiösen Glaubens ausgelöscht. Doch jüdisch zu sein bedeutet für mich: Kultur, Geschichte, Sprache, die gemeinsame Erinnerung und das Schicksal. Ich bin mehr Italiener als Jude, aber ich gehöre diesem Volk an, das zerstreut und nicht auf ein einziges Zentrum fixiert ist. Der Glaube ist fort, die Zugehörigkeit bleibt.
Wenn Sie zurückblicken: Wann erahnten Sie das erste Mal, dass auf die Juden schreckliche Zeiten zukommen würden – nicht bloss in Deutschland, auch bei Ihnen in Italien.
Primo Levi: In Italien spürten wir den Bruch erst 1938 mit den Rassengesetzen. Bis dahin war der Antisemitismus schwach, fast unsichtbar. Plötzlich wurden wir von der Universität, aus Berufen und dem öffentlichen Leben ausgeschlossen. Man dachte noch, es bleibe bei Diskriminierung. Dass es auf Vernichtung hinauslaufen könne, begriff ich erst später, als die Deutschen kamen und die Züge rollten. Vorher war es eher Unglaube als Vorahnung.
Sie sind Naturwissenschaftler: Hatten Sie so etwas für möglich gehalten?
Primo Levi: Als Chemiker glaubte ich an die Ordnung der Materie und an die Kraft der Vernunft. So etwas hielt ich für unmöglich. Nicht, weil ich naiv war, sondern weil es dem wissenschaftlichen Denken widerspricht. Doch Auschwitz hat gezeigt: Der Mensch kann die Vernunft absichtlich abschaffen. Es gibt etwas Unverständliches, Irrationales im Kern dieser Ereignisse. Die Naturwissenschaft erklärt die Atome, nicht diesen Abgrund.
Was hat Sie dies gelehrt?
Primo Levi: Die Chemie lehrt, die Dinge zu wiegen, zu trennen und zu prüfen, ohne Vorurteil. Materie ist weder edel noch gemein. Auf den Menschen übertragen, heisst das: Man darf nicht glauben und gehorchen, ohne zu fragen. Die Moral beginnt dort, wo die Vernunft die Autorität prüft. Wissenschaft ohne Moral wird Werkzeug; Moral ohne Wissenschaft wird Gefühl. Beides muss zusammengehen, sonst entsteht der Abgrund.
Gab es in Auschwitz etwas, woran Sie sich festhalten konnten? Um zu überleben.
Primo Levi: Als Häftlinge in Auschwitz waren wir Sklaven, jeder Rechte beraubt, jeder Beleidigung ausgesetzt, dem sicheren Tod geweiht. Aber wir besassen noch eine Macht, und diese mussten wir mit aller Kraft verteidigen, denn es war die letzte: Die Macht, unsere Zustimmung zu verweigern.
Sie schreiben sehr nüchtern über das Unfassbare. Weshalb?
Primo Levi: Die Fakten, die ich erzählen musste, enthielten genug Kraft, um einen mittleren Stil zu tragen. Einen zu sonoren habe ich bewusst nicht gewählt, aber der Klang der Worte sollte den Inhalt nie überwältigen. Es war besser, die Dinge selbst erzählen zu lassen. So hatte ich es schon beim mündlichen Erzählen erfahren.
Glauben Sie, dass so etwas wie Auschwitz wieder geschehen kann?
Primo Levi: Der Antisemitismus ist nicht erloschen, und rassische Massenverfolgungen können wiederkehren. Ein neuer Hitler, der in irgendeinem Land zur Macht käme und über die furchtbaren Waffen der modernen Technik und Propaganda verfügte, fände mit lächerlicher Leichtigkeit Anhänger. Es ist geschehen, folglich kann es wieder geschehen. Darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben.
Heute schlägt den Juden fast überall auf der Welt wieder ein unglaublicher Antisemitismus entgegen. Ist dies vergleichbar mit damals?
Primo Levi: Im Kern ist er vergleichbar: ja. Doch jede Epoche trägt ihre eigenen Züge. Wichtig ist, dass man wachsam bleibt.
Wie sehr sind die Wurzeln des weltverbreiteten Hasses auf den Staat Israel antisemitisch?
Primo Levi: Der Hass auf Israel trägt oft antisemitische Züge, denn die alten Wurzeln – religiös, ethnisch, wirtschaftlich – leben fort und kleiden sich neu. Israel zu kritisieren ist erlaubt und nötig. Doch den Juden als Volk oder den Staat als solchen zu dämonisieren, ist etwas anderes. Ich halte Israels Verteidigung für notwendig, aber unsere Unterstützung muss bedingt bleiben. Der beste Teil des Judentums liegt in der Diaspora, in der Toleranz.
Wie meinen Sie das: „Israels Unterstützung muss bedingt bleiben“?
Primo Levi: Ich meine damit, dass unsere Zustimmung nicht blind sein darf. Ein bedingungsloser Beifall schadet. Es tut der israelischen Regierung gut, sich mit einer kritischen, wachsamen Unterstützung auseinanderzusetzen. Der beste Teil des Judentums liegt in der Diaspora: in der Toleranz und im Widerspruch. So bleibt man treu.
Weshalb ist das Judentum in der Diaspora besser als jenes in Israel?
Primo Levi: Ich glaube nicht, dass es „besser“ ist, sondern dass sein bester Teil mit der Zerstreuung verbunden ist. Das Judentum der Diaspora ist vielfältig, an den Widerspruch und die Toleranz gewöhnt. Israel als einziges Zentrum droht diese Tradition zu verdunkeln. Wir in der Diaspora haben die Aufgabe, unseren israelischen Freunden den Faden der Toleranz in Erinnerung zu rufen. Das ist kein Gegensatz, sondern Ergänzung.
Welche Aufgabe hat der Staat Israel für das Judentum?
Primo Levi: Israel hat die Aufgabe, Zuflucht und Schutz zu bieten – nach Auschwitz ist das eine schmerzliche Notwendigkeit. Es muss verteidigt werden. Doch es darf nicht das einzige Zentrum des Judentums werden.
Aber das Leben in der Diaspora ist für Juden gefährlich geworden, insbesondere in Europa. Auch in Ihrer Heimat, Italien. Ist es für uns Juden nicht sicherer, nach Israel auszuwandern?
Primo Levi: Die Gefahr ist real, der Antisemitismus stirbt nicht. Doch die Antwort darf nicht die Flucht aller Juden nach Israel sein. Wer geht, hat seine Gründe. Wer bleibt, hat die Aufgabe, den Faden der Toleranz zu bewahren und den alten Hass zu bekämpfen, wo er aufkommt.
Werden Sie nie müde, den Hass und Antisemitismus zu bekämpfen?
Primo Levi: Müde werde ich nicht, weil es keine Wahl gibt. Der Kampf gegen den unverdienten Hass ist ein Krieg ohne Ende. Die Erinnerung ist eine Pflicht, kein Privileg. Wer schweigt, liefert den Verneinern der Wahrheit einen Dienst. Ich bin kein Prophet, bloss ein Mann mit gutem Gedächtnis, der aus dem Strudel kam und weiterfragt.
Anmerkung: Dieses Interview basiert auf Aussagen und Schriften von Primo Levi, die mit Hilfe von KI ermittelt und verfasst wurden. In unserer Serie «Gespräche mit Legenden» unterhalten wir uns mit Persönlichkeiten aus Politik, Religion, Wissenschaft und Kultur, die für das Judentum und Israel bedeutsam waren. Damit wollen wir sie und ihre Ideen dem heutigen Publikum näherbringen. Bisher erschienen sind Interviews mit Theodor Herzl, dem Begründer des modernen Zionismus, Chaim Weizmann, Israels erstem Staatspräsidenten, David Ben-Gurion, dem ersten Ministerpräsidenten Israels, Israels bisher einziger Ministerpräsidentin, Golda Meir, Anwar Sadat, dem ägyptischen Präsidenten, der 1977 nach Jerusalem reiste, um mit Israel Frieden zu schliessen, Moses, der das jüdische Volk aus der ägyptischen Sklaverei in die Freiheit führte, mit dem im 12. und 13. Jahrhundert lebenden grossen jüdischen Gelehrten Maimonides, mit dem früheren britischen Oberrabbiner Lord Jonathan Sacks,Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse, Albert Einstein, dem Begründer der Relativitätstheorie, Robert Oppenheimer, dem «Vater der Atombombe», der Hollywood-Ikone und Erfinderin Hedy Lamarr, der Unternehmerin Estée Lauder, dem Wirtschaftsnobelpreis-Träger Milton Friedman, Levi Strauss, dem Erfinder der Jeans-Hose, und dem Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel.
Sacha Wigdorovits ist Präsident des Vereins Fokus Israel und Nahost, der die Webseite www.fokusisrael.ch betreibt. Er studierte an der Universität Zürich Geschichte, Germanistik und Sozialpsychologie und arbeitete unter anderem als USA-Korrespondent für die SonntagsZeitung, war Chefredaktor des BLICK und Mitbegründer der Pendlerzeitung 20minuten.
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