8. Mai 2026
Anwar Sadat zu FokusIsrael.ch: «Paradoxerweise zog ich in den Krieg, um Frieden zu machen.»
Zusammenfassung
- Der ägyptische Präsident Anwar Sadat reiste 1977 nach Jerusalem und hielt im israelischen Parlament, der Knesset, eine Rede.
- Darin bot er Israel Frieden an. Er war der erste arabische Staatsführer, der diesen Schritt wagte.
- 1979 wurde der Friedensvertrag zwischen Ägypten und Israel unterzeichnet.
- Vorangegangen waren Verhandlungen, vermittelt von US-Präsident Jimmy Carter. Sie resultierten 1978 im Abkommen von Camp David.
- Dafür wurden Sadat und Begin noch im selben Jahr mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.
- Doch Anwar Sadat bezahlte seine mutige Initiative mit dem Leben: Am 6. Oktober 1981 wurde er im eigenen Land von radikal-islamistischen Attentätern ermordet.
- FokusIsrael.ch hat mit Hilfe von KI Anwar Sadat zu seiner historischen Jerusalemreise, seinen politischen Überzeugungen und seinen Ansichten über die heutige Situation im Nahen Osten befragt.
Herr Präsident Sadat, Sie sind 1977 nach Jerusalem gereist, um Frieden mit Israel zu schliessen. Was hat Sie dazu bewogen?
Anwar Sadat: Nach langem Nachdenken war ich zur Überzeugung gelangt, dass die Verantwortung vor Gott und vor meinem Volk es mir auferlegt hatte, bis ans Ende der Welt zu gehen – sogar nach Jerusalem. Ich wollte den Mitgliedern der Knesset, den Vertretern des israelischen Volkes, alles darlegen, was in mir brodelte. Ich musste handeln, um mein ägyptisches und das gesamte arabische Volk vor den Schrecken neuer, zerstörerischer Kriege zu bewahren. Ich kam, um ein neues Leben zu gestalten und Frieden zu stiften.
Wie viel Überwindung brauchte diese Reise nach Jerusalem?
Sadat: Die psychologische Barriere war riesig: vier Kriege in 30 Jahren, Witwen, Waisen, Trauer. Aber die Verantwortung vor Gott und den kommenden Generationen verlangte diesen Schritt über allen Fanatismus und alte Überlegenheitstheorien hinweg.
Niemand hätte je gedacht, dass der Präsident des grössten arabischen Staates, der die schwerste Last von Krieg und Frieden trägt, bereit sein könnte, ins Land des Gegners zu reisen, während wir noch im Kriegszustand waren. Es war ein gewaltiges Risiko. Sogar einer meiner engsten Mitarbeiter fragte mich besorgt nach meiner Ankündigung im Parlament: «Was tun wir, wenn Israel Sie wirklich einlädt?» Ich antwortete ihm: «Ich nehme sofort an.»
Gab es in Ihrer Regierung in Ägypten Widerstand gegen Ihren Besuch in Israel?
Sadat: Ja, sogar in meinem engsten Kreis. Ich hatte die Entscheidung nicht mit meinen Kollegen, den arabischen Staatschefs, abgestimmt. Viele von ihnen lehnten sie später ab. Auch in Ägypten selbst schockierte mein Schritt viele, weil das Misstrauen so tief sass. Einige meiner Minister und Berater waren skeptisch. Aber ich wusste, dass ich das ägyptische Volk hinter mir hatte, das nach vier Kriegen Frieden wollte.
Was war Ihre wichtigste Botschaft in der Knesset?
Sadat: Meine wichtigste Botschaft war: «Es soll keinen Krieg mehr geben, kein Blutvergiessen mehr zwischen Arabern und Israelis.» Ich sagte: «Heute erkläre ich Ihnen und der ganzen Welt, dass wir bereit sind, mit Ihnen in einem dauerhaften Frieden auf der Grundlage der Gerechtigkeit zu leben.» Ich forderte den vollständigen Rückzug Israels aus allen besetzten arabischen Gebieten, einschliesslich des arabischen Jerusalem. Und ich betonte: Ohne eine gerechte Lösung für das palästinensische Volk gibt es keinen Frieden.
Ich kam nicht, um zu bitten, sondern um die Fakten darzulegen und zu sagen: Lasst uns die Hände in Glauben und Aufrichtigkeit ausstrecken, um diese Barriere des Misstrauens zu zerstören. Frieden für uns alle auf arabischem Boden und in Israel.
Ihr israelisches Gegenüber war Ministerpräsident Menachem Begin, ein Hardliner. Wie haben Sie beide sich damals verstanden?
Sadat: Begin und ich waren sehr unterschiedlich. Er war ein harter Verhandler mit tiefen Überzeugungen bezüglich der Grenzen und der Sicherheit Israels. Ich verhandelte als Präsident Ägyptens mit der Verantwortung für mein besetztes Land. Die Gespräche waren oft schwierig und angespannt. Aber wir hatten beide den Mut, den historischen Schritt zu wagen. Später, bei den Verhandlungen in Camp David, erzielten wir unter Vermittlung des amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter Fortschritte und konnten ein Abkommen vereinbaren. Ich respektierte Begins Mut, und er meinen. Am Ende zählte nicht die persönliche Sympathie, sondern der Wille zum Frieden.
Was war die wichtigste Erkenntnis, die Sie aus Jerusalem mitnahmen?
Sadat: Die wichtigste Erkenntnis war, dass der Frieden möglich ist, wenn beide Seiten den Mut haben, über die Vergangenheit hinwegzuschauen und neue Horizonte zu suchen. Ich sah, dass die Israelis – wie wir – Menschen sind, die unter den Kriegen gelitten haben. Die Reise hat gezeigt, dass direkte, offene Gespräche mehr bewirken als jahrelange indirekte Verhandlungen in Genf. Sie hat die psychologische Barriere durchbrochen.
Wie wichtig war der Jom-Kippur-Krieg von 1973 für Ihren Entscheid, nach Jerusalem zu reisen?
Sadat: Der Oktoberkrieg 1973 war entscheidend. Erst nachdem Ägypten seine Ehre und Würde wiederhergestellt hatte und die Legende von der Unbesiegbarkeit Israels zerstört war, konnte Israel uns als gleichberechtigten Partner akzeptieren. „Paradoxerweise zog ich in den Krieg, um Frieden zu machen“, habe ich später geschrieben. Ohne diesen militärischen und psychologischen Durchbruch hätte niemand in Israel geglaubt, dass wir aus einer Position der Stärke verhandeln können. Der Krieg ermöglichte es uns, den Frieden zu suchen.
1979, zwei Jahre nach Ihrer historischen Jerusalemreise, schloss Ägypten mit Israel Frieden. Was waren die grössten Hindernisse?
Sadat: Die grössten Hindernisse waren das tiefe Misstrauen auf beiden Seiten, die Frage des vollständigen Rückzugs aus Sinai und den anderen besetzten Gebieten sowie die palästinensische Sache, die für mich der Kern blieb. Viele Araber warfen mir vor, einen Separatfrieden zu schliessen. Aber ich war überzeugt: Frieden ist kostbarer als ein Stück Land. Wir haben hart verhandelt – über Sinai, über Sicherheit, über Jerusalem. Am Ende siegte die Vernunft.
Sie und Menachem Begin wurden für den Friedensschluss mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Hat Ihnen dies etwas gebracht?
Sadat: Der Nobelpreis war eine grosse Ehre – nicht für mich persönlich, sondern für die Sache des Friedens und für das ägyptische Volk, das den Preis der Versöhnung bezahlt hat. Er war eine Bestätigung, dass die Welt unsere Anstrengungen anerkannte. Aber wichtiger als jede Auszeichnung war das Ende des Krieges und die Chance auf ein besseres Leben für unsere Kinder.
Bis heute haben viele arabische Länder mit Israel noch keinen Frieden geschlossen: Saudi-Arabien, Syrien, Libanon, Irak, Katar, Oman. Was raten Sie diesen Staaten und was raten Sie Israel?
Sadat: Ich rate allen: Lasst die Vergangenheit ruhen und schaut in die Zukunft. Frieden ist die höchste Pflicht vor Gott und den Menschen. Kein Krieg bringt Sieg – nur Leid. Ich sage diesen arabischen Staaten: Erkennt die Realitäten an und verhandelt direkt. Und Israel rate ich: Gebt die besetzten Gebiete zurück und erkennt die legitimen Rechte der Palästinenser an. Nur so entsteht echter, dauerhafter Frieden auf der Basis von Gerechtigkeit.
Es gibt bis heute auch noch keinen palästinensischen Staat, obschon Israel immer wieder valable Vorschläge dafür unterbreitet hat. Was raten Sie den Palästinensern?
Sadat: Ich rate ihnen: Verzichtet auf Gewalt und Terror. Setzt euch an den Verhandlungstisch. Nur durch Verhandlungen und nicht durch Krieg können sie ihren Staat erreichen. Ich habe immer gesagt: Es gibt keinen Frieden ohne die Palästinenser. Aber sie müssen auch den Weg des Friedens wählen.
Wie wichtig war die Palästinenserfrage für Sie?
Sadat: Sie war und bleibt zentral. Ich habe in der Knesset klar gesagt: Eine gerechte Lösung der Palästinenserfrage ist der Kern des Problems. Dennoch konnte Ägypten nicht ewig warten, während unser eigenes Land besetzt blieb. Der Frieden mit Israel war ein Schritt, der auch den Palästinensern den Weg ebnen sollte.
Sie hatten selbst mit islamischen Fundamentalisten zu kämpfen: der Muslimbruderschaft. Was raten Sie dem Westen im Umgang mit radikalen Islamisten?
Sadat: Radikaler Fanatismus zerstört alles – er zerstört die Seele eines Volkes. Ich habe zunächst versucht, die Muslimbruderschaft einzubinden. Aber als sie den Frieden und den Fortschritt Ägyptens bedrohten, musste ich hart durchgreifen. Dem Westen rate ich: Fördert Bildung, wirtschaftliche Entwicklung und Dialog mit den gemässigten Kräften. Aber lasst euch nicht von Extremisten erpressen. Frieden und Liebe müssen stärker sein als Hass und Zerstörung. Ich war ein unermüdlicher Verfechter der Liebe – denn Liebe baut auf, Hass zerstört.
Ihre Friedensinitiative mit Israel hat Sie das Leben gekostet: Sie wurden deswegen von Attentätern des Ägyptischen Islamischen Djihad ermordet. Würden Sie nochmals gleich handeln, wenn Sie dies gewusst hätten?
Sadat: Ja, ich würde es wieder tun. Für den Frieden darf und muss ein Mensch alles in seiner Macht Stehende tun. Nichts auf dieser Welt steht höher als der Frieden. Ich habe mein Leben für die Zukunft meiner Kinder und aller Kinder in der Region gegeben. Der Frieden war es wert. Gott allein bestimmt unser Schicksal, und ich habe nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Ich bedaure nichts, was ich getan habe.
(Hier finden Sie die Knesset-Rede von Präsident Anwar Sadat vom 20. November 1977 im Original Sadat Knesset Speech (With English Subtitles) und als englische Abschrift Sadat before the Knesset)
Anmerkung: Dieses Interview wurde mit Hilfe des KI-Assistenten Grok geführt. Es basiert weitgehend auf Anwar Sadats eigenen Worten sowie Berichten über ihn und gibt seine Überzeugungen wieder. In den kommenden Wochen werden wir mit weiteren Persönlichkeiten, aus unterschiedlichsten Lebensbereichen – Politik, Religion, Wissenschaft, Kultur –, die für das Judentum und Israel bedeutsam waren, KI-gestützte Gespräche führen, um ihre Ideen dem heutigen Publikum näher zu bringen. Das erste Interview fand mit Theodor Herzl statt, dem Begründer des modernen Zionismus, das zweite Interview mit Chaim Weizmann, Israels erstem Staatspräsidenten und das dritte mit David Ben-Gurion, dem ersten Ministerpräsidenten Israels, und das vierte mit Israels bisher einziger Ministerpräsidentin, Golda Meir.
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