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Donald Trump verliert Kontrolle über Entwicklungen im Nahen Osten

Zusammenfassung

Von Sacha Wigdorovits

Zwar nicht gerade im Stunden-, aber im Tagestakt verkündete US-Präsident Donald Trump auf seiner Social-Media-Plattform «Truth Social» und in den amerikanischen Medien in den vergangenen Wochen immer wieder: «Eine Einigung mit dem Iran steht kurz bevor.» Das letzte Mal tat er dies diesen Donnerstag. Darauf lässt sich mit Goethes Faust antworten: «Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.» Denn Trump macht seine Ankündigung mittlerweile seit gut zwei Monaten – doch bisher hat sie sich nie bewahrheitet.

Dass sich daran etwas ändern wird, ist auch diesmal fraglich. Stattdessen wird es immer augenscheinlicher, dass Trump einen grossen Fehler begangen hat, indem er den Ende Februar begonnenen Krieg gegen den Iran unter innenpolitischem Druck vorzeitig abbrach.

Denn der Glaube, die Mullahs am Verhandlungstisch zur Aufgabe ihres Atomwaffen- und Raketenprogramms bewegen zu können, ist naiv. Sie werden sich nie dazu bereit erklären und nutzen die Gespräche einzig und allein dazu, Zeit zu gewinnen. Weil sie wissen, dass Trump sich neue Kampfhandlungen umso weniger leisten kann, je näher die Kongresszwischenwahlen im November rücken.

Deshalb provoziert die iranische Regierung die USA mit immer neuen Nadelstichen. Der bisher letzte war der Abschuss eines US-Apache-Kampfhelikopters. Dass Trump darauf, um sein Gesicht einigermassen zu wahren, mit einem Gegenschlag reagieren musste, war dem Regime in Teheran klar. Und ebenso klar war, dass dann die amerikanische Reaktion erneut mit einer iranischen Attacke beantwortet werden würde. 

Dies alles zeigt, dass trotz Trumps innenpolitisch bedingter Friedensrhetorik eine Einigung mit den Mullahs kaum zu erwarten ist. Daran ändert nichts, dass der US-Präsident jetzt erneut Optimismus über ein Abkommen verbreitet – während aus Teheran verlautet, ein solches sei noch nicht in trockenen Tüchern.

Auch der frühere stellvertretende Generalstabschef der amerikanischen Armee, Vier-Sterne-General Jack Keane, sagte deshalb unlängst im Fernsehsender Fox News, das iranische Regime spiele lediglich auf Zeit, um den politischen und wirtschaftlichen Druck auf Präsident Trump zu erhöhen: «Es wird keine Einigung (mit dem Iran, Red.) geben, und deshalb gibt es keine Alternative zu einem mit ganzer Kraft geführten Krieg.» Der ehemalige CIA-Direktor, General David Petraeus, sieht dies ebenfalls als realistisches Szenario.

Dass der Krieg gegen den Iran weitergeht, ist umso wahrscheinlicher, als sich Trump auch hinsichtlich des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu verschätzt hat. Er war sich sicher, dass dieser in jedem Fall seinen Forderungen folgen werde, um die amerikanische Hilfe für den jüdischen Staat nicht zu gefährden. Das sagte Trump immer wieder öffentlich in einer für Netanyahu demütigenden Art und Weise. Damit desavouierte er diesen auch innenpolitisch.

Am vergangenen Sonntag platzte dem israelischen Ministerpräsidenten deshalb offensichtlich der Kragen. Kurz nachdem Trump ihn aufgefordert hatte, auf Raketenangriffe der Mullahs nicht zu reagieren, liess er die israelische Luftwaffe Ziele im Iran bombardieren. Ebenfalls gegen den Willen Trumps nahm die israelische Armee zudem in der libanesischen Hauptstadt Beirut Ziele der dortigen Terrororganisation Hisbollah ins Visier – als Antwort auf die Raketenangriffe der Hisbollah auf den Norden Israels.

Dieser «Ungehorsam» gegenüber dem für seine Emotionalität und Unberechenbarkeit bekannten amerikanischen Präsidenten ist für Israel zweifellos riskant. Aber Netanyahu nimmt dieses Risiko aus zwei Gründen in Kauf. Erstens steht auch er – wie Donald Trump – wegen der bevorstehenden Parlamentswahlen in Israel unter Druck und muss Erfolge im Kampf gegen den Erzfeind Iran und die Hisbollah vorweisen können. Zweitens traut er Trump bezüglich des Irans offenbar nicht mehr über den Weg. 

Tatsächlich ist Netanyahus Furcht nicht unbegründet, der amerikanische Präsident werde mit den Mullahs eine für Israel nachteilige Einigung eingehen, bloss um eine Fortsetzung des Kriegs zu vermeiden und die eigenen Wähler zufriedenzustellen. Vor diesem Hintergrund ist es konsequent, wenn der israelische Ministerpräsident im Libanon und im Kampf gegen den Iran die Interessen seines eigenen Landes in den Vordergrund stellt und dafür auch einen offenen Konflikt mit Trump riskiert. 

So hat Netanyahu dieser Tage angekündigt, den Krieg gegen den Todfeind Iran nötigenfalls ohne Unterstützung der USA zu führen. Damit signalisierte er nicht nur den eigenen Landsleuten und Trump, sondern auch der Führung in Teheran, dass er sich von den USA keine für den israelischen Staat nachteilige Lösung diktieren lässt – US-Hilfe hin oder her. 

Alles in allem hat sich der amerikanische Präsident durch seine Hüst-und-Hott-Politik gegenüber dem Iran in eine schwierige Lage hineinmanövriert. Sollte sich die jetzt mit grossen Worten angekündigte Einigung mit dem Regime im Iran erneut als Schimäre erweisen, scheint der einzige für ihn gesichtswahrende Ausweg aus dieser Sackgasse eine Fortsetzung des Krieges gegen die Mullahs mit siegreichem Ausgang. 

Dies ist für Trump umso unerfreulicher, als es auch in Gaza mit seinem «Board of Peace»-Prestigeprojekt nicht weitergeht. Denn dort weigert sich die Terrororganisation Hamas weiterhin, ihre Waffen abzugeben. Dies war in dem von Trump im Oktober 2025 verkündeten 20-Punkte-Friedensplan so vorgesehen. Damit sind eine Normalisierung und ein Wiederaufbau in Gaza immer noch in weiter Ferne. 

Für den Nahen Osten insgesamt gilt deshalb, was schon seit jeher gegolten hat: Es herrscht Ungewissheit.


Sacha Wigdorovits ist Präsident des Vereins Fokus Israel und Nahost, der die Webseite fokusisrael.ch betreibt. Er studierte an der Universität Zürich Geschichte, Germanistik und Sozialpsychologie und arbeitete unter anderem als USA-Korrespondent für die SonntagsZeitung, war Chefredaktor des BLICK und Mitbegründer der Pendlerzeitung 20minuten. 

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