6. März 2026
Weshalb der Holocaust heute und in Zukunft präsent bleiben muss
Von Isabelle Arnau
Ein Beitrag in der Neuen Zürcher Zeitung [i] wies jüngst auf eine besorgniserregende Entwicklung hin: Immer mehr junge Menschen wissen wenig oder gar nichts über den Holocaust. Dies führt nicht nur zur Frage: Welche Verantwortung tragen die Schulen an dieser Entwicklung? Es wirft auch zwei grundlegendere Fragen auf: Gibt es Argumente, die für ein Vergessen sprechen? Und: Welche Gründe sprechen entschieden dagegen?
Der Holocaust bezeichnet die staatlich organisierte und industriell betriebene Vernichtung von sechs Millionen europäischer Juden durch das deutsche NS-Regime zwischen 1941 und 1945. Die sogenannte «Endlösung der Judenfrage». Orte wie das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau stehen heute symbolisch für dieses Menschheitsverbrechen. Die Erinnerung daran ist zentraler Bestandteil deutscher und europäischer Erinnerungskultur und politischer Bildung.
Ein bewusstes Vergessen des Holocausts wird angesichts dessen öffentlich kaum gefordert. Dennoch werden immer wieder Argumente vorgebracht, die ein solches Vergessen mindestens implizit rechtfertigen:
Zeitlicher Abstand. Der Holocaust liegt über 80 Jahre zurück. Zeitzeugen sterben, persönliche Bezüge verschwinden. Für junge Menschen wirkt die NS-Zeit zunehmend abstrakt und fern.
Überforderung durch Dauerpräsenz. Teilweise wird auch argumentiert, die ständige Thematisierung des Holocaust führe zu einer «Erinnerungsmüdigkeit». Besonders in Deutschland gebe es eine starke Fokussierung auf die NS-Zeit, wodurch andere historische Themen weniger Raum erhalten.
Identifikationsprobleme: Jugendliche mit Migrationshintergrund empfinden den Holocaust nicht als «ihre Geschichte».
Diese Argumente mögen zwar auf den ersten Blick plausibel scheinen. Sie rechtfertigen das Vergessen jedoch weder moralisch, historisch noch politisch. Dies sind die Hauptargumente, weshalb der Holocaust für immer in Erinnerung bleiben und thematisiert werden muss:
Moralische Pflicht. Der Holocaust war ein beispielloses Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Sein Vergessen würde die sechs Millionen Opfer ein zweites Mal entwürdigen. Die Pflicht, dies zu verhindern, obliegt uns allen und für alle Zeiten. Denn die Verteidigung von Menschenwürde und Freiheit ist universell und hat kein Ablaufdatum.
Warnfunktion. Antisemitismus existiert weiterhin – und seit dem Massaker vom 7. Oktober 2023, bei dem 1’200 vorwiegend jüdische Menschen ermordet wurden, wieder viel virulenter als früher. Das Wissen um die Geschichte des Nationalsozialismus und den Holocaust sensibilisiert für die Gefahren dieser unseligen Entwicklung.
Verantwortung. Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust ist eine Frage der politischen Verantwortung. Dies gilt nicht nur für Deutschland – das diese Verantwortung am gewissenhaftesten wahrnimmt – und für seine damaligen Mittäter in Österreich, Polen, Holland, Frankreich, Belgien, der Ukraine, Ungarn, Slowakei, Rumänien, Kroatien, den baltischen Staaten und Italien. Es gilt für die ganze zivilisierte Welt. Denn nur so kann der Gefahr begegnet werden, dass sich ein Zivilisationsbruch, wie ihn die nationalsozialistischen Verbrechen markierten, wiederholt.
Verhinderung von Geschichtsrevisionismus. Seit dem Ende des Holocaust wird immer wieder versucht, ihn zu leugnen, zu verharmlosen oder mit anderen Ereignissen zu vergleichen (zum Beispiel mit dem Krieg in Gaza). Dieser oft politisch bedingten Entwicklung kann nur begegnet werden, wenn das Wissen über den Holocaust auch den heutigen und zukünftigen Generationen weitervermittelt wird.
Die Schulen tragen selbstverständlich eine grosse Verantwortung, dass diese Wissensvermittlung stattfindet, dass Ausmass, Einzigartigkeit und Bedeutung des Holocaust nicht vergessen gehen und dass die junge Generation für die Gefahren von Antisemitismus und Rassismus sensibilisiert wird. Aber dasselbe gilt auch für die Politik. Denn wie zum Beispiel Jan Gerber in seinem Buch «Nie wieder. Die deutsche Linke und der Antisemitismus nach Auschwitz» darlegt, bleibt die Auseinandersetzung mit Antisemitismus und mit den ideologischen Kontinuitäten nach 1945 eine dauerhafte Herausforderung.
Dies gilt nicht nur für einzelne politische Milieus, sondern für unsere demokratische Gesellschaft insgesamt. Erinnerung darf daher kein abgeschlossener historischer Akt sein, der irgendwann abgehakt und ad acta gelegt wird. Erinnerung ermöglicht eine fortwährende Selbstvergewisserung darüber, welche moralischen, rechtlichen und politischen Normen eine freiheitliche Gesellschaft tragen. Und nichts kann uns besser vor Augen führen, was passiert, wenn diese Normen fehlen, als die Erinnerung an den Holocaust.
[i] Zelda Biller, NZZ vom 23. Februar 2026: «Der Holocaust verschwindet: Die Erinnerung an das grösste Menschheitsverbrechen der Geschichte droht in Vergessenheit zu geraten»
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