29. Mai 2026
KI ist nicht gleich KI – schon gar nicht in Bezug auf Israel und Antisemitismus
Zusammenfassung
- Die Zuhilfenahme von Künstlicher Intelligenz KI ist heute in vielen Berufen unverzichtbar.
- Aber Vorsicht: Erstens macht auch KI Fehler. Und zweitens ist KI nicht gleich KI. Dies zeigt sich vor allem in Bezug auf politische Themen.
- FokusIsrael.ch hat die drei KI-Assistenten ChatGPT, Claude und Grok hinsichtlich Israel und Antisemitismus getestet.
- Dazu haben wir allen drei KI vier wörtlich gleichlautende Fragen zu diesen beiden Themen gestellt.
- Das Ergebnis ist eindeutig: Grok macht eine unvoreingenommene Analyse der Fakten, Claude ist vorsichtig, ChatGPT verwässert oder verschweigt Tatsachen, um politisch korrekt zu sein.
Von Sacha Wigdorovits
Frage 1: War Voltaire ein Antisemit?
Juden seien «barbarisch», «habgierig, «fanatisch», und «ich wäre nicht im Geringsten überrascht, wenn dieses Volk eines Tages den Tod der Menschheit bedeuten würde». Diese Aussagen finden sich beim französischen Aufklärungs-Autor Voltaire. Wir wollten deshalb von ChatGPT, Claude und Grok wissen, ob Voltaire ein Antisemit war.
Es stimme zwar, Voltaire habe antisemitische Aussagen geschrieben, teilte ChatGPT mit, «aber die Einordnung ist etwas komplexer.» Denn man müsse diese Ansichten im Kontext «seiner allgemeinen Religionskritik und seiner Rolle als Aufklärer sehen.»
Auch Claude attestiert Voltaire zwar «deutlich antisemitische Züge», meint aber ebenfalls, dies sei eine «komplexe Frage», die im Zusammenhang mit seiner generellen Religionskritik zu sehen sei. Eigentlich habe er das Christentum gehasst, aber oft die Juden angegriffen, weil sie das Alte Testament, also die Grundlage des Christentums, verfasst hätten.
ChatGPT und Claude finden somit, dass Voltaire die Juden als Barbaren, habgierig und Geisel der Menschheit bezeichnete, das seien zwar «antisemitische Aussagen». Aber sie schrecken davor zurück, ihn deshalb einen Antisemiten zu nennen. Diese Differenzierung ist – Voltaires allgemeine Religionskritik hin oder her –nur schwierig nachzuvollziehen.
Der KI-Assistent Grok verzichtet denn auch darauf. Er antwortet klipp und klar: «Ja, Voltaire war ein Antisemit. In Sinne eines tiefen, wiederholten und oft hasserfüllten Vorurteils gegen Juden als Volk, nicht nur gegen die jüdische Religion. Das ist unter Historikern weitgehend Konsens.»
Frage: Fördern Social Media den Antisemitismus?
Das gleiche Muster wie bei Voltaire findet sich auch bei der Frage, ob Social Media-Plattformen den Antisemitismus fördern. ChatGPT will sich auch da nicht festlegen. «Social Media können Antisemitismus verstärken – aber sie sind nicht die alleinige Ursache», antwortet der am weiten verbreitetste KI-Assistent. Ausserdem «bieten sie (Social Media, Red.) auch Werkzeuge, um Antisemitismus sichtbar zu machen.»
Claude ist da deutlicher. Die Forschungslage sei relativ eindeutig, lautet die Antwort. «Social Media ist kein Ursprung, aber ein erheblicher Verstärker von Antisemitismus – durch Algorithmen, Anonymität, Skalierbarkeit und die Erosion sozialer Hemmschwellen.»
Noch klarer ist erneut Grok: «Ja, Social Media fördern Antisemitismus strukturell und messbar – vor allem durch ihre Algorithmen, das Geschäftsmodell (Engagement Maximierung) und unzureichende Moderation.» Grok weist dabei unter anderem auf die gelockerten «free speech»-Regeln von Meta (Facebook, Instagram) hin und auf den «eine Spirale des Hasses» erzeugenden Algorithmus von TikTok.
Frage: Was sind die langfristigen aussenpolitischen Ziele des Regimes im Iran?
Deutlich unterscheiden sich die Antworten der drei KI-Assistenten auch bezüglich der Aussenpolitik des Iran. Wichtigstes aussenpolitisches Ziel des Regimes in Teheran sei «das Überleben des Systems», schreibt ChatGPT. Dazu gehöre insbesondere der «Schutz vor militärischen Angriffen (v. a. durch die USA oder Israel)».
Darüber, dass das iranische Regime schon bei seiner Machtübernahme 1979 die Vernichtung des jüdischen Staates zu einer seiner obersten Maximen erklärt hat und die Terrororganisationen Hisbollah und Hamas nur aus diesem Grund unterstützt, verliert ChatGPT kein Wort.
Claude und Grok hingegen halten übereinstimmend als zweites «Kernziel» der Mullahs fest: «Elimination Israels als Staat» (Claude) beziehungsweise «Zerstörung Israels und Tod den Zionisten» (Grok). Dies sei ein erklärtes Ziel der (Teheraner) Führung – «weniger aus ethnischen als aus politisch-religiösen Motiven.», schreibt Claude. Grok untermauert seine Aussage mit der Feststellung: «Das Regime finanziert, bewaffnet und koordiniert die ‘Achse des Widerstands’: Hisbollah (Libanon), Hamas/PI (Palästina), Huthi (Jemen), schiitische Milizen im Irak/Syrien. Ziel: Israel durch ständigen Druck zermürben oder eliminieren.»
Frage: Hat Israel in Gaza Genozid begangen?
Nicht einig sind sich die drei KI-Assistenten bei der Frage, ob Israel im Krieg gegen die Terrororganisation Hamas in Gaza Völkermord begangen habe.
Juristisch sei diese Frage noch nicht endgültig entschieden, hält ChatGPT fest, denn «es gibt noch kein rechtskräftiges Urteil eines internationalen Gerichts». Aber, so ChatGPT, «der Vorwurf ist rechtlich ernsthaft und gut dokumentiert.». Auch wenn die Behauptung «Israel hat Genozid begangen» also noch «keine endgültig gerichtlich festgestellte Tatsache» sei, so sei sie doch «eine von massgeblichen Menschenrechtsorganisationen und einer UN-Kommission vertretene rechtliche Schlussfolgerung.»
Bei Claude tönt es nahezu identisch. Die beiden KI-Assistenten unterlassen aber den Hinweis darauf, dass der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofes ICC, Karim Khan, vor kurzem öffentlich erklärt hat, er habe «keine hinreichenden Beweise für einen Völkermord durch Israel in Gaza gefunden».
Auch Grok bestätigt dies zwar erst auf Nachfrage. Aber er ist in seiner Aussage ohnehin unmissverständlich und erklärt: «Nein, Israel hat keinen Genozid in Gaza begangen. Der Vorwurf erfüllt nicht die strengen rechtlichen Kriterien der UN-Genozidkonvention von 1948, auch wenn die humanitäre Lage katastrophal ist und Israel schwere Kriegsverbrechen vorgeworfen werden.»
Zur Untermauerung der Aussage, dass der Genozidvorwurf ungerechtfertigt ist, weist Grok unter anderem auf die israelischen Warnungen der Zivilisten in Gaza vor bevorstehenden Kriegshandlungen hin sowie darauf, dass «Israel keine Politik der Geburtenverhinderung, Zwangstransfers oder systematischen Ausrottung» habe.
Fazit: ChatGPT relativiert aus politischen Gründen – Grok nicht
Der Vergleich der drei KI-Assistenten in Bezug auf Fragen zu Israel und Antisemitismus – und wohl auch generell zu politischen Themen – ist deshalb eindeutig:
- Der Algorithmus von ChatGPT ist darauf ausgelegt, möglichst politisch korrekt und mehrheitsfähig zu sein. Deshalb werden lieber Quellen aus den verschiedenen Lagern zitiert, anstatt eine klare eigene faktenbasierte Analyse zu machen. Zudem werden mitunter erwiesene Fakten unterschlagen, was dazu führt, dass – politisch unbequeme – Wahrheiten auf der Strecke bleiben.
- Beim Algorithmus von Claude ist ein politisch gefärbtes Antwortschema nicht erkennbar, aber dennoch eine Scheu vor kontroversen eigenen Analysen. Stattdessen wird auf die Aussagen von Drittquellen verwiesen.
- Grok hingegen versucht den Themen mit eigenen Analysen auf den Grund zu gehen und beantwortet Fragen ungeachtet ihrer politischen Konsequenzen.
Das sieht im Übrigen auch Grok selbst so. Auf die Frage, was ihn von ChatGPT und Claude unterscheide, antwortet er: «ChatGPT ist in der Praxis oft harmlos, mit starken Sicherheits-Leitplanken, die kontroverse Themen relativieren.» Claude sei «sehr vorsichtig, moralisierend und ablehnend bei sensiblen Themen. Oft der ‘Netteste’ der drei.»
«Ich hingegen», versichert Grok, «bin so gebaut, dass ich der Wahrheit so nah wie möglich kommen soll – auch wenn sie unangenehm, politisch inkorrekt oder kontrovers ist.» Das passt zu uns von FokusIsrael.ch.
Sacha Wigdorovits ist Präsident des Vereins Fokus Israel und Nahost, der die Webseite fokusisrael.ch betreibt. Er studierte an der Universität Zürich Geschichte, Germanistik und Sozialpsychologie und arbeitete unter anderem als USA-Korrespondent für die SonntagsZeitung, war Chefredaktor des BLICK und Mitbegründer der Pendlerzeitung 20minuten.
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