17. April 2026
Die Zukunft des Nahen Ostens hängt in der Schwebe – und damit auch unsere
Zusammenfassung:
- Auf den ersten Blick scheinen die Waffenstillstandsabkommen im Iran und im Libanon gute Nachrichten. Doch insbesondere im Fall Iran erweist sich dieser Eindruck als trügerisch.
- Hauptgewinner der derzeitigen Waffenruhen sind das islamistische Regime in Teheran und dessen Terrororganisation Hisbollah im Libanon.
- Hauptverlierer ist der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu, der wegen des Waffenstillstands im Libanon im eigenen Land massiv kritisiert wird.
- Jetzt wird es darauf abkommen, ob aus dem Waffenstillstand ein dauerhafter Frieden mit dem Libanon entsteht – mit Entwaffnung und Entmachtung der Hisbollah.
- Was bei den Verhandlungen zwischen den USA und Iran sowie Israel und Libanon resultiert, hat einen Einfluss auf den ganzen Nahen Osten – und langfristig auch darüber hinaus.
Es sei eine «historische Gelegenheit für Frieden»: So verkaufte der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu am Donnerstagabend den ihm von US-Präsident Donald Trump aufgezwungenen sofortigen Waffenstillstand mit der Terrortruppe Hisbollah im Libanon.
«Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube», sagt Goethes Dr. Faust. Ebenso geht dies den meisten Israelis. Das gilt nicht nur für die Anhänger der Oppositionsparteien, deren Führer Netanyahus Einknicken sofort massiv verurteilten. Es gilt vor allem auch für die Bevölkerung im Norden des Landes, die seit Jahren unter dem Raketenbeschuss der Hisbollah leidet. Sie hatte gehofft, dass mit dem jetzigen Feldzug der israelischen Armee im Libanon diese Gefahr definitiv gebannt werden würde.
Wenn Netanyahu nächste Woche in Washington mit dem libanesischen Präsidenten Joseph Aoun zu Friedensgesprächen zusammenkommt, wie es Präsident Trump angekündigt hat, muss er deshalb liefern! Nicht bloss seinem Land zuliebe, sondern weil sonst sein politisches Schicksal definitiv besiegelt ist.
Denn in Israel hat niemand vergessen, dass sich das Massaker vom 7. Oktober 2023 während seiner Amtszeit ereignete. Zwar versucht Netanyahu, die Verantwortung dafür abzuschieben abzuschieben und hat bislang erfolgreich eine wirklich unabhängige Untersuchung verhindert. Aber letztlich wird auch für ihn der Spruch gelten, der auf einer kleinen Holztafel auf dem Pult des amerikanischen Präsidenten Harry S. Truman stand: «The buck stops here». Womit Truman sagen wollte: «Ich bin derjenige, der verantwortlich ist.»
Im Falle der Friedensverhandlungen mit dem Libanon heisst das: Jedes Resultat, das nicht auf eine vollständige Entwaffnung und Entmachtung der Hisbollah hinausläuft, ist für Netanyahu eine persönliche Niederlage. Dasselbe gilt zwar auch für seinen Widerpart Aoun. Denn auch die libanesische Regierung steht in der Pflicht die Terrortruppe aufzulösen. Aber für sie dürfte ein Scheitern weniger gravierende Folgen haben. Denn schon in der Vergangenheit konnte sie ähnliche Versprechen nicht einlösen. Deshalb kann man es auch jetzt nicht von ihr erwarten.
Ob es den beiden Verhandlungsführern mit amerikanischer Hilfe gelingen wird, eine gemeinsame Lösung des Problems «Hisbollah» aus dem Hut zu zaubern, ist fraglich. Zu hoffen ist dies jedenfalls, im Interesse beider Länder. Und unmöglich ist es nicht. Zumal die Chancen dafür grösser sind, wenn der Libanon und Israel zusammenarbeiten, als wenn die israelische Armee dies allein tun muss. Aber es wird schwierig werden. Denn wegen des jetzigen – verfrühten – Waffenstillstands ist die schiitische Terrororganisation nicht genügend geschwächt, um sich widerstandslos entwaffnen zu lassen.
Vollständig aussichtslos scheint hingegen eine gute langfristige Lösung im Falle der Verhandlungen zwischen den USA und Iran, die in Pakistan stattfinden. Die israelische und die libanesische Regierung haben immerhin ein gemeinsames Ziel: die Entmachtung der Hisbollah. Doch im Falle der USA und des islamistischen Regimes in Teheran ist dies überhaupt nicht der Fall: Sie haben das Heu nicht einmal ansatzweise auf der gleichen Bühne.
Den USA schwebt zurecht vor, den Mullahs alles wegzunehmen, was sie zur Herstellung und Verbreitung von Atomwaffen befähigen würde. Die islamistischen Hardliner in Teheran hingegen wollen sich genau dieses Potenzial nicht nehmen lassen. Denn sonst werden sie ihre erklärten Ziele – die Vernichtung Israels und Dominanz über den Westen sowie die arabische Welt – nie erreichen können.
Die Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran scheinen deshalb zum Scheitern verurteilt. Weil US-Präsident Trump innenpolitisch wegen des Kriegs im Mittleren Osten unter Druck ist, kann indessen ein fauler Kompromiss nicht ausgeschlossen werden. Hauptleidtragende wären dann die iranische Bevölkerung, die seit Jahrzehnten unter ihrem menschenverachtenden Regime leidet, und Israel, dessen gefährlichster Gegner seinen Kopf einmal mehr aus der Schlinge ziehen könnte. Aber auch die arabischen Staaten in der Golfregion wären darüber unglücklich. Denn sie hoffen ebenfalls, dass die Gefahr, die von den Mullahs in Teheran ausgeht, durch die USA und Israel jetzt definitiv beseitigt werden kann.
Dass diese Gefahr mittel- und langfristig auch für uns in Europa besteht, ist zwar ebenfalls eine Tatsache. Bloss will sie hier niemand hören. In den revolutionären 1960er Jahren war auf viele Hauswände aufgemalt «Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin». Bloss der zweite Teil des Satzes fehlte jeweils, weil er damals – so wie heute – unpopulär war: «Dann kommt der Krieg zu dir.»
Haben Sie einen Fehler entdeckt?





