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Antisemiten aller Länder, ich danke euch!

Von Sacha Wigdorovits

Unlängst habe ich auf Facebook ein Foto von Steven Spielberg und Billy Joel gesehen. Sie stehen gemeinsam vor der Klagemauer in Jerusalem, eine Kippa auf dem Kopf, und halten ein querformatiges A2-grosses Plakat vor sich. Darauf steht auf Englisch: «Egal, wie viel Hass sie uns entgegenschleudern, wir wissen, dass wir auf der richtigen Seite stehen. Wir erheben unsere Stimme gegen Antisemitismus.»

Dieses Foto war ein mit Künstlicher Intelligenz angefertigtes Fake. Echt ist aber das Engagement von Steven Spielberg und Billy Joel gegen den in jüngster Zeit massiv angestiegenen Antisemitismus. «Ich bin zunehmend alarmiert, dass wir dazu verdammt sind, einmal mehr um das Recht zu kämpfen, jüdisch zu sein», sagte beispielsweise Spielberg an der 30. Jahresfeier der amerikanischen Shoah-Stiftung. Und Billy Joel erklärte in der Dokumentation «And so it goes – und so passiert es», des amerikanischen Bezahl-TV-Kanals HBO: «Egal, was geschieht, ich werde immer ein Jude sein.»

Bis am 7. Oktober 2023, als die palästinensische Terrororganisation Hamas in Israel das grösste Pogrom seit Ende des Zweiten Weltkrieges verübte und 1’200 Kleinkinder, Jugendliche sowie Frauen und Männer allen Alters bestialisch ermordete, hätten Steven Spielberg und Billy Joel wohl kaum gedacht, dass sie ihre jüdische Identität einmal öffentlich auf diese Weise betonen und verteidigen müssten. Und ich ebenso wenig.

Aber dies ist unumgänglich! Denn das Massaker vom 7. Oktober war für die Antisemiten in der westlichen Welt der Startschuss, um ihren zuvor im Geheimen gelebten Judenhass immer lauter und immer gewalttätiger zu manifestieren. Das beginnt bei den Demonstrationen, an denen «From the river to the sea» (Will heissen: «Tilgt Israel und seine jüdische Bevölkerung von der Landkarte») und «Death to the Zionists» (Gleichbedeutend mit: «Tod den Juden») gebrüllt wird. Es geht weiter in den Hochschulen, wo die Wände mit Stickern wie «88» (internationaler Code für «Heil Hitler») und «Judenschweine» verklebt werden. Und es endet mit den auf Lügen aufbauenden politischen «Genozid»-Kampagnen zur Delegitimierung von Israel als jüdischem Staat, die vor allem in linken und islamistischen Kreisen populär sind.

Erreicht haben diese lautstarken antisemitischen Bekundungen in Europa und neuerdings auch den USA das Gegenteil dessen, was sie bezweckten: Sie haben die Juden in der Diaspora aufgeweckt und in einer Art und Weise geeint, die zuvor unvorstellbar war. 

Natürlich gibt es naive oder sich selbsthassende Juden, die diesen Kampf gegen uns – und damit gegen sich selbst – sogar unterstützen. Und es gibt auch jene anderen, die glauben, das jetzige Aufwallen des Antisemitismus im Versteckten «aussitzen» zu können. So wie es vor beinahe 100 Jahren viele deutsche Juden glaubten. Aber insgesamt sind diese beiden Gruppierungen eine kleine Minderheit innerhalb des Judentums. Ich schätze, dass sie zusammen 10% bis 15% der Juden in der europäischen und amerikanischen Diaspora ausmachen. 

Bei den restlichen 85% bis 90% unseres über die ganze Welt verstreuten Volkes ist dies nicht der Fall. Bei dieser grossen Mehrheit hat der Antisemitismus der letzten zweieinhalb Jahre das Gemeinschaftsgefühl und das Bewusstsein für die Bedeutung der eigenen jüdischen Identität gestärkt. 

Eine Ausnahme davon ist paradoxerweise Israel. Dort wird dieser Trend durch die tiefe Kluft zwischen den säkularen und den ultraorthodoxen Juden überlagert. Vor allem seit in Gaza die Waffen weitgehend ruhen. 

Allerdings sind die Juden in Israel auch nicht gleichermassen dem Antisemitismus ausgesetzt wie in Europa oder neuerdings in den USA. Ihnen droht höchstens die Vernichtung durch den Iran und seine Terrorverbündeten. Doch das ist für die Israelis nichts Neues und haut sie deshalb nicht mehr aus den Socken. Im Gegensatz zu uns in Europa und den USA, die wir bis vor zweieinhalb Jahren glaubten, weitverbreiteter Antisemitismus gehöre in unseren Breitengraden der Vergangenheit an.

Heute wissen wir, dass diese Hoffnung trügerisch war. Denn nicht nur Steven Spielberg hat verstanden, dass unsere jüdische Existenz nur gesichert werden kann, wenn wir darum kämpfen. Auch die meisten von uns haben dies inzwischen kapiert. Mich inklusive.

Dafür bin ich euch dankbar, Antisemiten aller Länder: Ihr habt uns die Augen (wieder einmal) geöffnet und damit auch meinem eigenen Leben einen neuen Sinn gegeben. Nämlich gegen euch zu kämpfen. Für uns Juden im Allgemeinen und für Israel im Besonderen!

Ihr habt mir die Bedeutung meiner jüdischen Identität vor Augen geführt. Dank euch setze ich mich noch vertiefter als bisher mit der Politik im Nahen Osten auseinander. Wegen euch lese ich brillant geschriebene Bücher über das Wesen des Judentums. (Derzeit ist es «Radical then, radical now – Damals radikal, jetzt radikal», des vor wenigen Jahren verstorbenen britischen Rabbi Jonathan Sacks, einem der grossen jüdischen Denker des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts.)

Ausserdem habe ich durch meinen Kampf gegen euch neue Freunde gewonnen. Dazu gehört unser Team von FokusIsrael.ch, das jede Woche hilft, eure Verlogenheit und euren blinden Hass offenzulegen. Dazu gehören aber auch Menschen, die auf den sozialen Medien oder durch meine Kolumnen auf diversen Medienplattformen auf mich aufmerksam wurden, um mir dann ihre Hilfe anzubieten oder mich ganz einfach mit aufmunternden Kommentaren zu unterstützen.

Bei anderen wiederum, die ich schon früher kannte, bestätigte sich für mich dank der politischen Entwicklung seit dem 7. Oktober ihre moralische Integrität, ihr Mitgefühl und ihre Bereitschaft, uns Juden in unserem kollektiven Existenzkampf beizustehen. Sei es durch Benefizabende am Piano oder durch Hilfe bei der Bewältigung juristischer Probleme. Sehr viele von diesen Menschen sind nicht jüdisch, und mir deshalb besonders ans Herz gewachsen. Denn sie zeigen mir jeden Tag, dass wir in unserem Überlebenskampf nicht allein sind.

Sie alle befolgen das, was der irische Philosoph Edmund Burke bereits vor über 200 Jahren gesagt hat: «Evil prevails when good men fail to act – das Böse obsiegt, wenn gute Menschen nicht handeln». Diese Schuld wollen unsere Unterstützer nicht auf sich nehmen. Und wir Juden dürfen es schon gar nicht. Weder wenn wir selbst das Opfer des Bösen sind, noch wenn andere dieses Schicksal erleiden, so wie derzeit zum Beispiel die Bevölkerung des Iran oder jene der Ukraine.

Deshalb, ihr Antisemiten aller Länder, ist es meine Pflicht, euch zu bekämpfen. Die Pflicht gegenüber all jenen heute lebenden Juden, die dies nicht selbst können, und die Pflicht gegenüber all jenen unserer Vorfahren, die wehrlos von euresgleichen vernichtet wurden. Vor 80 Jahren wie am 7. Oktober 2023. 

Zuversichtlich stimmt mich dabei unsere Geschichte. Denn wir Juden schlagen uns schon seit über 3’000 Jahren mit Feinden herum, die unser Volk ausrotten wollten, von Babylon bis Europa und zurück. Und was ist dabei passiert? Alle sind sie untergegangen und im Dunkel der Geschichte verschwunden. Wir hingegen sind immer noch hier. Und wir haben sogar einen eigenen Staat, der so stark ist, wie es seine Vorläufer in biblischen Zeiten nie waren. (Dass ich seine gegenwärtige Regierung nicht mag, steht auf einem anderen Blatt geschrieben.) 

Da ich politisch in den 1960er Jahren sozialisiert worden bin, schleudere ich euch, Antisemiten aller Länder, zum Schluss deshalb nur ein Wort entgegen: «Venceremos – Wir werden siegen!»


Sacha Wigdorovits ist Präsident des Vereins Fokus Israel und Nahost, der die Webseite fokusisrael.ch betreibt. Er studierte an der Universität Zürich Geschichte, Germanistik und Sozialpsychologie und arbeitete unter anderem als USA-Korrespondent für die SonntagsZeitung, war Chefredaktor des BLICK und Mitbegründer der Pendlerzeitung 20minuten. 

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