10. September 2026
Wahlen in die KnessetOfer Winter: Ungewisse neue Kraft im rechten politischen Spektrum
Im Vorfeld der israelischen Parlamentswahlen vom 27. Oktober stellt FokusIsrael.ch die wichtigsten politischen Führungspersönlichkeiten des jüdischen Staates vor. Diese Woche: Ofer Winter von der neugegründeten Partei «Amcha Yisrael».
Von Jan Kapusnak
Als Ofer Winter am 25. August in Jerusalem die Gründung seiner neuen «Partei des Volkes Israel» (Amcha Yisrael) und Teilnahme an den Parlamentswahlen vom 27. Oktober bekanntgab, trugen seine Anhänger Hemden mit der Aufschrift «Winter is coming» – eine drohende Ankündigung in Anlehnung an die bekannte Fantasy-TV-Serie «Game of Thrones».
Die Drohung «Winter kommt» war vor allem an die Adresse der bisherigen Rechtsaussenparteien gerichtet. Diese reagierten denn auch unverzüglich: Bezalel Smotrich und Mosche Feiglin schlossen ein Bündnis zwischen ihren beiden religiös-zionistischen und rechts-zionistischen Parteien «HaTzionut HaDatit» und «Zehut». Benjamin Netanyahu seinerseits versuchte Medienberichten zufolge, Winters Parlamentskandidaten in den Likud zu integrieren.
Diese Reaktionen hatten ihren guten Grund. Winters «Partei des Volkes Israels» vereint Positionen, die mit der nationalistischen und religiösen Rechten Israels verbunden sind. Und sie versucht, sowohl jüdische als auch arabische Israelis sowie religiöse und säkulare Wähler anzusprechen. Insbesondere solche, die mit der jetzigen Regierung wegen ihres Verhaltens vor und nach dem Massaker vom 7. Oktober 2023 sowie wegen ihrer Weigerung, auch ultraorthodoxe Juden (Haredim) konsequent in die Armee einzuziehen, unzufrieden sind.
Soldat der religiösen Rechten
Ofer Winter wurde 1971 geboren und wuchs in Kiryat Ata auf. Er diente mehr als drei Jahrzehnte in den Israel Defense Forces IDF und kämpfte während des von der palästinensischen Terrororganisation Hamas verübten Massakers am 7. Oktober 2023 als Freiwilliger in der Nähe des Kibbuz Be’eri.
Winter war 1990 in die IDF eingetreten und hatte zunächst in «Sayeret Matkal» und später in «Maglan» gedient, zwei Elite-Kommandoeinheiten der israelischen Verteidigungsstreitkräfte. Anschliessend führte er das Givati-Aufklärungsbataillon «Duvdevan», die Nordbrigade der Gaza-Division und die Givati-Brigade. Anschliessend diente er als Stabschef des Zentralkommandos, Militärsekretär von vier Verteidigungsministern und Kommandeur der 98. Feuerwehrdivision.
Glaubwürdig, aber auch polarisierend
Seine militärische Erfahrung verschafft Winter unter rechtsgerichteten Wählern eine aussergewöhnliche Glaubwürdigkeit. Doch seine religiöse Rhetorik und seine Kritik am IDF-Establishment machen ihn auch zu einer polarisierenden Figur. Während des Gaza-Krieges 2014 wurde Winter landesweit bekannt, als er in einer Botschaft an seine Offiziere schrieb, die Hamas sein ein Feind, «der dem Gott Israels trotzt, ihn verflucht und ihn verachtet». Er zitierte dazu das «Schma Jisrael», das zentrale Glaubensbekenntnis des Judentums.
Diese Worte in einer offiziellen militärischen Botschaft waren ungewöhnlich und kontrovers. Sie machten die Verteidigung des Staates Israel gegen die Terrororganisation zu einem Kampf im Namen Gottes. Kritiker warfen Winter daraufhin vor, einer nationalen Militäroperation den Charakter eines Religionskriegs gegeben zu haben. Seine Anhänger betrachteten seine Worte hingegen als legitimen Ausdruck des jüdischen Glaubens, um seine Soldaten zu inspirieren.
Winter stieg in den IDF zwar weiter auf, wurde aber in der Folge bei der Beförderung zum Generalmajor mehrfach übergangen. Er beendete sein Divisionskommando im September 2022, erhielt keine weitere feste Stelle in der Armeeführung und wurde im Mai 2024 darüber informiert, dass er aus den IDF entlassen werde.
Ein Macher gegen die Zauderer
Winter hatte am 7. Oktober 2023 kein aktives Kommando. Nachdem er vom Hamas-Angriff erfahren hatte, fuhr er mit seiner persönlichen Waffe von Galiläa in Richtung Gaza und schloss sich den Kämpfen in der Nähe von Be’eri an. Dieses Verhalten stärkte sein Image als Kommandant, der entschlossen handelte, während andere zögerten.
In seiner jetzigen Politkampagne beschuldigt Winter «Israels Eliten» denn auch, sie seien vor dem 7. Oktober in fehlgeschlagenen Annahmen gefangen gewesen und seither unfähig, einen entscheidenden Sieg gegen Hamas zu erringen. Nicht von ungefähr ist eine der Knesset-Kandidatinnen von «Partei des Volkes Israel» Sigal Kraunik-Atiya, deren Ehemann Arik bei der Verteidigung des Kibbuz Be’eri getötet wurde.
Gegner der Zwei-Staaten-Lösung
Winter ist aussenpolitisch fest in der extremen politischen Rechten verankert. Er lehnt einen palästinensischen Staat ab und befürwortet die Doktrin des entscheidenden militärischen Sieges. Bei seiner Parteigründung erklärte er, dass «es für Gaza nur eine Lösung gebe – Auswanderung». Er argumentierte, dass ein Feind, der einen Krieg gegen Israel beginne, einen territorialen Preis zahlen müsse.
Befürworter des Militärdienstes für Ultraorthodoxe
In der Innenpolitik befürwortet Winter stärkere Massnahmen gegen die organisierte Kriminalität. Sein auffälligstes Thema ist jedoch der Militärdienst. Am 2. September erklärte er, dass seine Partei «Amcha Yisrael» nur einer Regierung beitreten werde, welche die generelle Befreiung der Ultraorthodoxen vom Militärdienst abschaffe und jeden Jugendlichen zum Dienst verpflichte. Diese Forderung bringt ihn in direkten Konflikt mit Netanyahus ultraorthodoxen Partnern.
Fühler zu arabischen Wählern
Winters Versuch, über eine enge religiöse Basis hinauszugehen, zeigt sich am deutlichsten in seiner Wahl von Yoseph Haddad für den zweiten Listenplatz bei den Wahlen in die Knesset. Haddad ist arabischer Christ, verwundeter Golani-Veteran und ein prominenter internationaler Fürsprecher Israels. Er hat arabische Parteien dafür kritisiert, dass sie sich auf die Palästinenser statt auf Israels arabische Bürger konzentrieren. Bei der Bekanntgabe seiner Kandidatur für die Knesset sagte Haddad, er wolle das erste arabische Mitglied des israelischen Sicherheitskabinetts werden. Winter stellte ihn als zukünftigen Minister für öffentliche Diplomatie vor, und Haddad unterstützte Winter als Verteidigungsminister.
Haddads grösster Wert für «Partei des Volkes Israel» könnte bei jüdischen Wählern liegen: Er hilft Winter, eine inklusive jüdisch-arabische Partei zu präsentieren, ohne deren palästinensische Politik zu mässigen. Diese Strategie stellte sich erstmals auf die Probe, als Rabbi Shlomo Aviner, eine prominente Persönlichkeit der religiösen Rechten, sagte, es sei verboten, für Winters Partei zu stimmen, weil Haddad kein Jude sei. Selbst ein «rechtschaffener Nichtjude», argumentierte Aviner, könne keine Führungsposition über die jüdische Nation innehaben.
Winter reagierte darauf, indem er die Drusen, Beduinen und christlichen Soldaten in Erinnerung rief, mit denen er gedient hatte. Diejenigen, die würdig genug seien, für das Land zu kämpfen und zu sterben, seien ebenfalls würdig, es zu führen, erwiderte er Aviner. Zu den weiteren Spitzenkandidaten von Winters Partei gehören der frühere Journalist Netali Shem Tov und die ehemalige stellvertretende Bürgermeisterin von Jerusalem, Fleur Hassan-Nahoum.
Unterstützer und gleichzeitig Kritiker Netanyahus
Winter erklärte Benjamin Netanyahu zum einzigen Kandidaten, den seine Partei für das Amt des Ministerpräsidenten empfehlen würde. Er kritisierte allerdings auch, dass die jetzige Regierung keine glaubwürdige Untersuchung des Massakers vom 7. Oktober zugelassen hat, dass sie in Gaza keinen entscheidenden Sieg gegen die Hamas erzielte und dass sie die Haredim nicht konsequent in die Armee einberuft. Winter ist somit sowohl Netanyahus potenzieller Verbündeter als auch sein Herausforderer.
Unsicherer Wahlerfolg
Die aktuellen Wählerbefragungen zeigen, dass es noch keineswegs sicher ist, ob seine «Partei des Volkes Israel» am 27. Oktober den Sprung ins Parlament schafft. Eine neue Umfrage des TV-Senders i24NEWS ergab für Winters Partei zwar acht Sitze und gemäss einer Umfrage des Senders Channel 13 käme «Amcha Yisrael» immerhin auf vier Sitze. Doch eine Walla-Umfrage prophezeit Winters Partei lediglich einen Wähleranteil von 2.3 Prozent – deutlich unter der 3.25-Prozent-Schwelle, die es für einen Einzug in die Knesset braucht.
Falls Winter mit seiner «Partei des Volkes Israel» diese Hürde schafft, könnte er Netanyahu stärken. Sollte er aber daran scheitern, dann könnten die an seine Partei abgegebenen, «verlorenen» Stimmen den jetzigen Ministerpräsidenten die Wiederwahl kosten.
Bereits erschienene Porträts
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Jan Kapusnak ist Politanalyst und Autor. Er lebt in Tel Aviv.
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