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Wahlen in die KnessetGadi Eisenkot: Der Ex-General, der Netanyahu besiegen will

Im Vorfeld der israelischen Parlamentswahlen vom 27. Oktober stellt FokusIsrael.ch die wichtigsten politischen Führungspersönlichkeiten des jüdischen Staates vor. Diese Woche: Ex-Generalstabschef Gadi Eisenkot, den härtesten Herausforderer von Ministerpräsident Benjamin Netanyahu.

Von Jan Kapusnak

Noch vor wenigen Monaten schien es, als würde der ehemalige Ministerpräsident Naftali Bennett bei den anstehenden Wahlen Benjamin Netanyahus Hauptkonkurrent sein. Jetzt jedoch ist ein weniger charismatischer, aber ganz offenkundig für viele Wählerinnen und Wähler vertrauenswürdiger ehemaliger IDF-Generalstabschef in den Vordergrund getreten: Gadi Eisenkot.

Seine noch junge zentristische Partei «Yashar» hat Netanyahus «Likud» in einigen neuen Wahlumfragenbereits überholt. Und Eisenkot übertrifft Netanyahu gemäss diesen Befragungen auch, wenn die Israelis gefragt werden, wen sie für besser geeignet halten, Ministerpräsident zu werden. Damit ist Eisenkot zum ernsthaftesten persönlichen Herausforderer des am längsten amtierenden Regierungschefs in der Geschichte Israels geworden.

Anderer Stil und anderer Hintergrund als Netanyahu

Eisenkots Aufstieg basiert nicht auf schillernder Rhetorik. Er präsentiert sich auf der Bühne zurückhaltend, und seinen Reden fehlt Netanyahus dramatischer Charme. Doch viele Israelis sehen genau das als seine Stärke. Eisenkot verkörpert für sie den unauffälligen Profi, der sich weder als Retter der Nation darstellt noch behauptet, nur er könne sie schützen. 

Gadi Eisenkot wurde 1960 in Tiberias als Sohn jüdischer Einwanderer aus Marokko geboren und wuchs in Eilat auf. Sein Nachname klingt deutsch und hat in dieser Sprache die wenig schmeichelhafte wörtliche Bedeutung „Eisenexkrement“. Doch dies ist nicht einer der demütigenden Namen, die Juden einst in deutschsprachigen Ländern zugewiesen wurden. Der Name entstand wahrscheinlich, als ein Einwanderungsbeamter Azenkot, einen Amazigh-Namen, der „Hirsch“ bedeutet, nach der Ankunft seines Vaters in Israel falsch transkribierte. 

Gadi Eisenkots Hintergrund unterscheidet sich deutlich von jenem von Benjamin Netanyahu. Während Netanyahu einen Teil seiner Jugend und Universitätszeit in den Vereinigten Staaten sowie den Grossteil seines Lebens als Politiker verbrachte, wuchs Eisenkot in einer Arbeiterfamilie am geografischen Rand Israels auf und verbrachte fast sein gesamtes Erwachsenenleben im Militär.

1978 trat Eisenkot in die Israel Defense Forces IDF ein und diente in der Golani-Brigade, einer der bekanntesten Infanterieeinheiten der israelischen Verteidigungsstreitkräfte, die er später befehligte. Als Netanyahus Regierung ihn 2015 zum Generalstabschef ernannte, wurde er der erste Israeli marokkanischer Herkunft, der die höchste Position der Armee innehatte. Seine vierjährige Amtszeit war geprägt von begrenzten militärischen Operationen gegen Hamas und Hisbollah, der Bekämpfung der iranischen Verankerung in Syrien und verdeckten Operationen gegen Irans Atomprogramm und verlief relativ ruhig.

Zentrumspolitiker und militärischer Falke

Eisenkot gilt allgemein als Zentrist, aber in Sachen Sicherheit ist er ein Falke. Er ist der Ansicht, dass Israel auf Angriffe energisch reagieren und eine glaubwürdige Abschreckung aufrechterhalten muss. Dabei ist für ihn zentral, dass militärische Massnahmen auf erreichbaren strategischen Zielen aufbauen müssen. Daher kritisiert er Netanyahu für dessen Unentschlossenheit, das Fehlen einer kohärenten Strategie und die Unterordnung von Sicherheitsentscheidungen unter amerikanischen Druck und die persönliche Machtpolitik zur Erhaltung seiner Regierungskoalition. 

Eisenkot hat die Trennung von Israelis und Palästinensern unterstützt, bezeichnet aber jetzt die Forderungen nach palästinensischer Staatlichkeit als «irrelevant». Stattdessen besteht er darauf, dass Israel die Kontrolle über strategisch wichtige Gebiete behält, darunter das Jordantal und die grossen Siedlungsblöcke im Westjordanland. 

Eisenkot stieg vor der Wahl 2022 in die Politik ein, indem er Benny Gantz‘ «National Unity»-Bündnis beitrat – auch Gantz war Generalstabschef der IDF und später zwischenzeitlich Ministerpräsident gewesen. Nach dem Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 trat Eisenkot als Minister ohne Geschäftsbereich und Beobachter im Kriegskabinett in Netanyahus Notstandsregierung ein.

Der durch das Massaker der Hamas hervorgerufene Gaza-Krieg wurde für Eisenkot zu einer persönlichen Katastrophe. Im Dezember 2023 wurde sein 25-jähriger Sohn Gal Meir in Gaza getötet. Am folgenden Tag wurde sein Neffe Maor getötet, und ein weiterer Neffe, Yogev, starb später. Der Verlust von drei nahen Verwandten verlieh Eisenkot besondere moralische Autorität in einem Land, in dem die ungleiche Verteilung der militärischen Lasten zwischen der Mehrheit der säkularen Israelis und der religiösen Zionisten einerseits und den ultraorthodoxen Juden andererseits zum erbittertsten politischen Streitthema geworden ist.

Eisenkots Sohn verlor in Gaza das Leben – Netanyahus Sohn lebt in Miami

Der Kontrast zu Netanyahus Familie könnte kaum grösser sein. Während Eisenkots Sohn und Neffen kämpften und starben, lebte der Sohn des Premierministers, Yair, während des Krieges in Miami unter staatlich finanziertem Schutz. Aus dem sicheren Ausland griff er wiederholt die Opposition und den israelischen Sicherheitsapparat an und behauptete sogar, hochrangige Beamte seien des «Hochverrats» schuldig oder an einem versuchten Militärputsch beteiligt.

Das «National Unity»-Bündnis verliess die Regierung im Juni 2024. Eisenkot warf Netanyahu vor, taktische Erfolge mit einer kohärenten Strategie zu verwechseln und keinen realistischen Plan zur Besiegung der Hamas, zur Befreiung der Geiseln und zur Etablierung einer stabilen Nachkriegsordnung in Gaza entwickelt zu haben.

Im Jahr 2025 verliess Eisenkot die Partei «National Unity» und gründete seine eigene «Yashar». Im Hebräischen kann das Wort «gerade» oder «direkt» bedeuten, aber auch «ehrlich» oder «richtig». Der Name wurde von der befreiten Geisel Eli Sharadi inspiriert. Dieser hatte gesagt, dass die Befreiung der Geiseln keine Frage von Rechts oder Links sei, sondern davon das Richtige zu tun – Yashar.

«Yashar» versucht, sicherheitsorientierte rechtsgerichtete Wähler mit der liberalen Mitte zu vereinen. Die Partei möchte Israel als jüdischen und demokratischen Staat bewahren, der auf den Werten seiner Unabhängigkeitserklärung von 1948 basiert. Dazu verspricht Eisenkot die Einsetzung einer unabhängigen staatliche Untersuchungskommission über das Massaker vom 7. Oktober – eine Massnahme, welche die jetzige Regierung aus Furcht vor den Ergebnissen einer solchen Kommission ablehnt.

Zu den weiteren Programmpunkten von «Yashar» gehört der Wiederaufbau des durch die Raketenangriffe der libanesischen Terrororganisation Hisbollah verwüsteten Nordens und den durch die Angriffe aus Gaza verwüsteten Südens des Landes, sowie eine bessere öffentliche Verwaltung und eine Amtszeitbeschränkung des Ministerpräsidenten auf zwei Legislaturperioden. 

Harte Kritik an Ministerpräsident Netanyahu

Eisenkot betrachtet Netanyahu nicht nur als politischen Gegner, sondern als Ministerpräsidenten, der nach dem Massaker vom 7. Oktober keine Verantwortung übernehmen wollte. Zudem, so bemängelt Eisenkot, habe Netanyahu seine politischen Entscheide stets dem Überleben seiner Koalition unterordnet – und damit seinem eigenen politischen Machterhalt. Dadurch habe er die gesellschaftliche Spaltung in Israel vertieft, anstatt das Land zu einen.

Die umstrittenen gesetzlichen Änderungen, mit denen die jetzige Regierung den von ihr ungeliebten Obersten Gerichtshof entmachten will, bezeichnet Gadi Eisenkot als «Regimeputsch» Schon vor dem 7. Oktober hatte er davor gewarnt, dass dieser Streit den nationalen Zusammenhalt und die militärische Einsatzbereitschaft Israels untergrabe. 

Um den andauernden Machtkampf zwischen Regierung und Oberstem Gerichtshof zu beenden, befürworte Eisenkots Partei «Yashar» den Erlass einer israelischen Verfassung oder zumindest eines Grundgesetzes, das die Befugnisse des Parlaments, der Regierung und der Gerichte klar definiert. Im Gegensatz zu den meisten westlichen Demokratien verfügt Israel bisher nicht über eine Verfassung oder ein Grundgesetz.

Dienstpflicht für Ultraorthodoxe als zentrale Forderung

Die grösste politische Prüfung für Eisenkot könnte der Streit um die Dienstpflicht ultraorthodoxer Männer (Haredim) sein. Unter dem Slogan «Dienst für alle» verlangt seine Partei, dass jeder israelischer Bürger, einschliesslich der Haredim und israelischen Araber, Militär- oder Zivildienst leistet. Dies soll im Rahmen von Bedingungen geschehen, die an ihre Gemeinschaften angepasst sind. Wer nicht zur Armee geht, der soll dies durch Arbeit im Gesundheits- oder Bildungswesen, Notfallhilfe oder Sozialarbeit kompensieren. 

Im Juli 2026 hat das israelische Parlament (Knesset) ein von der Regierung vorgelegtes Gesetz verabschiedet, welches ultraorthodoxe Wehrdienstverweigerer vor Strafverfolgung schützt. Daraufhin warf Eisenkot Ministerpräsident Netanyahu vor, während eines schwierigen Krieges «die Armee zu schwächen». Während Soldaten und Reservisten länger dienen müssten, so kritisierte er, habe die Regierung Ungleichheit im Austausch für ultraorthodoxe politische Unterstützung legalisiert. 

Eisenkots Position richtet sich nicht gegen die Ultraorthodoxen als solche. Er hat gesagt, er könnte mit der ultraorthodoxen Partei «Shas» kooperieren, sofern sie Israel als jüdischen und demokratischen Staat anerkenne sowie die Unabhängigkeitserklärung und den allgemeinen Militär- oder Zivildienst bestätige. Eisenkots eigene Mutter hat 30 Jahre lang für «Shas» gestimmt, und er betont, dass viele von deren Wählern in der Armee dienen würden. Im Gegensatz zu jenen ultraorthodoxen Eliten, welche eine generelle Dienstbefreiung der Haredim fordern würden. 

Ein Mann mit (guten) Eigenschaften, aber wenig Politerfahrung

Eisenkots Stärke liegt in einer seltenen Kombination von Eigenschaften. Er hat das militärische und Sicherheitswissen eines ehemaligen Generalstabschefs, er hat als Abkömmling einer marokkanischen Familie einen Mizrahi-Hintergrund, der ihm helfen könnte, traditionelle Likud-Wähler anzusprechen, und er pflegt einen moderaten, nüchternen Stil, der im politischen Zentrum akzeptabel ist. Seine persönliche Geschichte verkörpert zudem die Opfer vieler israelischer Familien beim Massaker vom 7. Oktober und dem anschliessenden Gaza-Krieg – oder in den Kriegen und Auseinandersetzungen davor.

Eisenkots Schwäche ist die Politik selbst. Netanyahu ist aussergewöhnlich geschickt darin, Rivalen zu delegitimieren und unwahrscheinliche Koalitionen zu schmieden. Eisenkot ist nicht der erste ehemalige Armeechef, der ihn herausfordert: Ehud Barak besiegte Netanyahu 1999, während Shaul Mofaz und Benny Gantz ihn nicht absetzen konnten. Gantz‘ Blau-Weiss-Bündnis, zu dem auch die ehemaligen Armeechefs Moshe Ya’alon und Gabi Ashkenazi gehörten, gewann im September 2019 33 Sitze gegenüber 32 für Likud, konnte aber keine Regierung bilden. Gantz trat schliesslich in eine von Netanyahu geführte Koalition ein – eine Entscheidung, die sein Mitstreiter Ya’alon als «politischen Selbstmord» bezeichnete. 

Diese Geschichte ist eine Warnung für Eisenkot und den Rest des Anti-Netanyahu-Blocks. Sie könnten bei den Knessetwahlen am 27. Oktober mehr Sitze gewinnen, aber dennoch nicht die 61 Sitze erreichen, die es für eine Mehrheit und damit für die Bildung einer Regierung braucht. Eisenkot müsste dann «Shas» überzeugen, beim Militärdienst Kompromisse einzugehen, oder er müsste ein Bündnis mit arabischen Parteien eingehen, wodurch er Angriffen von rechts ausgesetzt wäre. 

Dennoch zeigt die Kandidatur von Gadi Eisenkot, worauf es in der israelischen Politik seit dem traumatischen Massaker vom 7. Oktober 2023 ankommt. Als früherer Generalstabschef bietet Eisenkot kein weniger sicherheitsorientiertes Israel an als die jetzige Regierung. Im Gegenteil er verkörpert eine Politik, die sicherer, strategischer und gerechter ist als diejenige der Regierung Netanyahu. Indem er das Vertrauen zwischen Bürgern, Armee und politischer Führung wiederherstellen will, präsentiert sich Gadi Eisenkot verantwortungsbewusster und engagierter für das nationale Interesse des jüdischen Staates, als es Benjamin Netanyahu nach Meinung eines Grossteils der Israelis tut. 

Bereits erschienene Porträts

Benjamin Netanyahu: Vom Strippenzieher zur Marionette – doch noch nicht besiegt – FokusIsrael

Bezalel Smotrich: Vom Randaktivisten zum einflussreichen Koalitionspolitiker – FokusIsrael

Itamar Ben-Gvir: Vom Terror-Unterstützer zum Königsmacher – FokusIsrael

Deri, Goldknopf, Gafni: ultraorthodoxe Minderheitsführer mit übergrossem Einfluss – FokusIsrael


Jan Kapusnak ist Politanalyst und Autor. Er lebt in Tel Aviv.

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