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Henryk M. Broder: «Israel stört, weil es existiert»

Er ist eine der wichtigsten – und lautesten – jüdischen Stimmen in Deutschland: Henryk M. Broder kämpft auf seiner Plattform «Achse des Guten», in Zeitungskolumnen und an Veranstaltungen gegen Antisemitismus und für das Existenzrecht Israels. Scharfsinnig, mutig und auf den Punkt gebracht. FokusIsrael.ch hat den 79-Jährigen in Zürich getroffen und ihm zum Krieg gegen die Mullahs im Iran, Israel und dem Antisemitismus neun Fragen gestellt.

1. Ist der Krieg gegen den Iran notwendig?

Der Krieg gegen den Iran ist nicht nur notwendig, sondern schon lange überfällig. Wenn man etwas daran kritisieren könnte, dann, dass er zu spät angefangen wurde oder dass der sogenannte „12-Tage-Krieg“ im Sommer 2025 nach zwölf Tagen abgebrochen wurde. Man hat dem Iran sozusagen eine Chance gegeben, sich wieder zu sammeln und aufzurüsten.

Und natürlich kann man darüber streiten, ob die Mittel und Methoden richtig sind. Aber im Prinzip kann man es nicht hinnehmen, abgesehen von Irans Außenpolitik, dass ein Regime seit 47 Jahren an der Macht ist, das die eigene Bevölkerung massakriert.

Ich weiß, Leute, die vom Völkerrecht etwas verstehen, sagen, das Völkerrecht sichere die Souveränität der Staaten. So gesehen darf man natürlich keinen Staat angreifen, nur weil er die eigene Bevölkerung drangsaliert. Aber ich finde schon: Das Völkerrecht, so wie es heute ausgestaltet ist, dient nicht dem Schutz der Völker, sondern dem Schutz der Despoten, der Tyrannen und der Mörder.

Insofern ist der Krieg gegen den Iran notwendig und richtig. Und ich hoffe, dass er zu einem guten Ende kommt, nämlich der Niederlage der Mullahs. Tolles Ende, ne.

2. Wie bewerten Sie die Reaktionen auf diesen Krieg?

Also, ich lebe ja in Deutschland, und manchmal denke ich, ich würde lieber in der Schweiz leben. Aber die Schweiz ist so ordentlich und so fantastisch organisiert, dass ich glaube, ich würde hier vor Langeweile psychosomatische Beschwerden bekommen.

Die Reaktionen in Deutschland sind halt, wie sie immer sind bei solchen Anlässen. Es gibt Leute, die finden das richtig, darunter Bodo Ramelow, ein bekannter Linkspolitiker, der versehentlich mal eine Weile Ministerpräsident in Thüringen war. Er hat gesagt, man hätte mehr Lichterketten organisieren sollen, weil wir wissen ja aus der Geschichte: Lichterketten sind das einzige Mittel, das Despoten beeindruckt. Dann werden die Mullahs wahrscheinlich freiwillig zurücktreten.

Also, die Reaktionen sind sehr gemischt. Ein Teil der Öffentlichkeit findet es richtig, es ist der kleinere Teil, und der größere Teil wird durch unseren wunderbaren Kanzler vertreten. Friedrich Merz hat völlig zurecht vor mehreren Wochen oder Monaten gesagt, Israel macht für uns die Drecksarbeit. Ich finde das erstaunlich und richtig. Und jetzt hat er vor ein paar Tagen gesagt: Das ist nicht unser Krieg, wir wollen uns daran nicht beteiligen.

Und es gab auch Gegenworte. Man hat schon versucht zu erklären, dass es doch unser Krieg ist. Und im Prinzip ist es aber nicht so, wie es oft dargestellt wird, dass die Reaktionen in Deutschland zentral gesteuert werden. Alles, was in Deutschland passiert, ist das Ergebnis eines groß angelegten Chaos. Es gibt keine Verschwörungstheorien, keine dunklen Mächte.

Und im Großen und Ganzen bin ich als Beobachter der Reaktionen meiner deutschen Mitbürger eigentlich ganz zufrieden. Sie merken schon, dass man den Mullahs keine Chance geben soll. Und noch einmal: Abgesehen von Israel und allen außenpolitischen Fragen – ein Regime, das sich so gegenüber der eigenen Bevölkerung benimmt, gehört abgeschafft.

3. Kann man mit Islamisten verhandeln?

In den letzten Tagen habe ich einen deutschen Politiker sagen hören, man hätte mit dem Iran verhandeln sollen.

Ich meine: Man hat jahrzehntelang verhandelt. Was ist dabei herausgekommen?

Einer der wichtigsten europäischen Verhandler war unser heutiger Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Er hat sich damals sehr über das Abkommen gefreut.

Es hat nicht lange gehalten. Und heute sagt er dazu nichts mehr. Vermutlich schämt er sich.

Man kann mit jedem verhandeln. Man kann auch mit dem Iran darüber verhandeln, unter welchen Bedingungen Israel aufgelöst wird.

Aber mit Islamisten kann man eigentlich nicht verhandeln. Denn ihr Ziel ist die Vernichtung des anderen.

Und ich bin nicht bereit, mit jemandem zu verhandeln, der mich vernichten will.

Entweder ich flüchte – oder ich bin stärker.

Verhandlungen funktionieren nur aus einer Position der Stärke. Und dazu gehört, dass man bereit ist, Gewalt anzuwenden.

4. Nach diesem Krieg: Chance auf dauerhaften Frieden im Nahen Osten?

Ich glaube nicht, dass das, was wir jetzt erleben, ein Vorspiel zum ewigen Frieden im Nahen Osten ist. Es sieht nicht einmal nach einem weitreichenden Waffenstillstand aus. Die Voraussetzungen sind nicht da.

Eine der Voraussetzungen für einen dauerhaften Frieden wäre die Ausschaltung des Mullah-Regimes. Komischerweise oder erfreulicherweise sind die arabischen Staaten zurzeit kein großes Problem. Im Gegenteil: Auch sie werden von den Mullahs angegriffen.

Und sie haben ihre Haltung zu Israel im Laufe der Zeit geändert, schlicht der Realität angepasst. Sie müssen die Juden ja nicht lieben. Es reicht, wenn sie sie nicht vernichten wollen. Mehr muss man gar nicht verlangen.

Ich glaube nicht, dass es in absehbarer Zeit Frieden geben wird. Aber irgendwann gehen Konflikte zu Ende.

Wie lange hat der Dreißigjährige Krieg gedauert? 30 Jahre. Und das war für damalige Verhältnisse eine sehr lange Zeit.

Es wird im Nahen Osten keinen Frieden von heute auf morgen geben. Aber vorausgesetzt, die Mullahs gehen in Rente oder werden in Rente geschickt, gäbe es vielleicht eine Chance auf irgendeine Art von Kompromiss.

Aber ich glaube selber nicht daran, was ich gerade gesagt habe. Für die Mullahs steht zu viel auf dem Spiel.

Sie benehmen sich so, wie sich die Nazis in den letzten Wochen ihrer Herrschaft benommen haben. Sie schlagen um sich nach links und rechts.

Es gibt einen sehr guten Film mit Bruno Ganz in der Hauptrolle: „Der Untergang“. In den letzten Kriegstagen waren die Nazis immer noch dabei, ihr Imperium zu verwalten.So kommen mir die Iraner jetzt vor: kurz vor dem Abgrund, aber immer noch in bester Laune.

5. Weshalb wächst der Antisemitismus seit dem Massaker vom 7. Oktober 2023?

Es gibt einen Spruch, der immer wieder in Deutschland die Runde macht, ich glaube in der Schweiz genauso, dass Antisemitismus wieder salonfähig geworden ist. Er war nie etwas anderes.

Der Antisemitismus hat auch nicht mit den Ereignissen im Gazastreifen angefangen. Antisemitismus ist Weltkulturerbe, und zwar nicht nur in Deutschland und Mitteleuropa. Es gibt auch Völker, die vom Antisemitismus kontaminiert sind, die noch nie einen Juden gesehen haben.

Also von „salonfähig“ kann gar keine Rede sein.

Was Juden – vor allem Juden – schwer zu begreifen fällt, ist, dass Antisemitismus immer in Wellen kommt. Er tobt sich aus, dann beruhigt er sich ein bisschen, und dann kommt er wieder an die Oberfläche.

Es gibt keine Periode, keine historische Zeit ohne Antisemitismus. Nur die Abstände zwischen den Ausbrüchen können variieren.

Jetzt hatten wir – es sah so aus – 80 Jahre Ruhe, aber die Ruhe war trügerisch, weil es auch in dieser Zeit Antisemitismus gegeben hat.

Ich erinnere mich an die Kommentare, nachdem die Israelis es gewagt haben, im Sechstagekrieg zu gewinnen. Was da an Antisemitismus in Deutschland losbrach, das hat mir die Augen geöffnet.

Die nächste große antisemitische Welle war 1976, glaube ich, als ein Air-France-Flugzeug nach Entebbe entführt wurde. Was erlauben sich die Israeli? Sie schicken eine Militäreinheit und befreien die Geiseln. Das macht man doch nicht.

Jedes andere Land hätte das tun dürfen, nicht die Juden.

Also: Der Antisemitismus ist nicht wiedergekommen. Er war immer da. Nur wie ein Bär im Winter geht er manchmal in eine Ruhephase und taut dann wieder auf.

6. Wie können wir den importierten Antisemitismus bekämpfen?

Also, wenn es etwas gibt, worauf ich richtig stolz bin, dann ist es dies: Ich habe den Begriff „importierter Antisemitismus“ erfunden. Und zwar war das im Sommer 2014, glaube ich, in einem Beitrag für die BILD-Zeitung.

Das ist eine relativ neue Entwicklung gewesen, weil normalerweise speist sich der Antisemitismus aus indigenen Quellen. Und davon gab es immer genug.

Aber was haben wir gemacht? Was hat unsere großartige Ex-Kanzlerin gemacht? Die hat die deutschen Grenzen weit geöffnet. Genauer gesagt, sie hat sich geweigert, die Grenzen zu schließen – sie waren ja offen – und hat jeden reingelassen, der reingelassen werden wollte.

Dazu gibt es einen wunderbar treffenden Satz von Karl Lagerfeld. Der hat das ganze Drama auf den Punkt gebracht. Er hat gesagt: Man kann nicht Millionen von Juden ermorden und danach Hunderttausende ihrer schlimmsten Feinde ins Land holen.

Doch, man kann. Aber dann hat man auch die Konsequenzen.

Und die Konsequenzen sehen so aus, dass der Islamismus in Deutschland zunimmt, dass es Demonstrationen gibt, wo ganz offen das Kalifat gefordert wird, dass diese Bewegung immer stärker wird.

Es heißt immer, wir haben ein Problem mit Migration. Das stimmt so nicht. Wir haben kein Problem mit Migration an sich. Wir haben ein Problem mit einer spezifischen Migration, nämlich der arabisch-muslimischen Migration.

Wir haben wenig oder gar keine Probleme mit Zuwanderern aus anderen Regionen, etwa aus Schwarzafrika.

Nun ist es aber in Deutschland inzwischen ein fester Glaubenssatz, dass Muslime diskriminiert und benachteiligt werden. Wenn sie dermassen diskriminiert und benachteiligt werden, dann frage ich mich: Warum strömen sie in Massen nach Deutschland?

Warum wollen sie hier leben und arbeiten – oder auch nicht arbeiten – statt in einem ihrer Partnerländer? Saudi-Arabien muss landschaftlich sehr schön sein. Oder Afghanistan oder Pakistan – Länder mit derselben Kultur, derselben Tradition, demselben Essen, demselben Gott.

Warum ist das Ziel der Migration Deutschland?

Ich kann es mir nicht erklären. Aber es wird unseren Untergang bedeuten.

7. Ist der Antizionismus der Linken verbrämter Judenhass?

Ein anderer Mythos ist, dass es jetzt einen linken Antisemitismus gibt. Auch das stimmt nicht. Es gab immer einen linken Antisemitismus, auch in der Arbeiterbewegung. Und der bekannteste linke Antisemit war natürlich Karl Marx.

Und bis heute berufen sich linke Antisemiten auf ihn. Die anderen berufen sich auf die Not in der Dritten Welt, darauf, dass Israel ein Kolonialstaat sei. Es gibt viele Begründungen, aber der Antisemitismus ist in der Linken genauso zu Hause wie in der Rechten.

Auch die Rechten hatten keine Fieberträume von Auschwitz. Man wollte die Juden loswerden, aber die Idee der massenhaften Ermordung war relativ neu. Aber die Linke wollte genauso die Juden aus dem öffentlichen Leben ausschließen, hat ihnen aber noch die Chance gegeben, sich als Linke zu profilieren.

Deswegen ist der linke Antisemitismus der ideale Partner des rechten Antisemitismus. Beide bedienen unterschiedliche Milieus.

Dagegen kann man gar nichts machen. Man kann auch gegen eine Grippewelle nichts machen. Und alles, was gegen Corona unternommen wurde, war auch nur von begrenztem Erfolg.

Der Antisemitismus ist eine Epidemie oder eine Pandemie. Und wie eine Pandemie kommt und geht er.

Das Einzige, was man dagegen machen kann, zumindest theoretisch, ist dafür zu sorgen, dass Israel ein starkes Land ist, wird oder bleibt. Etwas anderes bleibt uns gar nicht zu tun.

Auf die Diaspora kommt es überhaupt nicht an. Auch wenn viele Juden glauben, sie seien für Israel wichtig – nein: Israel ist für uns wichtig.

8. Warum sympathisieren Kulturschaffende mit Palästinensern?

Ein Treiber des postmodernen Antisemitismus ist das Kulturmilieu.

Ich frage mich: Warum gibt es ständig offene Briefe von Kulturschaffenden, aber nie von Automechanikern? Warum äußern sich Bäcker oder Metzger nicht zum Nahostkonflikt?

Weil Überheblichkeit, Selbstüberschätzung und Größenwahn typische intellektuelle Krankheiten sind.

Ein Bäcker kann sich das gar nicht leisten. Der muss morgens um drei aufstehen und arbeiten.

Das Kulturmilieu äußert sich selektiv: Es schweigt zu den Uiguren in China, zu den Massakern im Sudan oder zu den Verfolgungen von Christen in Nigeria.

Aber bei Israel ist es plötzlich sehr laut.

Es gibt ein merkwürdiges Verhältnis zu den Juden: eine Mischung aus Nähe und Bevormundung.

Man erklärt den Juden, wie sie sich zu verhalten haben.

Ein beliebter Satz ist: „Warum haben die Juden aus der Geschichte nichts gelernt?“

Während dieselben Leute den Wehrdienst verweigern würden und sich lieber überrollen lassen, als selbst Verantwortung zu übernehmen.

Das ist eine Krankheit.

Es gibt einen klugen Satz von Dieter Bohlen: „Das Problem ist, einem Bekloppten klarzumachen, dass er bekloppt ist.“

Ich versuche seit Jahrzehnten, diesen linken Intellektuellen klarzumachen, dass sie sich irren. Mit begrenztem Erfolg.

Ich glaube, mein zweiter Vorname ist nicht Moses, sondern Sisyphos.

Das habe ich vermutlich verdient.

9. Haben Juden in Europa noch eine Zukunft?

Ob Juden in Europa eine Zukunft haben, weiß ich nicht. Ich halte es da mit Karl Valentin: Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.

Meine gebildeten Freunde machen lieber Aussagen über die Vergangenheit als Vorhersagen über die Zukunft.

Das Judentum hat sich immer irgendwie durchgemogelt, hat jede Katastrophe und jeden Untergang überlebt. Aber ich glaube, dass die Zeiten heute andere sind.

Ich glaube, dass das Judentum in seiner kleinen, radikalen Form in Europa überleben wird – das orthodoxe Judentum. Aber das bürgerliche, das liberale, das säkulare Judentum wird sich einen anderen Ort suchen.

Normale Menschen mögen nicht unter ständiger Gefahr leben.

Ich finde es auch nicht erfreulich, wenn ich in eine Synagoge gehen will und dabei an mehreren Polizeiposten vorbeimuss. Das ist kein Zeichen von Normalität.

Und dann kommen deutsche Politiker, die offenbar zu viel gekifft haben, und loben das wunderbare Wiederaufleben der jüdischen Kultur in Deutschland, nur weil sie letzte Woche bei einem Klezmerkonzert waren.

Zur jüdischen Kultur in Deutschland gehört auch, dass Juden auf Schulhöfen gemobbt werden, dass sie sich nicht trauen, mit Kippa auf die Straße zu gehen, und dass es bestimmte Stadtteile gibt, durch die sie besser nicht laufen.

Das ist die Gegenwart. Und die Zukunft wird nicht besser.

Es gab, glaube ich, noch nie eine Entwicklung, die sich als reversibel erwiesen hat. Krisen enden oft in Katastrophen.

Nach 1945 konnte Deutschland nicht wieder zu dem Deutschland von vor 1933 werden. Und auch für Juden wird es nicht ruhiger werden.

Die Juden sind und bleiben das, was sie immer waren: die ewigen Sündenböcke.

Und das gilt heute auch für Israel.

Ich weiß nicht mehr genau, wer das gesagt hat – entweder Léon Poliakov oder Jean-Paul Sartre –: Israel ist der Jude unter den Völkern.

Alles, was im Antisemitismus gegen Juden gesagt wird, wird heute gegen Israel gesagt.

Dem Antisemiten ist es egal, was der Jude macht. Er stört sich daran, dass es ihn gibt.

Und genauso ist es bei Israel: Selbst wenn Israel nur aus der Strandpromenade von Tel Aviv bestehen würde, würden die Ajatollahs es vernichten wollen.

Israel stört, weil es existiert.

Selbst wenn dort nur Nobelpreisträger leben würden, würde sich nichts ändern.

Ich glaube, Israel hat eine Zukunft. Ich glaube, es wird sich durchsetzen. Aber ich glaube nicht, dass Europa ein jüdischer Musterort bleibt.

In Israel sind die Juden keine Opfer mehr. Die Frauen sehen nicht aus wie Anne Frank, die Männer nicht wie aus den alten Bildern. Sie haben nicht mehr diesen Opferblick.

Das sind normale Juden – selbstbewusst, frech, herausfordernd.

Das Judentum in Europa hingegen wird sich auf kleine Oasen zurückziehen.

Und wenn das die Zukunft ist, dann sehe ich schwarz.

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