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Susanne Brunner und der verschwiegene Terror

SRF inszeniert das Freedom Theatre in Dschenin als Symbol für Kinder, Kunst und Freiheit. Dabei macht Susanne Brunner aus der dokumentierten Biografie seines Mitgründers eine Frage der Perspektive. Gleichzeitig lässt sie im Radiobeitrag den 7. Oktober aus der Vorgeschichte verschwinden. Der Satz, der ihre Erzählung zerlegt, steht auf der Website des Theaters selbst.

Das Wichtigste

• SRF macht aus Zakaria Zubeidis dokumentierter Rolle als früherem Anführer der Al-Aqsa-Märtyrerbrigaden in Dschenin eine Frage der Perspektive.
• Zubeidi erklärte selbst, bewaffneter und kultureller Widerstand liessen sich nicht trennen. Im Beitrag bleibt genau dieser Satz unerwähnt.
• Der Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 kommt im Radiotext nicht vor. Sichtbar bleibt fast nur die israelische Reaktion.
• Was Brunners Erzählung zerlegt, steht ausgerechnet auf der Website des Freedom Theatre selbst.

Von David Spuler

Susanne Brunner, Leiterin der Auslandredaktion von Radio SRF, beginnt ihre Reportage über das Freedom Theatre mit Muezzinruf, Moschee und lachenden Kindern. Sie endet mit dem Satz: «Wir kämpfen noch immer für unsere Freiheit.»

Dazwischen sperrt, schiesst, verhaftet und zerstört vor allem Israel. Bewaffnete palästinensische Akteure verschwinden dagegen hinter Begriffen wie «militante Gruppierungen» und «Widerstand».

Aus einer Tatsache wird eine Perspektive

Über den Theater-Mitgründer Zakaria Zubeidi sagt Brunner im Radiobeitrag:

«Für Palästinenser ein legendärer ehemaliger Widerstandskämpfer. Für Israel ein Terrorist.»

Das klingt ausgewogen. Tatsächlich macht diese Gegenüberstellung aus einer überprüfbaren Biografie zwei angeblich gleichwertige Meinungen.

Das Freedom Theatre bezeichnet Zubeidi selbst als früheren Anführer der Al-Aqsa-Märtyrerbrigaden in Dschenin. Die Europäische Union führt die Gruppierung auf ihrer Terrorliste.

Zubeidis Funktion ist damit keine israelische Meinung. Brunner nennt den Mann und löst seine Geschichte dennoch in eine romantische palästinensische und eine belastende israelische Perspektive auf. Der Kommandeur einer Terrororganisation verschwindet im «Widerstandskämpfer».

Der Satz, den SRF nicht erzählt

Das Freedom Theatre hält fest, dass Zubeidi später seine Waffen niederlegte und den bewaffneten Kampf als gescheitert betrachtete. Doch dieselbe Seite dokumentiert auch seine Weigerung, Bühne und Gewehr sauber voneinander zu trennen:

«Ich brach das Schloss zum Theater mit dem Kolben meines Maschinengewehrs auf. Bewaffneten und kulturellen Widerstand kann man nicht trennen.»
Eigene Übersetzung.

Das ist Zubeidis eigene Beschreibung, veröffentlicht vom Freedom Theatre. Kultur sollte für ihn den bewaffneten, religiösen und politischen Widerstand erzählen und deuten.

Brunner erzählt nur die entlastende Hälfte: «Die Waffen des Theaters sind Worte, nicht Gewehre.» Dass der Mitgründer diese Trennung ausdrücklich zurückwies, bleibt unerwähnt.

Das macht das Theater nicht zu einer bewaffneten Organisation. Es entlarvt aber die von SRF gezeichnete Trennung zwischen friedlicher Kultur und bewaffnetem Kampf als irreführend. Zubeidi selbst verstand beides als Teile desselben Widerstands.

Ein Krieg, der einfach beginnt

Dieselbe Methode prägt den Radiobeitrag. Brunner sagt:

«Einen Monat bevor der verheerendste Krieg ihres Lebens beginnt …»

Der Krieg beginnt einfach. Wie ein Unwetter.

Der Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 kommt im Radiotext nicht vor. Kein Wort über die vorsätzlichen Angriffe auf Zivilpersonen, die Morde, die Geiselnahmen und die während des Angriffs begangene sexualisierte Gewalt, die eine Untersuchung der Vereinten Nationen dokumentierte.

Im begleitenden Onlineartikel erscheint der Hamas-Angriff zwar kurz im Zusammenhang mit verschärften Checkpoints. Als entscheidende Vorgeschichte der aktuellen Kriegsphase spielt er in Brunners Erzählung jedoch keine erkennbare Rolle.

Zubeidi war kein Hamas-Kommandeur. Er gehörte zur Fatah-nahen Al-Aqsa-Märtyrerbrigade. Das sind unterschiedliche Organisationen. Doch die journalistische Methode bleibt dieselbe: Der konkrete palästinensische Terrorakteur wird in weichen Begriffen unscharf gemacht, während die israelische Reaktion mit maximaler Anschaulichkeit erzählt wird.

Hier Kinder, Kultur und Freiheit. Dort Soldaten, Gefängnisse und Zerstörung.

Der Konjunktiv als Airbag

Bei den Kämpfen zwischen der Palästinensischen Autonomiebehörde und bewaffneten Gruppen sagt Brunner:

«Besonders bitter sei es, dass die palästinensische Autonomiebehörde den Israelis geholfen habe.»

Der Konjunktiv ist der Airbag. Formal hält Brunner Abstand. Inhaltlich lässt sie die Wertung ungebremst beim Publikum einschlagen.

Direkt danach heisst es, Palästinenser hätten im Kampf gegen «militante palästinensische Gruppierungen» einander getötet. Wer diese Gruppen waren, weshalb die Autonomiebehörde gegen sie vorging und welche Gewalt von ihnen ausging, erklärt SRF nicht.

Die Associated Press berichtete über schwere Feuergefechte zwischen palästinensischen Sicherheitskräften und lokalen bewaffneten Gruppen. Hamas und Islamischer Dschihad operierten in Dschenin offen. Ein Sprecher der Autonomiebehörde erklärte, die Operation solle Ordnung, Rechtsstaatlichkeit und öffentliche Sicherheit wiederherstellen.

Auch das UNO-Nothilfebüro OCHA dokumentierte, dass bewaffnete Palästinenser zeitweise ein UNRWA-Gesundheitszentrum besetzten. Das Gebäude wurde zudem von einer Panzerabwehrgranate getroffen. Die Kämpfe legten medizinische Versorgung, Abfallentsorgung und Teile der Infrastruktur im Lager lahm.

Das Vorgehen der Autonomiebehörde war hart und traf auch Unbewaffnete. Es muss kritisch geprüft werden. Doch es war ein bewaffneter Machtkampf, nicht bloss ein diffuses «Palästinenser töten Palästinenser».

SRF ersetzt diesen Kontext durch eine Verratsformel: Wer gegen Bewaffnete vorgeht, «hilft den Israelis». Und das sei «besonders bitter».

SRF lagert die Wertung an seine Gesprächspartner aus. Der Konjunktiv schützt die Redaktion formal, während die Botschaft ungebremst beim Publikum ankommt. Eine andere Einordnung wird gar nicht erst angeboten.

Kinder als moralischer Schutzschild

Das Freedom Theatre hat traumatisierten Kindern einen kreativen Raum gegeben. Diese Arbeit kann wertvoll sein. In Brunners Dramaturgie wird sie jedoch zum moralischen Schutzschild der gesamten Institution.

Hinter dem Lachen der Kinder verschwinden Zubeidis Vergangenheit, das bewaffnete Umfeld von Dschenin und die politische Bedeutung des «kulturellen Widerstands».

Auch bei den Misshandlungsvorwürfen des Theaterdirektors Mustafa Sheta verliert Brunner die journalistische Distanz. Sie bezeichnet das von ihm Erzählte in eigener Stimme als «sadistische Gewalt» und «unerträglich». Eine substanzielle israelische Gegenposition oder unabhängige Prüfung ist hingegen nicht hörbar.

Die schriftliche SRF-Fassung geht noch einen Schritt weiter. Dort heisst es, das Theater wage sich an politische und gesellschaftliche Tabuthemen:

«Dafür wird das Theater selbst wiederholt zur Zielscheibe.»

Dieses kleine Wort, «dafür», behauptet einen ursächlichen Zusammenhang. Israel greife das Theater wegen seiner politischen Arbeit an. Belegt wird dieser Zusammenhang nicht. Eine Vermutung wird zur redaktionellen Gewissheit.

Am Ende erklärt ein Student das Theater zum «kulturellen Widerstand» und sagt, man kämpfe weiter für die Freiheit. Die politische Losung wird zur Pointe eines öffentlich-rechtlichen Beitrags.

Kampagnenjournalismus durch Weglassung

Die wirksamste Verzerrung braucht keine erfundene Tatsache. Es genügt, die entscheidenden Tatsachen wegzulassen.

Brunner nennt Zakaria Zubeidi und entfernt seine Geschichte als Kommandeur einer gelisteten Terrororganisation.

Sie nennt einen Krieg und entfernt im Radio den Angriff, der seine aktuelle Phase auslöste.

Sie nennt «kulturellen Widerstand» und lässt unerwähnt, dass der Mitgründer des Theaters diesen ausdrücklich nicht vom bewaffneten Widerstand trennen wollte.

Übrig bleibt die einfachste Erzählung: Kinder gegen Soldaten, Worte gegen Gewehre, Freiheit gegen Besatzung.

Susanne Brunner leuchtet nur eine Seite aus. Sie entfernt den Kommandeur aus dem «Widerstandskämpfer», das Gewehr aus dem Theater und den 7. Oktober aus dem Krieg.

Das ist keine Aufklärung.

Das ist Kampagnenjournalismus durch Weglassung. SRF muss keine Tatsachen erfinden. Es genügt, Zubeidis Terrorbiografie, den Hamas-Angriff und die bewaffneten Gruppen von Dschenin aus der Erzählung zu entfernen.

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