Zum Inhalt

Der Krieg im Iran als – weiterer – Testfall für Europa

Die Mullahs in Teheran stehen nicht nur wegen einer immer grösseren Opposition im eigenen Land unter Druck, sondern weil die USA und Israel seit zwei Wochen mit massiven militärischen Mitteln darauf hinarbeiten, sie zu stürzen.

Dies tun die beiden Bündnispartner nicht in erster Linie der unterdrückten iranischen Bevölkerung zuliebe. Sie tun es vor allem wegen der Gefahr, die vom iranischen Regime für Israel und den Rest der westlichen Welt ausgeht. Denn die islamo-faschistischen Theokraten in Teheran haben sich nicht nur die Vernichtung des jüdischen Staates auf ihre Fahnen geschrieben. Ihr ultimatives Ziel ist die Unterwanderung unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaftsordnung, um ihre auf islamischem Recht beruhende Herrschaft auf uns im Westen – insbesondere Europa – auszudehnen.

Die Gefahr, die vom Iran ausgeht, ist kein Hirngespinst

Dies ist weder Hirngespinst noch obskure Verschwörungstheorie, sondern eine reale, in mannigfacher Hinsicht erwiesene Gefahr. Sie zeigt sich beim hoch angereicherten Uran in den iranischen Atomanlagen, das für die Herstellung von Atomwaffen gedacht ist. Sie manifestiert sich in der vom Iran – und Katar – unterstützten Entwicklung muslimischer Parallelgesellschaften in Ländern wie Frankreich und England. Sie äussert sich in den «Scharia, Scharia»-Rufen an den islamistischen Palästina-Demonstrationen in Deutschland. Sie spricht aus den Hassbotschaften, die auch in gewissen Schweizer Moscheen verbreitet werden. Sie wird deutlich an den Beispielen jener radikalmuslimischen Eltern, die ihren Kindern verbieten, am Schwimmunterricht in unseren Schulen teilzunehmen oder der Lehrerin zur Begrüssung die Hand zu reichen.

Ein Regime von der Macht zu entfernen, welches sich derartige Entwicklungen zum Ziel gesetzt hat – wie das iranische es tut –, ist im Interesse von uns allen. Dennoch lehnt ein Grossteil des Westens den Versuch der USA und Israels ab, dieses Regime mit Hilfe von militärischen Mitteln zu entmachten. Weshalb?

Einer der wichtigsten Gründe liegt zweifellos in der Skepsis, ob es mit Luftschlägen allein gelingen wird, die Mullahs zu stürzen bzw. das Spielfeld so zu ebnen, dass die inneriranische Opposition eine echte Chance hat, dies zu tun. Denn die bisherigen – ohne Hilfe von aussen unternommenen – Versuche der Iraner, einen Regimewechsel herbeizuführen, sind an der Gewaltbereitschaft der Mullahs und ihrer Schergen in Armee und Revolutionsgarden gescheitert.

Israel und die USA haben in ihrem Krieg gegen den Iran in den ersten zwei Kriegswochen zwar einige beachtliche Erfolge erzielt. Dazu gehören insbesondere die gezielte Tötung von Ayatollah Ali Khamenei und weiterer zentraler iranischer Führungspersonen, die Vernichtung eines beträchtlichen Teils des Raketenarsenals und der Raketenabschussvorrichtungen von Armee und Revolutionsgarden sowie die weitere Schwächung des iranischen Atomprogramms. Dennoch bleibt die Skepsis berechtigt, ob es der iranischen Opposition dank dieser militärischen Aktionen von aussen diesmal gelingen wird, das verhasste Regime zu stürzen.

Mullahs profitieren von fehlenden Politverständnis des Westens

Aber dies ist nicht der einzige Grund, weshalb weite Kreise im Westen den Krieg gegen das islamo-faschistische Regime in Teheran ablehnen. Auch ökonomische Befürchtungen spielen dabei eine Rolle: Die Furcht, dass die für die westliche Wirtschaft wichtigen Ölexporte aus dem arabischen Raum durch den Krieg infrage gestellt sind. Mit anderen Worten, dass der auf die Golf-Nachbarstaaten ausgeweitete Krieg gegen den Iran bei uns zu einer Rezession führen könnte.

Diese Befürchtungen sind ebenfalls nicht von der Hand zu weisen. Aber bei einer Güterabwägung gegenüber den langfristigen Gefahren, denen wir im Westen ausgesetzt sind, falls das Regime in Teheran an der Macht bleibt, sind sie zweitrangig. Sie sind der Preis, den wir dafür zahlen müssen, dass Amerikaner und Israelis versuchen, eine fanatische theokratische Diktatur zu stürzen, die mittel- und langfristig nicht nur unsere Wirtschaft, sondern unsere ganze westliche Lebensweise bedroht.

Vor diesem Hintergrund ist auch der Einwand unverständlich, der jetzige Krieg verletze das Völkerrecht. Derselbe Einwand wurde bereits beim 12-Tage-Krieg Israels gegen den Iran im Juni 2025 laut. Damals argumentierten gewisse – nicht: alle – Völkerrechtsexperten, Israel hätte den Iran nicht angreifen dürfen. Denn ein iranischer Atomwaffen-Angriff auf Israel habe nicht unmittelbar bevorgestanden. Also könne der Angriff Israels auch nicht als «Präventivschlag» im Sinne des Völkerrechts gelten.

Diese Argumentation ist heute ebenso falsch wie vor neun Monaten. Sie illustriert einerseits das fehlende politische und geschichtliche Verständnis vieler Völkerrechtler. Denn der Krieg des Iran gegen Israel – und nicht umgekehrt – hat bereits 1979 begonnen, als Ayatollah Ruhollah Khomeini, kaum war er an der Macht, die Vernichtung Israels zur iranischen Staatsräson erklärte. Ein Ziel, das der Iran durch die Gründung, Schulung und finanzielle sowie militärische Unterstützung von Terrororganisationen wie der Hisbollah, Hamas und Huthi seither konsequent verfolgt hat.

Andererseits zeigte die Begründung, Israel sei zu keinem Präventivschlag berechtigt gewesen, wie absurd und nutzlos das Völkerrecht in seiner überlieferten Form geworden ist. Denn wer kann von einem Land fordern, dass es bis zu seiner bevorstehenden völligen Vernichtung wartet, anstatt sich rechtzeitig dagegen zu wehren? An dieser (rhetorischen) Fragestellung hat sich bis heute nichts geändert. Deshalb sind völkerrechtliche Einwände gegen den jetzigen Krieg im Iran genauso deplatziert wie im Juni letzten Jahres.

Das Regime in Teheran profitiert vom linken Israel- und USA-Hass

In gewisser Weise ehrlicher sind da jene westlichen Kreise, die den gegenwärtigen Militärschlag gegen die Mullahs ablehnen, weil sie die USA und Israel hassen. Und dort insbesondere den amerikanischen Präsidenten Donald Trump und israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu. Für diese Kriegsgegner ist das Verhalten des amerikanischen und jüdischen Staates ein neuerlicher Beweis für deren kapitalistisch-koloniales und deshalb kriminelles Machtverhalten – und für eine weitere jüdische Weltverschwörung.

Dass es weltweit kaum ein Land gibt, in dem sich die Regierung so kolonialistisch, menschenverachtend und kriminell verhält wie im Iran, blenden diese – meist linken – Kreise geflissentlich aus. So wie sie dies stets tun, wenn es gegen Amerika oder Israel geht.

Zudem ignorieren all jene, die den USA und Israel bei ihrem Kampf gegen die Machthaber im Iran «kolonialistisches westliches Gehabe» vorwerfen: Auch die muslimischen Nachbarstaaten des Iran haben ein massives Interesse am Sieg über das Regime in Teheran. Denn auch sie wurden zur Zielscheibe iranischer Raketenangriffe, obschon sie sich am Angriff der USA und Israels nicht beteiligt und diesen auch nicht unterstützt hatten. Dies zeigt: Der Sturz der Mullahs ist kein rein westliches Projekt mehr, sondern auch für die gesamte arabische Welt eine Überlebensfrage.

Dennoch erhalten die Amerika- und Israelhasser Unterstützung durch all jene, welche die religiösen Fanatiker der iranischen Regierung unterschätzen. Diese Gruppierung ist die gefährlichste innerhalb der Kriegsgegner im Westen, denn sie ist die grösste. Sie ist nicht nur naiv, sondern sie verkennt, dass Freiheit kein Gott gegebenes Recht ist, sondern erkämpft und verteidigt werden muss – und dass Zivilisationen verschwinden, wenn sie zu dekadent geworden sind, um dies weiterhin zu tun.

Was ist uns die Verteidigung unserer westlichen Lebensform wert?

Unser Verhalten beim Krieg gegen das Unrechtsregime im Iran ist deshalb – genau wie unser Verhalten beim Krieg der Ukraine gegen Russland – ein Gradmesser für den Zustand unserer Gesellschaft. Sind wir bereit, für die Bewahrung unserer westlichen Werte, unseres Lebensstils und unserer demokratischen Institutionen Opfer zu erbringen und sie notfalls auch mit Waffengewalt zu verteidigen? Oder sind wir inzwischen zu naiv, zu gleichgültig, zu bequem und zu feige dazu?

Ich mag den Teufel nicht an die Wand malen, aber ich neige zu letzterem. Mir fehlt zunehmend der Glaube daran, dass in Europa die Zivilgesellschaft, Politik und höheren Bildungsinstitutionen, welche unsere Kaderschmieden sein sollten, den Willen und die Kraft haben, um unsere freiheitlich-demokratischen Strukturen und damit unsere Zivilisation zu verteidigen.


Sacha Wigdorovits ist Präsident des Vereins Fokus Israel und Nahost, der die Webseite fokusisrael.ch betreibt. Er studierte an der Universität Zürich Geschichte, Germanistik und Sozialpsychologie und arbeitete unter anderem als USA-Korrespondent für die SonntagsZeitung, war Chefredaktor des BLICK und Mitbegründer der Pendlerzeitung 20minuten.

Haben Sie einen Fehler entdeckt?

Fehler melden

0/2000 Zeichen

Aktuelle Nachrichten