3. September 2026
Wahlen in die KnessetAvigdor Lieberman: Netanyahus ehemaliger Verbündeter und beständiger Erzfeind
Im Vorfeld der israelischen Parlamentswahlen vom 27. Oktober stellt FokusIsrael.ch die wichtigsten politischen Führungspersönlichkeiten des jüdischen Staates vor. Diese Woche: Avigdor Lieberman von der Partei «Yisrael Beytenu».
Von Jan Kapusnak
Avigdor Lieberman hat seine Karriere politisch auf der rechten Seite verbracht, doch in den letzten sieben Jahren war er einer von Benjamin Netanyahus hartnäckigsten Gegnern. Einst ein enger Vertrauter des derzeitigen Ministerpräsident und unter dessen Aussen- und Verteidigungsminister, blockierte Lieberman 2019 die Bildung einer Regierungskoalition und positioniert sich seitdem als Verfechter einer säkularen, nationalistischen Rechten, die sich klar abgrenzt von Benjamin Netanyahus «Likud» wegen deren Abhängigkeit von den ultraorthodoxen Parteien.
Mit 68 Jahren ist Lieberman eine der am längsten amtierenden Persönlichkeiten der israelischen Politik. Direkt und kämpferisch verbindet er harte Positionen zu Sicherheit und den Palästinensern mit stark säkularen Ansichten zu Religion und Staat. Seine Partei «Yisrael Beytenu» (Israel unser Zuhause) unterstützt den Wehrdienst für alle Israelis, die zivile Ehe, öffentlichen Nahverkehr am Schabbat, eine freie Marktwirtschaft und die Verringerung der politischen Macht der haredischen (ultraorthodoxen) Parteien. Diese Kombination hat Lieberman eine eigenständige Wählerschaft verschafft, die sich weder von «Likud» noch von Israels zentristischen Parteien vollständig vertreten fühlen.
Die jüngsten, am 26. August durchgeführten Wahl-Umfragen ergaben für «Yisrael Beytenu» neun Sitze in den Umfragen von Channel 13 und Walla sowie acht Sitze in der i24NEWS-Umfrage. Dies macht die Partei zu einem stabilen Bestandteil des Anti-Netanyahu-Lagers.
Von Moldawien zur israelischen Rechten
Lieberman wurde 1958 in Kishinev (heute: Chișinău), Moldawien, geboren und wanderte 1978 mit seiner Familie nach Israel aus. Er studierte Politikwissenschaft und internationale Beziehungen an der Hebräischen Universität Jerusalem und engagierte sich in der israelischen Rechten sowie in Organisationen, die Einwanderer aus der Sowjetunion vertreten.
Liebermans Aufstieg war eng mit dem von Netanyahu verbunden. Von 1993 bis 1996 war er Generaldirektor von Likud, half Netanyahu, seine Parteiführung zu festigen und seine erfolgreiche Kampagne für das Amt des Ministerpräsidenten vorzubereiten. Nach dem Sieg 1996 wurde Lieberman Generaldirektor des Büros des Ministerpräsidenten.
Die Beziehung zwischen Lieberman und Netanyahu wurde zu einer der kompliziertesten Partnerschaften der israelischen Politik: Phasen enger Zusammenarbeit wechselten mit erbitterten Auseinandersetzungen. 1999 gründete Lieberman seine eigene Partei: «Yisrael Beytenu». Anfangs identifiziert sich die Partei hauptsächlich mit der grossen russischsprachigen Einwanderergemeinschaft, die in den 1990er Jahren angekommen war und verband nationalistische Sicherheitspolitik mit einem deutlich säkularen Ansatz in inneren Angelegenheiten. Sie gewann bei ihrer ersten Knesset-Wahl vier Sitze und expandierte allmählich über ihre anfänglich auf russische Einwanderer beschränkte Wählerschaft hinaus in weitere Bevölkerungsgruppen. 2009 erreichte «Yisrael Beytenu» mit 15 Sitzen ihren Höhepunkt und wurde damit die drittstärkste Kraft im israelischen Parlament.
Falke, aber nicht konventioneller Rechtsaussen
Lieberman baute sich früh seinen Ruf als einer der kompromisslosesten israelischen Politiker in Sachen Sicherheit auf. Er lehnte 2005 den Rückzug des damaligen Ministerpräsidenten Ariel Sharon aus Gaza ab und forderte immer wieder, dass Israel viel energischer auf Hamas und andere bewaffnete Gruppen reagieren müsse.
Dennoch ist Liebermans Haltung zu den Palästinensern komplizierter, als sein Etikett «harter Rechtsaussen»“ vermuten lässt. Lieberman hat das Prinzip der territorialen Trennung akzeptiert und einen Plan gefördert, der sowohl Territorium als auch Bevölkerungen austauscht: Grosse jüdische Siedlungsblöcke sollten innerhalb Israels verbleiben, während einige stark arabische Gebiete innerhalb Israels Teil eines zukünftigen palästinensischen Staates werden sollten. Der Vorschlag wurde heftig kritisiert, insbesondere von den arabischen Bürgern Israels.
Doch Liebermans Ziel unterscheidet sich von der annexionistischen Vision der heutigen religiösen Rechten. Er strebt keine dauerhafte israelische Herrschaft über alle Palästinenser an; vielmehr befürwortet er eine Trennung, die darauf abzielt, Israels jüdische Mehrheit zu maximieren und gleichzeitig strategisch wichtiges Gebiet zu erhalten.
Liebermans Innenpolitik ist fest säkular. Obwohl er in der Siedlung Nokdim in Judäa und Samaria lebt, hat er wiederholt die ultraorthodoxen Parteien wegen militärischer Ausnahmen, Ehe, Konversion und religiöser Autorität konfrontiert. «Yisrael Beytenu» bezeichnet sich selbst als zionistisch, rechtsgerichtet und liberal und setzt sich für eine Verfassung ein, die Religion und Staat trennt. Diese ungewöhnliche Kombination aus Sicherheitsnationalismus und innerem Säkularismus ist die Grundlage für Liebermans politisches Überleben.
Aussenminister, Verteidigungsminister – und Verbündeter Netanyahus
Jahrelang gehörte Lieberman Regierungen an, die sowohl von «Likud» als auch von zentristischen Parteien geführt wurden. Er war Infrastrukturminister, Verkehrsminister und Minister für strategische Angelegenheiten, bevor er 2009 unter Netanyahu Aussenminister wurde. 2013 schloss sich «Yisrael Beytenu» mit «Likud» zu einer gemeinsamen Wahlliste zusammen. 2016 ernannte Netanyahu Lieberman zum Verteidigungsminister und gab ihm damit jenes Ressort, das am engsten mit seinem politischen Image verbunden war.
Die Beziehung zwischen den beiden Politikern endete im November 2018 indessen dramatisch: Lieberman trat zurück, nachdem die Regierung nach einer schweren Kampfrunde mit der Hamas im Gazastreifen einem Waffenstillstand zugestimmt hatte. Er verurteilte das Abkommen als «Kapitulation vor dem Terror» und zog «Yisrael Beytenu» aus der Koalition zurück.
Dieser Rückzug löste in Israel eine politische Instabilität aus, die zu wiederholten Neuwahlen führte. Noch wichtiger war jedoch, dass der Austritt aus der Regierungskoalition Liebermans Wandel von einem engen Verbündetem zu einem Hauptwidersacher von Netanyahu und dessen fortgesetzte Herrschaft einleitete.
Die fünf Sitze, die die israelische Politik veränderten
Liebermans entscheidender politischer Moment kam nach der Wahl im April 2019. Netanyahu schien eine weitere Amtszeit gewonnen zu haben, doch seine Koalition kam ohne «Yisrael Beytenus», die fünf Sitze gewonnen hatte, nur auf 60 Abgeordnete in der Knesset – einen zu wenig für eine Mehrheit. Lieberman weigerte sich indessen, dem Netanyahu-Lager beizutreten, ohne dass dieses ein Gesetz zur Ausweitung der Wehrpflicht auf ultraorthodoxe Männer verabschiedete. Da keine Seite nachgab, konnte Netanyahu keine Regierung bilden, und Israel musste erneut wählen.
Diese Konfrontation veränderte Liebermans politische Identität dauerhaft. Jahrelang betrachtete ihn die israelische Linke als einen der rechtsextremsten Politiker des Landes. Nun wurde er unentbehrlich für Versuche, Netanyahu zu stürzen. Die Frage war keine Verschiebung nach links: Lieberman blieb ein Sicherheitsfalke und lehnte es ab, sich auf arabische Parteien zur Regierungsbildung zu verlassen. Sein Argument war stattdessen, dass Netanyahu die säkulare Rechte den ultraorthodoxen Parteien «Shas» und «Vereinigtes Thora-Judentum» untergeordnet habe, bloss um seine Koalition zu retten.
Beendigung von Netanyahus zwölfjähriger Herrschaft
Nach vier Wahlen in zwei Jahren schloss sich Lieberman schliesslich der ausserordentlich breiten Koalition an, die Yair Lapid zusammengestellt hatte und die im Juni 2021 zunächst von Naftali Bennett geleitet wurde. Die Regierung umfasste Parteien von der nationalistischen Rechten bis zur zionistischen Linken und zum ersten Mal in der Geschichte Israels auch eine unabhängige arabische Partei: Ra’am. Lieberman wurde Finanzminister.
Die Ernennung ermöglichte es ihm, seine säkulare Agenda in der Wirtschaftspolitik umzusetzen. Er setzte sich ein für die Erwerbsbeteiligung, die Verringerung der Abhängigkeit von staatlichen Leistungen und die Integration haredischer Männer in Beschäftigung und Nationaldienst. Ausserdem förderte er marktwirtschaftliche Reformen, um den Wettbewerb zu erhöhen und Importbarrieren abzubauen. Seine Partei präsentiert weiterhin wirtschaftliche Liberalisierung neben dem allgemeinen Dienst als zentralen Teil ihres Programms.
Die Bennett-Lapid-Koalition überlebte indessen nur achtzehn Monate, und Netanyahu kehrte nach der Wahl 2022 an die Macht zurück. Doch Lieberman hatte geholfen, etwas zu erreichen, das noch wenige Jahre zuvor fast unmöglich schien: seinen ehemaligen politischen Mentor vorübergehend aus dem Amt zu entfernen.
7. Oktober – der Sicherheitsfalke in der Opposition
Das Massaker vom 7. Oktober bestärkte Liebermans Argument, Israel sei gegenüber Hamas zu vorsichtig gewesen. Im Gegensatz zu den früheren Generalstabschefs Benny Gantz und Gadi Eisenkot trat er jedoch nicht Netanyahus Notstandsregierung bei. Aus der Opposition warf Lieberman der Regierung sowohl vor als auch während des Krieges vor, versagt zu haben. Er plädierte für eine deutlich aggressivere Haltung gegenüber Israels Feinden. Seine Kritik an der Regierung beschränkte sich nicht auf Gaza. Iran und sein regionales Terror-Netzwerk nehmen einen zentralen Platz in Liebermans strategischem Denken ein. Die Konfrontation mit der islamistischen Mullah-Regierung in Teheran ist für ihn ein umfassender Kampf, der israelische Militärstärke und regionale Allianzen erfordert.
Seine Position verschafft Lieberman einen Vorteil, der unter Netanyahus Gegnern ungewöhnlich ist. Lieberman kann den Ministerpräsidenten von rechts in der Sicherheit und die derzeitige Regierungskoalition vom säkularen Zentrum aus innenpolitisch attackieren – und gleichzeitig auch weiterhin bei den russischsprachigen Israelis punkten. Diese Kombination hat dazu beigetragen, dass «Yisrael Beytenu» bemerkenswert stabil bleibt, während andere Oppositionsparteien um ihn herum aufgestiegen und zusammengebrochen sind.
Der dauerhafte Rebell der säkularen Rechten
Liebermans grösste Stärke ist gleichzeitig auch das, was ihn einschränkt. Er hat eine klar definierte politische Identität: falkenhaft, säkular, nationalistisch und äusserst feindlich gegenüber den Privilegien der Ultraorthodoxen. Doch diese Identität beschränkt ihn auch. Religiöse Konservative misstrauen seinem Säkularismus, einem Grossteil der Mitte-Links ist unwohl wegen seiner Rhetorik gegenüber den Arabern und seine lange Zeit in früheren Regierungen macht es schwierig, ihn als neue Alternative darzustellen.
Deshalb ist Lieberman bei den bevorstehenden Wahlen nicht der führende Kandidat der Opposition für das Amt des Ministerpräsidenten. Dieser Wettbewerb konzentriert sich auf Gadi Eisenkot und das neuerliche Bennett-Lapid-Bündnis. Dennoch hat die israelische Politik wiederholt Liebermans Fähigkeit belohnt, sich unentbehrlich zu machen.
Aber mit prognostizierten neun bis zehn Sitzen bei den Wahlen vom 27. Oktober könnte «Yisrael Beytenu» mit Avigdor Lieberman an der Spitze in der stark zersplitterten Knesset erneut eine entscheidende Rolle spielen, wer israelischer Ministerpräsident wird. Vor sieben Jahren, 2019, reichten ihm schon fünf Sitze aus, um Netanyahu eine Regierungsbildung zu verwehren.
Bereits erschienene Porträts
Benjamin Netanyahu: Vom Strippenzieher zur Marionette – doch noch nicht besiegt – FokusIsrael
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Jan Kapusnak ist Politanalyst und Autor. Er lebt in Tel Aviv.
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