2. Juli 2026
«Die Stunde Null naht»: Vor 50 Jahren führte Israel die Rettungsoperation in Entebbe durch
Zusammenfassung:
- Vor genau 50 Jahren, in der Nacht zum 4. Juli 1976, führte ein Spezialkommando der israelischen Armee IDF die «Operation Entebbe» durch.
- Dabei befreiten die israelischen Elitesoldaten auf dem Flughafen von Entebbe in Uganda 102 von 106 Geiseln, die sich an Bord einer entführen Air-France-Maschine befunden hatten.
- Vier Geiseln kamen ums Leben, eine davon wurde in einem Spital in Kampala auf Geheiss des ugandischen Machthabers Idi Amin ermordet.
- Die geretteten Geiseln waren die 12 Mitglieder der Flugzeugbesatzung und 90 Passagiere, davon waren 84 Israelis.
- Alle sieben an der Aktion beteiligten Terroristen sowie zahlreiche ugandische Soldaten wurden bei der Befreiungsaktion getötet.
- Auf israelischer Seite kam einzig der Kommandant der Eliteeinheit, Jonathan Netanyahu, ums Leben, der Bruder des heutigen israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu.
- Zum 50. Jahrestag der «Operation Entebbe» hat das israelische Staatsarchiv bisher unter Verschluss gehaltene Dokumente öffentlich gemacht. Auf ihnen beruht der folgende Beitrag.
Von Reto E. Wild
Entebbe, die einstige Hauptstadt von Uganda, hat für viele Israelis eine besondere Bedeutung: Am 27. Juni 1976 entführten vier Terroristen ein Flugzeug der Air France. Die Maschine befand sich auf dem Weg von Tel Aviv nach Paris und wurde umgeleitet.
Anfangs sah es nicht gut aus für die Passagiere. Am Donnerstag, 1. Juli 1976, sass der israelische Ministerpräsident Yitzhak Rabin mit einem engen Kreis von Beratern zusammen, als ihm der Generalstabschef der israelischen Armee IDF, Motta Gur, eine schlechte Nachricht überbrachte: «Es lässt sich nicht leugnen, die IDF ist nicht wirklich für Operationen in Entebbe geeignet.» Über diesen historischen Moment berichtete kürzlich «The Times of Israel».
Vier Tage zuvor hatte die israelische Regierung erfahren, dass eine Air-France-Maschine auf dem Weg von Tel Aviv nach Paris nach ihrem Zwischenstopp in Athen entführt und schliesslich zum Flughafen Entebbe in Uganda gebracht worden war. Mehr als 240 Passagiere waren an Bord, über 80 davon Israelis. Die Krise hatte die Regierung seitdem in Atem gehalten; dies war bereits das sechste Treffen an diesem Tag.
50 Jahre später gibt eine jetzt öffentlich gemachte Sammlung von Dokumenten aus dem Staatsarchiv Israels Einblick in die Protokolle der vielen Regierungstreffen während der schicksalhaften einwöchigen Krise. Ebenfalls enthalten sind diplomatische Depeschen, Fotos und handschriftliche Notizen, die alles abdecken – von Israels Versuchen, den ugandischen Diktator Idi Amin zu beeinflussen, bis hin zu einem Thema, das Israel vor allem seit dem Massaker vom 7. Oktober 2023 präsent ist: Versuche von Angehörigen der Geiseln, die Regierung zu einem Deal mit den Entführern zu bewegen, um das Leben ihrer Familienangehörigen rettet.
Im Verlauf der einwöchigen Krise änderten Ministerpräsident Rabin und sein enger Beraterkreis die Taktik, wie «The Times of Israel» berichtet. Zuerst hofften sie auf internationale Hilfe. Als diese nicht kam, entschieden sie sich widerwillig für Verhandlungen mit den terroristischen Entführern, während sie gleichzeitig versuchten, Amin zu schmeicheln und Lecks an die Presse zu verhindern. Erst Tage später wurde eine riskante, geheime Militäroperation gestartet.
Premier Rabin hatte die Nachricht, dass ein Flug von Tel Aviv nach Paris nach einem Zwischenstopp in Athen entführt worden war, mitten in seiner wöchentlichen Sonntagskabinettssitzung am 27. Juni erhalten. «Es ist entführt und fliegt offenbar Richtung Bengasi», sagte Rabin über das Flugzeug. Noch während des Treffens reichte Rabin eine handschriftliche Notiz an seinen Stabschef Eli Mizrahi weiter und machte klar, dass es sich um ein Air-France-Flugzeug handelte und somit die französische Regierung zuständig sei. «Ich beabsichtige, die französische Regierung als verantwortlich für das Schicksal der Israelis zu machen, die in einem Air-France-Flugzeug fliegen», schrieb er.
Tage später hörte sich die Aussage des damaligen Verteidigungsministers Shimon Peres anlässlich einer Kabinettssitzung am 3. Juli 1976 fast schon bedrohlich an: «Ich schlage dies nicht leichtfertig vor», sagte er, als die Regierung entschied, Kommandos nach Uganda zu schicken. «Dies ist eine Operation, die die IDF noch nicht erlebt hat. Dies ist die erste Operation in Israels Geschichte ausserhalb des Nahen Ostens.»
Nur Israelis und Juden wurden als Geiseln zurückbehalten
Ein wichtiger Grund für die militärische Option war der Umstand, dass sich zu diesem Zeitpunkt nur noch 84 israelische und sechs weitere jüdische Geiseln in der Gewalt der Terroristen befanden. Die nicht-jüdischen Passagiere hatten die Geiselnehmer zuvor gehen lassen. Die israelische Regierung kam deshalb zum Schluss, dass sich kein anderes Land für die Rettung dieser Geiseln einsetzen werde.
Die Terroristen– darunter Mitglieder der Volksfront zur Befreiung Palästinas und zwei Deutsche von der Gruppe Revolutionäre Zellen – forderten die Freilassung von «Freiheitskämpfern», die von Israel und einigen anderen Ländern festgehalten wurden, und setzten eine Frist bis zum 1. Juli. Auch das hört sich wie nach dem 7. Oktober 2023 an.
Israelische Beamte überlegten sich zwischenzeitlich, wer als Vermittler fungieren könnte: Papst Paul VI., Henry Kissinger? Und sie nahmen über den ehemaligen israelischen Militärattaché in Kampala, Baruch Bar-Lev, informell Kontakt mit dem einen Mann auf, von dem sie glaubten, er könne direkt mit den Terroristen intervenieren: Idi Amin.
Der diktatorisch regierende Präsident von Uganda war zwar kein Freund Israels mehr: 1972 hatte er die Beziehungen zu Jerusalem abgebrochen und propagierte seither die palästinensische Sache. Doch Baruch Bar-Lev pflegte weiterhin gute Beziehungen zu Amin. Deshalb beauftragte ihn die israelische Regierung, Kontakt zu ihm aufzunehmen – aber nur als Privatperson, damit es nicht so wirkte, als verhandle Israel als Staat direkt.
«Wie geht es dir, mein Freund?», sagte Amin laut einer hebräischen Transkription des Anrufs vom 30. Juni 1976 zu Bar-Lev, dem ersten von fünf Anrufen zwischen den beiden Männern während der Krise. Bar-Lev begann bald, dem Ego des Diktators zu schmeicheln: «Du hast eine riesige Gelegenheit, als grosser Friedensstifter in die Geschichte einzugehen», sagte er. «Wenn du die Menschen befreist.»
Amin war empfänglich, antwortete aber mit einer Warnung: Die Frist, die Stunde Null, nahte, und die Geiseln waren in Gefahr. «Sie betonen, wenn die israelische Regierung nicht auf ihre Forderungen reagiert, werden sie das französische Flugzeug und alle Geiseln morgen um 12 Uhr in die Luft jagen», sagte Amin über die Entführer.
Verhandeln oder militärisch eingreifen?
In den Tagen nach der Entführung betonte die israelische Regierung immer wieder, dass Verhandlungen mit Terroristen gegen die Politik Israels verstiessen. Ein Telegramm des Aussenministeriums vom 29. Juni bestätigte: Israel kapituliere nicht vor Erpressung. Zur gleichen Zeit erreichte Ministerpräsident Rabin ein Schreiben der Geisel-Familien. Sie verwiesen auf einen früheren Austausch von Leichen gegen Terroristen (1975) und forderten: «Besser für Lebende verhandeln – Menschenleben wiegen mehr als Prinzipien.»
Am nächsten Tag trafen sich Verkehrsminister Gad Yaakobi und Rabin mit den Angehörigen. Rabin bat die Medien, Berichte über Kontakte der Familien mit Frankreich zu unterlassen, zeigte aber Verständnis für deren Druck. Am 30. Juni sagte Rabin: «Auch keine Entscheidung ist eine Entscheidung.» Eine Militäroperation erschien damals noch unrealistisch. Verteidigungsminister Peres warnte vor den langfristigen Folgen eines Nachgebens. Rabin sprach sich jedoch für Verhandlungen aus und wiederholte die Argumentation der Familien: «Ich bin nicht bereit zu erklären, warum wir Terroristen für Tote austauschen, aber nicht für Lebende.»
Schliesslich scheiterten am 2. Juli die Gespräche, weil die Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) keine Logik in Israels Angebot sah. Gleichzeitig lieferten die in der Zwischenzeit freigelassenen Nicht-Israelis wichtige Informationen. Generalstabschef Gur schlug eine Überraschungsoperation vor. Rabin genehmigte die Vorbereitungen zunächst nur als «zweite Option» neben den Verhandlungen.
Am 3. Juli stimmte das Kabinett trotz Risiken für die Militäroperation. Peres: «Hoffentlich sehe ich darin den Finger Gottes.» Kurz nach 15 Uhr starteten die Flugzeuge vom Typ Lockheed C-130 Hercules sowie zwei Boeing 707 von der Sinai-Halbinsel nach Uganda. Die vier Transportmaschinen beförderten rund 100 IDF-Elitesoldaten sowie Ausrüstung nach Uganda. In der Nacht auf den 4. Juli 1976 stürmten die israelischen Kommandos das Terminal des Flughafens und befreiten die Geiseln. Allerdings starben im Kreuzfeuer drei Geiseln und der Kommandeur und Einsatzleiter Oberstleutnant Jonatan Netanyahu – sowie alle sieben Terroristen und Dutzende ugandische Soldaten. Ministerpräsident Yitzhak Rabin betonte später: «Die gesamte Operation basierte auf Überraschung – kein anderes Land war daran beteiligt.»
In Israel, aber auch in den USA und in Europa wurde die Befreiung der 102 überlebenden Geiseln mit grosser Erleichterung aufgenommen. Dazu mischte sich Bewunderung für die gelungene Kommandoaktion der israelischen Eliteeinheit. Nach dem siegreichen Sechs-Tage-Krieg von 1967 illustrierte sie erneut die militärische und geheimdienstliche Stärke des jungen jüdischen Staates und zeigte, dass dieser zum Schutz und zur Rettung seiner Bürgerinnen und Bürger zu allem bereit war. 47 Jahre später, nach dem Massaker der Terrororganisation Hamas vom 7. Oktober 2023 in Israel, stellte er dies erneut unter Beweis.
Haben Sie einen Fehler entdeckt?





