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Die Linke und die Juden, Teil zwei. Woher kommt der Hass? Mit Marx fing es an.

Von Markus Somm

Die Fakten: In Amerika erobern Antisemiten die demokratische Partei, in der Schweiz drängen «antizionistiche» Juso den einzigen jüdischen Ständerat aus der SP.

Warum das wichtig ist: Linke Judenfeindschaft, zweiter Teil. Wie kam es dazu?

Einer der berühmtesten Antisemiten aller Zeiten schrieb 1844 einen solchen Satz:

«Was ist der weltliche Kultus des Juden? Der Schacher. Was ist sein weltlicher Gott? Das Geld

Der Autor hiess Karl Marx und er war ein Linker.

Gewiss, Marx selbst stammte aus einer jüdischen Familie, beide Grossväter väterlicher- und mütterlicherseits waren Rabbiner, und sein Vater hatte sich seinerzeit nur taufen lassen, weil er sonst als Jurist kaum hätte Karriere machen können. Das war das Preussen des frühen 19. Jahrhunderts, hier gab man sich von Staates wegen antisemitisch. Karl Marx selbst wuchs als Lutheraner auf, von der jüdischen Religion verstand er wenig.

Seine unbedachten Sätze wirkten allerdings nach. Womöglich so toxisch wie jene Ausfälle gegen die Juden, für die Martin Luther, der Reformator, berüchtigt geworden ist, dessen unbeherrschter Antisemitismus den deutschen Protestantismus auf Dauer vergiftet hat. Von Zwingli oder von Calvin sind keine solchen Wortmeldungen bekannt – weswegen sich die reformierte Kirche nie so antisemitisch verhalten hat wie die lutherische, geschweige denn die römisch-katholische.

Ich erzähle das alles, weil Antisemitismus eine Krankheit ist, die latent in den meisten Christen vorhanden ist – zurückzuführen auf ähnlich zweideutige Aussagen im Neuen Testament –, und es oft nur einen berühmten, gesellschaftlich sonst bewunderten Antisemiten braucht, um die Krankheit ausbrechen zu lassen. Als ob wir auf einen Arzt warteten, der mit seiner Autorität ein Laster zu einer Tugend erklärte.

Wenn wir uns fragen, warum in Amerika die Linke nun vom Antisemitismus infiziert ist, dann haben renommierte Persönlichkeiten, die man ernst nahm, genauso eine Rolle gespielt. Leider, man muss es beklagen, befanden sich darunter viele Schwarze:


Die Zugehörigkeit zu einer Minderheit, die in der Geschichte genauso diskriminiert worden war wie die Juden, erleichterte es diesen Schwarzen natürlich, ihren Antisemitismus auszuleben. Es immunisierte sie. Ganz gemäss der irrigen Vorstellung, ein Opfer könne nie zum Täter werden.

Umgekehrt wirkt sich dies genauso aus, wenn wir die Ursachen betrachten, die den aktuellen linken Antisemitismus befeuern: Indem die Linke die Palästinenser zu ewigen Opfern stilisiert – immerhin Abkömmlinge eines einstigen, brutalen Herrenvolkes, den Arabern –, entwendet man den Juden die unbestreitbare Eigenschaft, nach wie vor einer diskriminierten Minderheit anzugehören. Oder haben Sie einmal gezählt, wie viele Juden auf offener Strasse beschimpft werden – und das mit ihren eigenen Erfahrungen als rot-grüner Velofahrer verglichen? Eben.

Juden dürfen keine Opfer mehr sein – so dass am Ende selbst der Holocaust zum Verschwinden gebracht werden muss, was gelingt, wenn man ausgerechnet den Israelis einen Genozid anhängt. Gewiss, der Vorwurf ist so falsch und faktenfrei, wie er ungeheuerlich und geschmacklos ist, vor allem aber stellt er sich als aufschlussreich heraus. 

Denn es fällt ja auf: Wenn es um Russlands Krieg gegen die Ukraine geht oder um die Verfolgung von Christen durch die Islamisten in Nigeria, käme es ihnen nie in den Sinn, von einem Genozid zu sprechen. Der Vorwurf ist für die Juden – und nur für die Juden – reserviert.

Wieso nur?

Übrigens ein alter Trick. Auch die Nazis behaupteten, die Juden wollten alle Deutschen vernichten, bevor sie dann gleichsam zur Selbstverteidigung die Juden vernichteten.

Oder wie es Martin Luther in seinem «Sieben-Punkte-Programm» gegen die Juden empfohlen hat:

«Man stecke ihre Synagogen oder Schulen mit Feuer an.»

Er schrieb das 1543. Es wurde 395 Jahre später umgesetzt.

Ich wünsche Ihnen einen nachdenklichen Tag

Markus Somm

Markus Somm ist Herausgeber von Nebelspalter.ch wo dieser Kommentar zuerst veröffentlicht wurde.

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