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Wer solche Parteifreunde hat, braucht keine Feinde

Von Markus Somm

Wenn es etwas gab, was Helmut Hubacher, den einstigen SP-Präsidenten, immer wieder beschäftigte, dann der Holocaust. Ob es daran lag, dass seine Mutter eine Deutsche war oder dass eines seiner Vorbilder Walther Bringolf hiess, ein Sozialdemokrat, der während des Krieges manchen jüdischen Flüchtlingen geholfen hatte, was er konnte, weil er Stadtpräsident von Schaffhausen war: Ich weiss es nicht. Aber jedes Mal, wenn wir uns trafen, und das geschah oft, als ich als Chefredaktor die «Basler Zeitung» führte, redeten wir irgendeinmal über den zivilisatorischen Absturz seiner halben Heimat. Schrieb ich darüber, etwa in einem Porträt über einen Holocaust-Überlebenden, meldete er sich lobend; warnte ich vor Antisemitismus, pflichtete er mir bei; führte ich ein Interview mit einem israelischen Intellektuellen, erkundigte er sich: Wie war er, was sagte er? Hubacher kannte auch Willy Brandt gut, den Kanzler der SPD, und er erzählte mir gerne, warum dieser die Schweiz so geschätzt habe: «Weisst du, Helmut, wir vergessen euch nie, wie ihr uns als Emigranten aufgenommen habt.» Zwar hatte Brandt seinerzeit in Skandinavien vor den Nazis Zuflucht gefunden, was aber die Schweiz geleistet hatte, war ihm bewusst. Vom linken Dünkel, wir hätten nur versagt, war Brandt frei. 

Tatsächlich hatte sich die SPS grosse Verdienste erworben. Wie keine andere Partei setzte sie sich für die Flüchtlinge aus dem Dritten Reich ein, während die Bürgerlichen recht kleinlaut und eher unwillig die Katastrophe im Norden zur Kenntnis nahmen. Abwehr herrschte vor, wo viel mehr Mut und Mitgefühl nötig gewesen wären. Als die Schweiz 1942 die Grenzen sperrte, was für viele Juden ein Todesurteil bedeutete, wehrte sich die SP im Parlament, und als es darum ging, jenen Unglücklichen zu helfen, die es trotzdem in unser Land schafften, standen Sozialdemokraten ihnen an erster Stelle bei. 

Daran musste ich denken, als am Donnerstag bekannt wurde, dass die Zürcher SP ihren Ständerat Daniel Jositsch nicht mehr für die Wiederwahl nominierte. Jositsch ist Jude – und man kreidete ihm unter anderem an, dass er sich gegen Gelder für das UNRWA ausgesprochen hatte, das weitgehend antisemitische Hilfswerk der UNO für Palästinaflüchtlinge. Natürlich wies er auch den linksextremen Vorwurf zurück, Israel hätte in Gaza einen «Genozid» verübt, was in Juso-Kreisen zum Standardbekenntnis gehört, inzwischen aber, wie Figura zeigt, auch im Mainstream der SP angelangt ist. Gewiss, hinzu kamen noch ein paar andere «Abweichungen» von der Parteilinie, die man Jositsch vorhielt, doch es bleibt dabei: Die Partei, die sich einst so tapfer gegen den Antisemitismus zur Wehr gesetzt hatte, will davon nichts mehr wissen. Israel stellt man auf die gleiche Stufe wie das Dritte Reich, indem man ausgerechnet dem Judenstaat einen «Genozid» unterstellt. Es ist ein epochaler Bruch.

Die SP dürfte dafür einen hohen Preis bezahlen. Ob das den Delegierten bewusst war, entzieht sich meiner Kenntnis; wenn nicht, dann wäre es symptomatisch für eine Partei, die früher fast versessen die Geschichte studiert hat, aber heute geschichtsblind durch die Politik strauchelt. Wenn ein Teil des Bürgertums seit 1968 der SP zuströmte, dann lag das auch daran: Nur die SP, so schien es diesen Rebellen aus gutem Hause, war während der Nazizeit anständig geblieben. Zwar handelte es sich da um einen Import aus Deutschland, wo manche junge Angehörige der Elite sich genau aus diesem Grund der SPD zuwandten, was verständlich war, aber in der Schweiz grotesk, zumal die Bürgerlichen hier keinesfalls Nazis geworden waren, sondern Land und Demokratie verteidigt hatten. Dennoch profitierte die SP davon. Die 68er verwandelten die Partei. Heute ist sie eine linksbürgerliche Bewegung, was ihr Sozialprofil anbelangt, wenn sie auch immer sozialistischer tut, je akademischer und unduldsamer sie wird. 

Die Schweizer Juden spielen keine Rolle in der Politik. Die SP braucht sie nicht. Aber den Nimbus, zu den Anständigen zu gehören, hat die Partei verloren. Hubacher weint. 

Dieser Kommentar von Nebelspalter-Chefredaktor Markus Somm erschien zuerst in der SonntagsZeitung.

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