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Warum die arabische Welt Israel nicht akzeptiert

Die Abraham-Abkommen zwischen Israel und vier arabischen Staaten galten als historischer Durchbruch – doch sie sind Verträge zwischen Regierungen, nicht zwischen Völkern. 89 Prozent der Bevölkerung in den arabischen Ländern lehnen Israel weiterhin ab. 

Von Mohamed Diwan

“Kein Frieden mit Israel. Keine Anerkennung Israels. Keine Verhandlungen mit Israel” die „Drei Neins“ der Arabischen Liga von 1967 prägen bis heute die Haltung des allergrössten Teils der arabischen Bevölkerung.

Gemäss einer Befragung des Arab Center Washington DC zwischen dem 12. Dezember 2023 und 5. Januar 2024 lehnen 89 Prozent der Bevölkerung in den arabischen Ländern eine Anerkennung Israels ab. Die Zustimmung zur palästinensischen Sache als „gesamtarabische Angelegenheit“ erreichte 92 Prozent – der höchste Wert seit Beginn der Erhebungen 2011.

Die Umfrage wurde mit 8’000 Personen in den 16 arabischen Ländern Mauretanien, Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen, Ägypten, Sudan, Jemen, Oman, Katar, Kuwait, Saudi-Arabien, Irak, Jordanien, Libanon und das Westjordanland durchgeführt. Sie repräsentieren 95 Prozent der arabischen Bevölkerung.

Besonders dramatisch sind die Verschiebungen seit dem 7. Oktober 2023 in Saudi-Arabien: Dort stieg die Opposition gegen die Anerkennung Israels von 38 Prozent (2022) auf 68 Prozent (2024). Die Identifikation mit der palästinensischen Sache als gesamtarabische Angelegenheit stieg in Saudi-Arabien von 69 Prozent (2022) auf 95 Prozent (2024).

Eine separate Umfrage des Washington Institute for Near East Policy, durchgeführt zwischen dem 14. November und 6. Dezember 2023, zeigte: 96 Prozent der Saudis wollen, dass arabische Länder „sofort alle diplomatischen, politischen, wirtschaftlichen und sonstigen Kontakte zu Israel abbrechen, als Protest gegen dessen militärische Aktion in Gaza“.

Gemäss derselben Befragung hat sich nach dem Massaker vom 7. Oktober 2023 das Image der Hamas in Saudi-Arabien dramatisch verbessert: 40 Prozent der Befragten hatten nun ein positives Bild der Terrororganisation – verglichen mit nur 10 Prozent in einer im August 2023 durchgeführten Umfrage. Und 91 Prozent stimmten der Aussage zu: „Trotz der Zerstörung und des Verlustes von Menschenleben ist dieser Krieg in Gaza ein Sieg für die Palästinenser, Araber und Muslime.“ 87 Prozent vertraten die Meinung:  „Die jüngsten Ereignisse zeigen, dass Israel so schwach und innerlich gespalten ist, dass es eines Tages besiegt werden kann.“

Die Ablehnung Israels in breiten Teilen der arabischen Bevölkerung hat auch auf der politischen Ebene Tradition und geht auf das Jahr 1947 zurück, als die Arabische Liga den UN-Teilungsplan (Resolution 181) kategorisch zurückwies – einen Plan, der einen palästinensisch-arabischen Staat auf 43 Prozent des früheren britischen Mandatsgebiets geschaffen hätte. Der Generalsekretär der Arabischen Liga, Azzam Pascha, drohte laut einem Artikel in der ägyptischen Zeitung Akhbar al-Yom vom 11. Oktober 1947 mit einem „Vernichtungskrieg und einem gewaltigen Massaker, von dem man sprechen wird wie von den Tatarenmasssakern“. Selbst Präsident Mahmud Abbas räumte 2011 in einem Interview mit dem israelischen Fernsehsender Channel 2 ein: „Es (diese Ablehnung, Red.) war unser Fehler. Es war ein arabischer Fehler insgesamt.“

Diese Ablehnung wiederholte sich in den folgenden Jahrzehnten immer wieder: 

Der frühere US-Präsident Bill Clinton schrieb in seiner Autobiographie „My Life“, dass Arafats damalige Ablehnung ein „Fehler von historischem Ausmass“ war.

Durchbruch auf politischer Ebene – Widerstand in der Bevölkerung

 

Die Unterzeichnung der Abraham-Abkommen 2020 zwischen Israel, den Vereinigten Arabischen Emiraten VAE, Bahrain, Marokko und dem Sudan stellte so gesehen einen Bruch mit dem arabischen Konsens dar. Der bilaterale Handel zwischen den VAE und Israel explodierte laut Daten der Emirates News Agency von circa 200 Millionen US-Dollar (2020) auf 3,2 Milliarden US-Dollar (2024). Die Verteidigungskooperation vertiefte sich erheblich – VAE-Streitkräfte setzten laut Berichten von Defense News israelische Barak-Luftverteidigungssysteme gegen iranische und Huthi-Bedrohungen ein.

Doch die arabische Opposition gegen Israel bleibt weitverbreitet, existenziell und kategorisch. Selbst in jenen Staaten, welche die Abraham Accords unterzeichnet haben, bleibt die Feindschaft gegenüber Israel in der Bevölkerung weitverbreitet. Laut einer Umfrage des Washington Institute for Near East Policy vom März 2022 betrachten in den VAE 71 Prozent der Bevölkerung die Abraham-Abkommen negativ. In Bahrain unterstützen laut derselben Quelle nur 30 Prozent der jungen Menschen die Normalisierung, während 53 Prozent dagegen sind.

Der Arab Barometer stellte fest, dass in keinem der sieben untersuchten Länder die Unterstützung für eine Normalisierung der Beziehungen zu Israel 13 Prozent überstieg. Michael Robbins, Direktor des Arab Barometer, fasste in seinem Foreign Affairs-Artikel zusammen: „Nachdem Israel seinen Krieg in Gaza begonnen hatte, wurde die arabisch-israelische Normalisierung zum Stillstand gebracht… Tägliche Proteste in der gesamten Region werden möglicherweise keine größeren politischen Kursänderungen auslösen, aber sie begrenzen, was autokratische Regierungen tun können.“

Die Wurzeln der Feindseligkeit – mit Saudi-Arabien als Zentrum

Die tiefe Ablehnung Israels in der arabischen Welt hängt nicht nur mit dem palästinensisch-israelischen Konflikt zusammen. Gemäss dem im Januar 2025 veröffentlichten ADL Global 100 Index, der auf der Befragung von 58.000 Personen in 103 Ländern beruht, haben 76 Prozent der Befragten im Nahen Osten und Nordafrika tief verwurzelte antisemitische Einstellungen. Dies ist mit Abstand der höchste Wert aller Weltregionen. Die Länder mit dem weitverbreitetsten Antisemitismus waren das Westjordanland und Gaza (97%), Kuwait (97%) und Indonesien (96%). Zum Vergleich: In Schweden liegt der Wert bei 5 Prozent, in Kanada bei 8 Prozent.

Diese Ergebnisse sind nicht neu. Eine Pew Research Center-Umfrage hatte bereits 2010 die Dimension antisemitischer Einstellung in der arabischen Welt dokumentiert: 97 Prozent der Befragten in Jordanien äußerten damals eine ungünstige Meinung über Juden, ebenso 97 Prozent in den Palästinensergebieten und 95 Prozent in Ägypten. Im Libanon waren es 98 Prozent – und zwar sowohl unter Sunniten (98%) als auch Schiiten (98%) und sogar libanesischen Christen (97%). Diese Zahlen zeigen auch: Der Judenhass in der arabischen Welt ist konfessionsübergreifend und prädatiert den modernen Nahostkonflikt.

Saudi-Arabien war jahrzehntelang ein Epizentrum der antisemitischen Indoktrination. Laut einem Bericht der Anti-Defamation League (ADL) vom November 2018 bezeichneten saudische Schulbücher Juden als „Affen“ und Christen als „Schweine“, forderten Schüler auf, Juden zu meiden und sich nicht mit ihnen anzufreunden, und behaupteten, Juden würden den Teufel anbeten. Ein Schulbuch der 10. Klasse lehrte : „Die Stunde wird nicht kommen, bis die Muslime gegen die Juden kämpfen und die Muslime alle Juden töten werden.“

Der Imam der Grossen Moschee in Mekka, Abdul Rahman Al-Sudais, bezeichnete laut BBC-Panorama Juden als „den Abschaum der Menschheit“ und „Nachkommen von Affen und Schweinen“. Das saudische Staatsfernsehen produzierte 2001-2002 die 41-teilige Serie „Reiter ohne Pferd“, die die antisemitische Fälschung „Die Protokolle der Weisen von Zion“ als Tatsache darstellte. Auch Ägypten strahlte diese Serie während des Ramadan aus, wenn jeweils die höchsten Einschaltquoten verzeichnet werden. Laut Hudson Institute wurden die „Protokolle“ mit offizieller Unterstützung der Regierungen in Saudi-Arabien, Ägypten, Jordanien, Libanon, Libyen und Syrien verbreitet.

Jordanien – seit 1994 offiziell im Frieden mit Israel – unterhält laut ADL-Analyse (2021) weiterhin antisemitische Schulbücher. Ein Lehrbuch für islamische Erziehung der 7. Klasse fragt Schüler: „Zu den Eigenschaften der Juden, für die sie bekannt sind, gehören: (A) das Brechen von Verträgen, (B) Verrat und Betrug, (C) der Hass auf Muslime, oder (D) all das oben Genannte.“ Jordanien verweigert laut Berichten der Times of Israel Juden mit sichtbaren religiösen Symbolen – Gebetsschals (Tallit) oder Gebetsriemen (Tefillin) – die Einreise.

Im Jemen vertrieben die Huthi-Milizen laut Berichten der Times of Israel bis März 2021 fast alle verbliebenen Juden – mit Drohbotschaften: „Wir warnen euch, das Gebiet sofort zu verlassen… Wir geben euch zehn Tage, oder ihr werdet es bereuen.“ Die Huthi-Flagge trägt den Slogan „Tod Israel, Fluch über die Juden“.

 

Drei Ursachen des arabischen Antisemitismus

Das Institute for National Security Studies (INSS) in Tel Aviv identifizierte in seiner Studie von Oktober 2024 drei Hauptquellen des Judenhasses in der arabischen Welt: erstens den Palästina-Konflikt, zweitens theologische Spannungen aus dem 7. und 8. Jahrhundert zwischen Juden und Muslimen, und drittens aus dem Westen importierten Antisemitismus – insbesondere die „Protokolle der Weisen von Zion“, die seit dem frühen 20. Jahrhundert in der Region zirkulieren.

Der Historiker Bernard Lewis schrieb bereits in den 1980er Jahren, dass das Volumen antisemitischer Literatur in der arabischen Welt ein Niveau erreicht habe, das „erheblich grösser als im Frankreich des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts“ sei und „mit Nazi-Deutschland verglichen werden kann“. Der Aufstieg des politischen Islam in den 1980er Jahren fügte dem Judenhass laut Lewis eine explizit religiöse Komponente hinzu.

Der arabische Widerstand gegen die Normalisierung mit Israel ist deshalb nicht primär ein politischer Konflikt um Territorium oder palästinensische Rechte. Er ist Ausdruck eines tief verwurzelten, generationsübergreifend vermittelten Judenhasses, der durch staatlich geförderte Bildungssysteme, religiöse Autoritäten und Medien systematisch reproduziert wird. 

Die „Drei Neins“ von Khartum 1967 waren deshalb nicht das Ergebnis gescheiterter Verhandlungen – sie waren Ausdruck einer Grundhaltung, die jede jüdische Souveränität auf ehemals islamischem Boden als illegitim betrachtet. Die Position, Israel sei eine „Katastrophe für die arabische und islamische Nation“ (Hamas-Funktionär Ghazi Hamad) ist keine Randmeinung von Terroristen – sie ist der Mainstream der arabischen Öffentlichkeit.

Die Abraham-Abkommen zeigen jedoch, dass Veränderung möglich ist. Doch solange die Mehrheit der arabischen Staaten ihre Bevölkerungen weiterhin im Hass auf Juden erzieht, solange religiöse Autoritäten Juden als „Abschaum der Menschheit“ dämonisieren, solange Medien die „Protokolle der Weisen von Zion“ verbreiten – so lange bleibt jede Normalisierung ein fragiles Elitenprojekt gegen den erklärten Willen einer Bevölkerung, die nicht Israel, sondern Juden an sich ablehnt.

Mohamed Diwan ist ein arabischer Politanalyst

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