20. August 2026
Wahlen in die KnessetYair Lapid: Vom Fernsehstar zum hartnäckigen Rivalen Netanyahus
Im Vorfeld der israelischen Parlamentswahlen vom 27. Oktober stellt FokusIsrael.ch die wichtigsten politischen Führungspersönlichkeiten des jüdischen Staates vor. Diese Woche: Yair Lapid von der Allianz «Beyachat», der Naftali Bennett unterstützt.
Nur wenige israelische Politiker sind so unwahrscheinlich aufgestiegen wie Yair Lapid und blieben so lange im Zentrum der nationalen Politik. Der ehemalige Fernsehmoderator gründete die zentristische Partei «Yesh Atid» (Es gibt eine Zukunft) und wurde später Finanzminister, Aussenminister, Oppositionsführer und schliesslich Ministerpräsident. 2021 stellte er die Koalition zusammen, die Netanyahus zwölf aufeinanderfolgende Jahre an der Macht beendete, und stellte seine persönlichen Ambitionen beiseite, indem er Naftali Bennett zuerst als Ministerpräsident amtieren liess.
Lapid geht in der Wahl 2026 in einer vertrauten Rolle an, jedoch aus einer geschwächten politischen Position. Nachdem er 2019 und 2020 hinter Benny Gantz in der Blau-Weiss-Allianz (Kahol Lavan) angetreten war, hat er den zweiten Platz hinter Bennett in der neuen Allianz «Beyachad» (Gemeinsam) akzeptiert. Die Entscheidung spiegelt sowohl seine Bereitschaft wider, ein grösseres Ziel über persönliche Ambitionen zu stellen, als auch den abnehmenden Glauben der Anti-Netanyahu-Wähler, dass er der Mann ist, der am ehesten den Ministerpräsident besiegen könnte.
Säkularer Tel Aviver aus guter Familie
Lapid ist ein Produkt von Tel Aviv, einer der liberalsten Städte nicht nur im Nahen Osten, sondern weltweit. Er wurde 1963 in eine angesehene Familie dort geboren. Seine Mutter, Shulamit Lapid, ist eine renommierte Romanautorin und Dramatikerin. Sein Vater, Tommy Lapid, war Journalist und Holocaust-Überlebender, der später Justizminister wurde. Als Vorsitzender der säkularen Shinui-Partei wurde der ältere Lapid zu einem offenen Gegner der ultraorthodoxen politischen Macht.
Lapid arbeitete als Zeitungskolumnist, Schauspieler und Fernsehmoderator und wurde zu einer der bekanntesten Medienpersönlichkeiten Israels. Er moderierte eine beliebte Talkshow, die seinen Namen trug, und später die einflussreiche Freitagabendnachrichtensendung Ulpan Shishi. Als er 2012 in die Politik eintrat, taten ihn viele als Prominenten ab, dem die nötige Erfahrung und Expertise fehlte. Seine Anhänger erkannten etwas, das älteren Politikern fehlte: die Fähigkeit, komplizierte Themen in zugänglicher Sprache zu erklären.
Liberale Haltung, kein Verständnis für Privilegien der Ultraorthodoxen
Im selben Jahr gründete Lapid «Yesh Atid», um Israels säkulare, arbeitende und militärdienstliche Mittelschicht zu vertreten. Als Reaktion auf die Beschwerden über Lebenshaltungskosten hinter den Massenprotesten und Zeltlagern von 2011 versprach die Partei günstigeren Wohnraum und eine effizientere Regierung. Ausserdem forderte sie eine «gleichberechtigte Aufteilung der Last» durch militärischen oder zivilen Dienst für ultraorthodoxe (haredische) Männer. Ihr Programm verband zentristische Ökonomie mit Unterstützung für die zivile Ehe, LGBTQ-Gleichstellung, öffentlichen Nahverkehr am Schabbat und weniger religiöse Kontrolle über das Privatleben.
Yesh Atid wurde zur Überraschung der Wahl 2013 und gewann neunzehn Sitze. Lapid trat als Finanzminister in Netanyahus Regierung ein und bildete mit Bennett das sogenannte «Brüderbündnis». Durch die Koordinierung ihrer Forderungen hielten sie die ultraorthodoxen Parteien aus der Regierung heraus und verabschiedeten Gesetze, die Ziele für den haredischen Militär- und Zivildienst festlegten. Die Zahl der Rekrutierungen stieg, blieb aber unter den Zielvorgaben. 2015, als die haredischen Parteien wieder an die Macht kamen, wurde das Gesetz verwässert.
Erfolglose Zeit als Finanzminister
Lapids Amtszeit im Finanzministerium war weniger erfolgreich. Angesichts eines grossen Defizits erhöhte er die Mehrwertsteuer, reduzierte staatliche Zahlungen an Familien mit Kindern und kürzte die Staatsausgaben, obwohl er versprochen hatte, arbeitende Familien zu schützen. Die Immobilienpreise stiegen weiter. Sein Vorschlag zur Null-Mehrwertsteuer für qualifizierte Erstkäufer wurde von Ökonomen stark kritisiert und erhielt nie die endgültige Zustimmung der Knesset. Da Meinungsverschiedenheiten über Budget, Siedlungsbau und den ins Stocken geratenen Friedensprozess die Koalition zunehmend unpraktikabel machten, entliess Netanyahu Lapid im Dezember 2014 und warf ihm und Justizministerin Tzipi Livni vor, einen «Putsch» gegen ihn geplant zu haben – ein Vorwurf, den beide bestritten. Bei der folgenden Wahl stürzte «Yesh Atid» von neunzehn auf elf Sitze ab.
Seit über zehn Jahren Netanyahus ständiger Rivale
Nach seinem Eintritt in die Opposition im Jahr 2015 etablierte sich Lapid als einer von Netanyahus führenden Rivalen. Während der verschiedenen Wahlen in Israel zwischen 2019 und 2021 schloss sich Yesh Atid Gantz‘ Kahol Lavan-Allianz an. Als Gantz 2020 im Rahmen eines Rotationsabkommens in eine von Netanyahu geführte Regierung eintrat, weigerte sich Lapid, ihm zu folgen, und bezeichnete die Entscheidung als Verrat an den Wählern der Allianz. «Ihre Stimmen wurden gestohlen und Netanyahu als Geschenk überreicht», erklärte er. Seine Entscheidung bewahrte seine Glaubwürdigkeit, insbesondere nachdem die Koalition zusammenbrach, bevor Gantz Ministerpräsident werden konnte.
Verzicht auf Amt als Ministerpräsident im Interesse des Landes
Nach der Wahl 2021, bei der Yesh Atid siebzehn Sitze gewann, erteilte der damalige Staatspräsident Reuven Rivlin Lapid das Mandat, eine Regierung zu bilden, nachdem Netanyahus Versuch gescheitert war. Da mehrere rechtsgerichtete Parteien bereit waren, Netanyahu abzusetzen, ihn selbst aber nicht als Ministerpräsident akzeptieren wollten, bot Lapid Bennett die erste Amtswahl an, obschon dessen Yamina-Partei nur sieben Sitze hielt. Die daraus resultierende Koalition vereinte acht Parteien von Bennetts nationalistischer Rechten über die Mitte und zionistische Linke bis hin zu Mansour Abbas‘ islamistischem Ra’am, der ersten unabhängigen arabischen Partei, die einer israelischen Regierung beitrat.
Brückenbauer zu den USA und Europa
Als Aussenminister und stellvertretender Ministerpräsident bemühte sich Lapid, die Beziehungen zu Washington und den europäischen Regierungen zu verbessern, die in Netanyahus letzten Amtsjahren angespannt gewesen waren. 2022 war er Gastgeber des Negev-Gipfels mit den Aussenministern der Vereinigten Staaten, Ägypten, der Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrains und Marokkos.
Die «Regierung des Wandels» verlor ihre Mehrheit und brach nach etwas mehr als einem Jahr zusammen. Bennett und Lapid lösten daraufhin die Knesset auf, und Lapid folgte Bennett im Juli 2022 im Rahmen ihrer Rotationsvereinbarung als Ministerpräsident nach. Während seiner sechsmonatigen Amtszeit schloss seine Regierung ein maritimes Grenzabkommen mit dem Libanon ab und regelte konkurrierende Ansprüche auf gasreiche Gebiete im Mittelmeer.
Bei der Wahl im November 2022 erhöhte «Yesh Atid» ihre Vertretung auf 24 Sitze, doch der breitere Parteienblock, dem Lapid angehörte, verlor. Netanyahu kehrte an die Macht zurück und führte eine Koalition aus rechtsgerichteten, rechtsextremen und ultraorthodoxen Parteien. Als er das Amt des Ministerpräsidents übergab, warnte Lapid die neue Regierung: «Versucht, das Land nicht zu zerstören.»
Gegen die Justizreform der Regierung
Lapid wurde ein prominenter Gegner der Justizreform der Regierung. Er unterstützte die Protestbewegung dagegen und warf Netanyahu vor, demokratische Institutionen geopfert zu haben, um an der Macht zu bleiben.
Das Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 brachte Lapid in eine schwierigere Lage. Er unterstützte den Krieg in Gaza und schlug eine enge Notstandsregierung vor, allerdings nur, wenn Netanyahu Itamar Ben-Gvir und Bezalel Smotrich aus Sicherheitsentscheidungen entfernte. Als Netanyahu stattdessen Gantz ins Kriegskabinett holte, blieb Lapid in der Opposition. Bald beschuldigte er Netanyahu, ohne glaubwürdige Strategie für Gaza zu kämpfen und mit seiner Koalitionspolitik die Freilassung und Rückkehr der Geiseln zu behindern. Lapid bot Netanyahu wiederholt politische Unterstützung für eine Geiselvereinbarung an.
Für die Zwei-Staaten-Lösung, aber nicht sofort
Bei den Palästinensern positioniert sich Lapid zwischen der traditionellen Linken und Netanyahus Rechten. Als Ministerpräsident im Jahr 2022 befürwortete er «ein Abkommen mit den Palästinensern, das auf zwei Staaten für zwei Völker basiert.» Der 7. Oktober machte ihn diesbezüglich deutlich skeptischer. Er unterstützt zwar weiterhin grundsätzlich die palästinensische Staatlichkeit, sagt aber, dass dies im kommenden Jahrzehnt nicht möglich sein werde und dass die Palästinenser zunächst beweisen müssten, dass ihr Staat nicht zu einer weiteren terroristischen Basis für Angriffe auf Israel werden würde.
Fragezeichen bei der sicherheitspolitischen Eignung
Lapids Hauptschwäche ist, dass viele Israelis nicht überzeugt sind, er könne in diesen schwierigen Zeiten die Sicherheit des Landes gewährleisten. Netanyahu stellt ihn als privilegiertes Mitglied der säkularen Elite Tel Avivs dar, dem es an bedeutender militärischer Erfahrung fehlt. Doch Lapids Umgang mit der «Operation Breaking Dawn», der erfolgreichen dreitägigen Kampagne gegen den Palästinensischen Islamischen Dschihad im Jahr 2022, stärkte sein Image hinsichtlich Sicherheit und verringerte Netanyahus Vorsprung in den Umfragen.
Dennoch hat Lapid Schwierigkeiten, seine Popularität zu steigern. Haredische Parteien misstrauen ihm wegen seiner Kampagne für den obligatorischen Militär- oder Zivildienst für Ultraorthodoxe und säkulare Reformen. Demgegenüber sieht ihn ein Grossteil der traditionellen, überwiegend Mizrahi-Rechten als überheblichen Vertreter der säkularen, überwiegend aschkenasischen Tel Aviv-Elite, was Israels langjährige soziale und kulturelle Kluft zwischen Mizrahim und Aschkenasim widerspiegelt. Die Linke wiederum hält ihn für zu rechts in Sachen Sicherheit.
Wahlbündnis im Interesse der Sache trotz ideologischer Differenzen
Die Entstehung des Wahlbündnisses «Beyachat» mit Naftali Bennett war daher ein rationaler Entscheid von Lapid. Im April 2026 gaben er und Bennett bekannt, dass ihre Parteien auf einer gemeinsamen Liste unter Bennetts Führung antreten würden. Lapid erkannte, dass der Sieg über Netanyahu gemässigte rechtsgerichtete Wähler erforderte, die «Yesh Atid» niemals allein unterstützen würden.
Die ideologischen Unterschiede zwischen den beiden «Beyachat»-Führern könnten dennoch wieder auftauchen. Lapid ist säkularer und liberaler als Bennett und unterstützt grundsätzlich weiterhin die palästinensische Eigenstaatlichkeit, obwohl er sie im kommenden Jahrzehnt für unmöglich hält. Bennett lehnt einen palästinensische Staat hingegen ab und hat ausgeschlossen, sich in der Regierungskoalition mit arabischen Parteien zu verbünden.
Dennoch sind sich Lapid und Bennett nun in mehreren innenpolitischen Fragen einig, darunter der für alle Israelis geltenden Dienstpflicht, der zivilen Ehe, einem gewissen öffentlichen Nahverkehr am Schabbat und einer staatlichen Untersuchungskommission zum 7. Oktober. Es wird sich zeigen, ob dies reicht, ihr Bündnis am Leben zu erhalten, wenn die Absetzung Netanyahus nicht mehr das übergeordnete Ziel ist.
Bisher enttäuschen Umfrageresultate der Allianz mit Bennett
Es kommt hinzu, dass «Beyachat» bisher bei den Wählern nicht den erwarteten Durchbruch erzielt hat. Eine Umfrage des Versehsenders Kan, die am 16. August veröffentlicht wurde, ergab für «Gemeinsam» nur vierzehn Sitze. Das ist bloss die Hälfte der insgesamt achtundzwanzig Sitze, die Bennetts und Lapids Parteien in derselben Umfrage unmittelbar vor Gründung ihrer Allianz erhalten hatten. Gadi Eisenkots «Yashar»-Partei und Netanyahus «Likud» lagen in derselben Umfrage mit jeweils dreiundzwanzig Sitzen auf dem ersten Platz. In einer Umfrage vom 17. August vom TV-Kannal 12 kam «Beyachat» auf 15 Sitze gegenüber 24 von «Yashar» und 22 von «Likud». Anstatt das anti-Netanyahu-Lager zu vereinen, werden Bennett und Lapid nun von Eisenkot überschattet, wobei beide oppositionelle Gruppierungen um viele der gleichen Wähler buhlen.
Weder Regierung noch Opposition scheinen derzeit in der Lage zu sein, sich die einundsechzig Sitze zu sichern, die es für eine Mehrheit im Parlament (Knesset) braucht. Die jüngste Kan-Umfrage gab Netanyahus Block zweiundfünfzig Sitze und der zionistischen Opposition siebenundfünfzig, sodass elf Sitze für die arabischen Parteien übrigblieben. Gemäss der Umfrage von Kanal 12 würde das Regierungslager insgesamt auf 50 Sitze kommen, die Opposition auf 60, einen zu wenig, um die Mehrheit zu erringen.
Lapids Geschick als Bündnismacher könnte den Ausschlag geben
Die restlichen Sitze würden an die arabischen Parteien gehen. Bennetts Weigerung, die arabischen Parteien mit ins Boot zu holen, droht daher, zu einer weiteren Blockade zu führen, selbst wenn Netanyahus Koalition ihre Mehrheit verliert. Lapid ist vielleicht nicht mehr der Oppositionskandidat für das Amt des Ministerpräsidenten, aber seine Bereitschaft, im Interesse des Landes in die zweite Reihe zurückzutreten, und seine Fähigkeit, unwahrscheinliche Koalitionen zu bilden, könnten ihn erneut unentbehrlich machen.
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[i] Jan Kapusnak ist Politanalyst und Autor. Er lebt in Tel Aviv.
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