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Ägyptens WM-Aus und die Ceuta-Krise haben eines gemeinsam: Israel ist schuld

Innerhalb eines Monats wurden diesen Sommer zwei sehr verschiedene Ereignisse mit derselben Ursache erklärt: ein WM-Achtelfinal in Atlanta und ein Massenandrang an Spaniens Aussengrenze. Israel soll hinter beidem stecken. Zwei Beispiele, die zeigen: Antisemitische Verschwörungstheorien haben auch heute Hochkonjunktur.

Von Mohamed Diwan

Atlanta, in der Nacht auf den 8. Juli, wenige Stunden nach dem Schlusspfiff des Weltmeisterschaftsspiels zwischen Ägypten und Argentinien, das die Südamerikaner mit 3:2 gewannen, erschien auf der Wikipedia-Seite des französischen Schiedsrichters François Letexier ein zusätzlicher Satz: Geboren sei er in der bretonischen Gemeinde Bédée, in einer orthodox-jüdischen Familie.

Daran stimmte nichts. Letexier ist nicht jüdisch. Eingetragen hatte den Satz ein Nutzer aus Bangladesch, der ihn wenig später mangels Belegen selbst wieder entfernte. Screenshots der manipulierten Fassung waren da längst unterwegs und wurden fortan als Beweis herumgereicht.

Vorausgegangen war ein dramatisches Fussballspiel. Ägypten führte im WM-Achtelfinal mit 2:0, nachdem Torhüter Mostafa Shobeir einen Penalty von Lionel Messi pariert hatte; ein weiterer Treffer der Nordafrikaner von Mostafa Zico wurde nach VAR-Intervention wegen eines Fouls im Spielaufbau aberkannt. In den letzten vierzehn Minuten drehte Argentinien die Partie zum 3:2. Pierluigi Collina, Chef der FIFA-Schiedsrichterkommission, bestätigte später beide strittigen Entscheide; unbegründete Anschuldigungen hätten im Fussball nichts verloren.

Der Trainer, die Fahne und der Spuck

Politisch aufgeladen hatte Ägypten das Turnier schon zuvor. Nach dem Sieg über Australien trug Nationaltrainer Hossam Hassan die palästinensische Fahne über den Platz, widmete den Sieg dem palästinensischen Volk und erklärte, wer nicht mit den Palästinensern fühle, sei «kein Mensch».

Nach der Niederlage halten Videoaufnahmen fest, wie Hassan auf dem Weg in die Kabine argentinische Zuschauer mit einer israelischen Fahne bemerkt. Er gestikuliert in ihre Richtung, deutet auf das ägyptische Wappen an seiner Brust und spuckt gegen die Fans; anschliessend geht er den Fotografen an, der die Szene dokumentiert, und muss weggeführt werden. Der palästinensische Journalist Basem Alhabel feierte den Vorgang als «grössten Spuck der Geschichte».

«Ägypten verlor gegen den Zionismus»

Der ägyptische YouTube-Kanal «Al Wa’i Nour» veröffentlichte ein Video mit dem Titel «Ägypten verliert gegen den Zionismus». Gespielt habe Ägypten nicht gegen eine Mannschaft, sondern gegen «das System».

Die entscheidende Verknüpfung folgte im selben Beitrag: Ägyptens Erfolg sei unerwünscht gewesen, weil Hassan vor globalem Publikum die palästinensische Fahne gehisst hatte. Ein ägyptischer Viertelfinal mit wiederholter Palästina-Solidarität sei nicht vorgesehen gewesen. Damit erscheint eine sportliche Niederlage als Strafmassnahme einer unsichtbaren jüdischen Macht.

Argentinien nannte derselbe Kommentator eine «israelische Mannschaft par excellence», belegt mit der Nähe von Präsident Javier Milei zur israelischen Regierung und mit Aufnahmen, die Messi mit Kippa an der Klagemauer zeigen. Hashtags über einen «zionistischen Weltcup» kursierten; die israelische Fahne auf der Tribüne wurde zum Beweisstück.

Ein ägyptischer Einzelfall war das nicht. Nach Argentiniens 3:0 gegen Algerien hatte der algerische Journalist Mustafa Al-Muizzawi im Fernsehen erklärt, Messi werde von der «jüdischen Lobby» geschützt, die die Welt kontrolliere und mit ihr verfahre wie eine Mafia. Das amerikanische Blue Square Alliance Command Center registrierte im Fenster um das Spiel einen Anstieg der Konversationen zu jüdischen und israelbezogenen Themen um 330 Prozent.

Die Invasion von Ceuta als israelischer Racheakt

Am 30. Juli überquerten zwischen 50’000 und 60’000 Menschen aus Marokko die Grenze zur spanischen Exklave Ceuta, einer Stadt von rund 85’000 Einwohnern. Die meisten kamen schwimmend oder zu Fuss.

Binnen Stunden lag auch hier die Erklärung vor: Israel habe die Krise inszeniert, um Ministerpräsident Pedro Sánchez für seine Haltung im Gazakrieg zu bestrafen. Ali al-Qaradaghi, Präsident der Internationalen Union Muslimischer Gelehrter, schrieb, «zionistische Finger» könne er nicht ausschliessen. Hollywood-Star Javier Bardem, selbst ein Spanier, teilte auf Instagram einen Beitrag der Autorin Miranda Vidak, wonach von einem destabilisierten Spanien vor allem Israel profitiere. Der Verschwörungssender Alex Jones erklärte, Israel habe eine islamische Invasion Spaniens ausgelöst. 

Die Beiträge dieser Vertreter der Islamisten, der äussersten Rechten, der äussersten Linken und derProminenten-Szene waren alle im ähnliche Wortlaut verfasst. Das Antisemitism Research Center der Combat Antisemitism Movement zählte in 72 Stunden 173 reichweitenstarke Beiträge von 119 Konten mit 57,5 Millionen Views.

Erklärungen, die auf Fakten beruhten, gab es auch im Fall Ceuta –  bloss waren sie weniger spektakulär als antisemitische Verschwörungstheorien. So hatte der spanische Oberste Gerichtshof am 8. Juli entschieden, dass schwimmend ankommende Asylsuchende nicht summarisch zurückgewiesen werden dürfen. In den Netzwerken wurde daraus die Nachricht, die Grenze nach Ceuta stehe offen. Was folgte, ist bekannt.

Das alles hatte es schon einmal gegeben: Im Mai 2021 gelangten rund 9’000 Menschen nach Ceuta, nachdem die marokkanische Polizei ihre Kontrollen wegen des Streits um den in Spanien behandelten Polisario-Führer Brahim Ghali zwei Tage lang gelockert hatte. Das Europäische Parlament befasste sich in einer eigenen Resolution damit. Rabat hatte Migration also nachweislich als Druckmittel gegen Madrid eingesetzt. Ohne israelisches Zutun und im eigenen Interesse.

Der «Beweis» entsteht erst nach dem Urteil

Die Gemeinsamkeit der beiden Fälle von Atlanta und Ceuta liegt weniger in den Behauptungen an sich als vor allem in der Art, wie diese belegt wurden. In Atlanta wurde eine Enzyklopädie manipuliert. In Ceuta erfand ein Influencer eine Drohung Benjamin Netanyahus, Spanien werde den höchsten Preis zahlen; ausserhalb seines eigenen Beitrags existiert dieses Zitat nirgends, gesehen wurde es 2,7 Millionen Mal. Ein KI-generiertes Bild zeigte Netanyahu als Galionsfigur eines Bootes voller Migranten. Der «Beweis» für die angebliche israelische Verstrickung entstand also jeweils erst, nachdem das Urteil über die Schuld des jüdischen Staates bereits gefällt worden war. Doch er zirkulierte anschliessend, wie wenn er diesesbegründet hätte. Für einen versehentlichen Irrtum ist das zu planvoll.

Ein Muster mit Vorgeschichte

Die Vorstellung, Juden steuerten im Verborgenen Institutionen und Märkte, und nun eben Schiedsrichter und Videobeweis, ist nicht neu. Sie ist kanonisiert in der Fälschung der «Protokolle der Weisen von Zion», die in der arabischen Welt bis heute zirkuliert. Ägyptische Medien haben über Jahrzehnte Varianten davon verbreitet, von Ritualmordlegenden bis zur Behauptung, Israel setze Haie und Zugvögel zur Spionage ein. Vom Mossad-Hai zum zionistischen Schiedsrichter ist es kein weiter Weg.

Pogrome begannen historisch selten mit Gewalt. Am Anfang stand fast immer eine Erzählung, in der Juden für ein Unglück verantwortlich gemacht wurden. Ägypten ist dafür ein Lehrstück in eigener Sache. Am Balfour-Tag im November 1945 zogen aufgehetzte Menschenmengen durch Kairo, plünderten das jüdische Viertel und verwüsteten Synagogen; 1948 folgten Bombenanschläge auf das jüdische Quartier mit Dutzenden Toten. Damals lebten in Ägypten zwischen 75’000 und 80’000 Juden, eine Gemeinde älter als der Islam im Land. Nach 1948, und verschärft noch nach 1956 und 1967, wurde sie durch Enteignungen und Ausweisungen beseitigt. Heute lebt in Ägypten nur noch eine Handvoll Juden. Verloren hat das Land seine jüdische Bevölkerung nicht; es hat sie vertrieben.

Hätte es noch Juden in Ägypten – wäre es ein Blutbad geworden

Man stelle sich vor, was in der Nacht der WM-Niederlage gegen Argentinien geschehen wäre, gäbe es in Kairo oder Alexandria noch eine jüdische Gemeinde. Millionen hörten, die Juden hätten den Sieg gestohlen. Nach aller historischen Erfahrung wäre das für die dortigen Juden eine Nacht der Angst gewesen. Dass nichts geschehen ist, hat nicht mit einem Gesinnungswandel in der ägyptischen Gesellschaft zu tun, sondern dass die möglichen Opfer nicht mehr da sind. Die meisten von ihnen und ihre Nachkommen leben in Israel.

In Ceuta ist dies anders; dort leben immer noch 280 Sephardim, viele mit Wurzeln im marokkanischen Tetuan. Sie haben die Julitage erlebt wie ihre Nachbarn, mit überfüllten Stränden und Militär im Stadtbild. Draussen erfuhren derweil über hundert Millionen Menschen, dass Leute wie sie, also Juden, das Ganze eingefädelt hätten.

Weder die Juden noch ihr Staat, Israel, hatten mit der Niederlage von Ägypten im WM-Achtelfinal in Atlanta noch mit dem Flüchtlingsansturm auf Ceuta also auch nur das Geringste zu tun. Die Schuld wurde ihnen dennoch zugeschrieben. Die Antisemitismusforschung kennt dafür den Begriff des «Antisemitismus ohne Juden»: Es genügt die Vorstellung, dass es die Juden gewesen sein müssen. Atlanta und Ceuta sind die aktuellen Beispiele dafür, dass es sich so verhält. Und dies ist keine jüdische Verschwörungstheorie. 


Mohamed Diwan ist ein arabischer Politanalyst. Er lebt in der Schweiz.

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