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„Tod den Juden“ – und die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus schweigt

von Alfred Bodenheimer

«Free Palestine – Death to Zionism», so lautet die Parole der (bis jetzt offenbar nicht angemeldeten) Demonstration, die am kommenden Samstag auf dem Basler Theaterplatz abgehalten werden soll. Buchstäblich einen Steinwurf von dort entfernt wurde 129 Jahre zuvor der von Theodor Herzl einberufene Zionistenkongress abgehalten. Laut den Organisatoren ist der Moment gekommen, am selben Ort das Ende dieser Bewegung (und vor allem des daraus entstandenen Staates Israel) einzuleiten. Dass ein faktischer Vernichtungsaufruf zum offiziellen Motto einer Demonstration wird, ist neu und kann nicht anders denn als kalkulierte Grenzüberschreitung verstanden werden.

Die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus (EKR) lehnt eine Stellungnahme zu dieser Demonstration ab. Zu komplex sei die Lage, um in einem solchen Demonstrationsaufruf Antisemitismus zu diagnostizieren und anzuprangern, hat man Tamedia gegenüber verlauten lassen. Für die jüdische Bevölkerung Basels und der Schweiz ist dieses Wegschauen verheerend. Denn natürlich ist es nicht der Staat Israel, der primär in diesem mit Hamas-Dreieck versehenen Aufruf bedroht wird, sondern es ist die jüdische Bevölkerung der Region. Ihr wird immer drastischer erklärt, dass sie, solange sie die pure Existenz dieses Staates befürwortet, einer Kollaboration an Menschheitsverbrechen bezichtigt wird und folglich – denkt man den Aufruf zu Ende – todeswürdig ist.

Seit längerem schon ist das Schimpfwort «Zio» in gar nicht so begrenzten Kreisen das soziale Ausgrenzungswort schlechthin. Dass immer mehr jüdische Menschen in der Schweiz alles tun, um zu vermeiden, als jüdisch identifiziert zu werden, wird in der Breite der Gesellschaft weitgehend ignoriert oder, schlimmer, schulterzuckend in den ja praktisch störungsfrei verlaufenden Alltag eingepreist.

Fragte man die Demonstrierenden vom Theaterplatz, was eigentlich rund zweihundert jüdische Menschen aus ganz Europa 1897 dazu bewogen habe, die Zionistische Weltorganisation zu gründen, erhielte man vermutlich abenteuerliche Antworten zu Kolonialismus, Expansionismus und genozidalen Absichten. Tatsache ist, dass die Gründe ganz andere waren. Insbesondere nach der Dreyfus-Affäre 1894 in Frankreich, als die Verleumdung, Degradierung und Verbannung eines jüdischen Offiziers im freiheitlichsten Land Europas einen Sturm des Judenhasses freigesetzt hatte, verstand nicht nur Herzl, dass jüdisches Leben, bei allen gewährten Bürgerrechten, in der Diaspora nicht sicher war.

Selbst wenn radikal antizionistische linke jüdische Gruppen wie Doykait noch so kategorisch erklären, Zionismus und Judentum seien «zwei diametral entgegengesetzte Dinge», so ist der Zionismus aus nichts anderem entstanden als aus der Erkenntnis der Juden, dass auch eine nominelle bürgerliche Emanzipation nicht vor den Gefahren schützt, denen sie über Jahrhunderte ausgesetzt waren – und dass nur die Wiederherstellung des eigenen Staates sie wirkungsvoll vor Ausgrenzung und Verfolgung schützen kann. Die Shoah hat gelehrt, dass jüdische Menschen auch in Europa grundsätzlich mit allem, auch mit ihrer konkreten millionenfachen Vernichtung praktisch aus dem Nichts heraus, rechnen müssen. Das Einzige, was der jüdischen Bevölkerung hier Zuversicht geben kann, ist ein klares und entschlossenes Einstehen der Zivilgesellschaft für die Selbstverständlichkeit jüdischen Lebens (unabhängig von welcher Weltanschauung) in der Schweiz.

Derzeit erleben Juden hier das Gegenteil. Und wenn nun auch die EKR, die in sich die Zivilgesellschaft in ihren engagiertesten Elementen vertreten soll, bei Aufrufen zum «Tod des Zionismus» eine «zu komplexe» Lage sieht, um zumindest Einspruch zu erheben, nimmt sie es auf sich, das Sicherheitsgefühl einer Minderheit politischen Klügeleien zu opfern. Ganz ähnlich wie die Juden der Schweiz heute dürften sich westeuropäische Juden in den frühen Jahren des Zionismus gefühlt haben: Sie hatten zwar alle Rechte – aber wirklich verlassen konnten sie sich am Ende auf niemanden.


Alfred Bodenheimer ist Professor für Religionsgeschichte und Literatur des Judentums an der Universität Basel.

Aus dem E-Paper vom 26.08.2026

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