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Wahlen in die KnessetBenny Gantz: Der Ex-General, der Netanyahu zu viel vertraute und jetzt um sein politisches Überleben kämpft

Im Vorfeld der israelischen Parlamentswahlen vom 27. Oktober stellt FokusIsrael.ch die wichtigsten politischen Führungspersönlichkeiten des jüdischen Staates vor. Diese Woche: Benny Gantz von der Allianz «Blau-Weiss».

Von Jan Kapusnak

Benny Gantz trat im Dezember 2018 als der Mann in die israelische Politik ein, der daran war, Benjamin Netanyahu zu ersetzen. Acht Jahre später kämpft er lediglich darum, politisch zu überleben.

Als ehemaliger Chef der IDF und Verteidigungsminister brachte Gantz umfangreiche Sicherheitserfahrung und einen Ruf der Mässigung in die Politik mit. Doch er hat sich in entscheidenden Momenten politisch als naiv erwiesen. Er vertraute auf Vereinbarungen, die Netanyahu als taktische Manöver betrachtete, um sein eigenes politisches Überleben zu sichern. So traf Gantz fragwürdige Entscheidungen und liess sich wiederholt politische Chancen entgehen.

Gantz gründete 2018 die «Israel Resilience Party» (Israelische Widerstandspartei), die bald zum Kern der breiteren «Blau-Weiss»-Allianz wurde. Heute besetzt «Blau-Weiss» Israels politische Mitte und verbindet nationale Sicherheit mit liberalem Zionismus, Unterstützung demokratischer Institutionen und einer Präferenz für breite nationale Einheitsregierungen. 

Ausserdem befürwortet das Bündnis von Benny Gantz mehr Gleichberechtigung im Militär- und Zivildienst. Des Weiteren lehnt die Allianz sowohl die annexionistischen Ambitionen der extremen Rechten für das Westjordanland ab als auch die weitreichenderen territorialen Kompromisse der traditionellen Linken. Dennoch hat die Partei einen Grossteil ihrer Wahlattraktivität verloren, da andere in der politischen Mitte angesiedelte Parteibündnisse und deren Führer sie konkurrenzieren.

Vom General zum Herausforderer Netanyahus

Benny Gantz wurde 1959 in Kfar Ahim im Süden Israels geboren. Seine Mutter überlebte den Holocaust, nachdem sie im Konzentrationslager Bergen-Belsen inhaftiert gewesen war; sein Vater war aus Rumänien nach Israel eingewandert.

Gantz trat 1977 als Fallschirmjäger in die Israel Defense Forces IDF ein und verbrachte fast vier Jahrzehnte in Uniform. Er kommandierte die Fallschirmjägerbrigade, die Judäa-und-Samaria-Division sowie das Nordkommando, diente als Militärattaché in Washington und wurde 2011 Stabschef der IDF. In seine Amtszeit fielen die Militäroperation «Pillar of Defense» gegen Hamas im Jahr 2012 und die Operation «Protective Edge» in Gaza im Jahr 2014.

Als Gantz Ende 2018 in die Politik eintrat, war Israel wegen Benjamin Netanyahu, der die Politik des Landes ein Jahrzehnt lang dominiert hatte, tief gespalten. Die Opposition hatte wiederholt keinen Herausforderer hervorgebracht, der Wähler jenseits von Mitte-Links anziehen konnte. Gantz schien nun dieser Mann zu sein.

Vor der Wahl im April 2019 schloss sich seine Partei «Israel Resilience» mit Yair Lapids «Yesh Atid» und Moshe Ya’alons «Telem» zur Alllianz «Blau-Weiss» zusammen. Das Bündnis war bewusst breit gefasst. Das wichtigste einigende Prinzip war es, Netanyahu zu ersetzen und gleichzeitig ein sicherheitsorientiertes politisches Zentrum beizubehalten.

Die Strategie war zunächst erfolgreich. «Blau-Weiss» gewann im April 2019 35 Sitze im israelischen Parlament (Knesset), was dem Likud von Netanyahu entsprach. Doch eine Regierungsbildung scheiterte. Bei der anschliessenden Wahl im September 2019 gewann «Blau-Weiss» 33 Sitze gegenüber 32 für Likud und wurde damit zur grössten Partei in der Knesset. Gantz war innerhalb weniger Monate vom politischen Neuling zum Hauptherausforderer Netanyahus geworden. Dennoch konnte er nicht die parlamentarische Mehrheit zusammenstellen, die für eine Regierung nötig war.

Vereinbarung mit Netanyahu läutete seinen Niedergang ein

Die politische Krise von 2020 offenbarte Gantz‘ grösste Schwäche. Nach einer dritten, ergebnislosen Wahl war Israel politisch gelähmt und stand am Anfang der COVID-19-Pandemie. Gantz hatte wiederholt versprochen, nicht unter Netanyahu zu dienen, während jener strafrechtlich angeklagt war. Doch er änderte seinen Kurs und stimmte zu, mit ihm eine Notfall-Einheitsregierung zu bilden.

Vorgesehen war dabei ein Rotationsprinzip. Demnach sollte Netanyahu zunächst Premierminister bleiben, während Gantz Ersatzpremierminister und Verteidigungsminister wurde. Im November 2021 sollte Gantz ihn dann ersetzen. 

Diese Entscheidung zerstörte «Blau-Weiss». Lapid und Ya’alon weigerten sich, der Regierung beizutreten, und warfen Gantz vor, das zentrale Versprechen gebrochen zu haben, für das die Allianz geworben hatte.

Gantz verteidigte seinen Entscheid als Akt nationaler Verantwortung während einer Krise. Dies spiegelte ein wiederkehrendes Merkmal seiner Politik wider: Gantz neigt dazu, Kompromisse und institutionelle Stabilität als Tugenden zu betrachten, selbst wenn seine Gegner in erster Linie einen Machtkampf betreiben.

Netanyahu erwies sich dabei als der geschicktere Akteur. Die Regierungskoalition brach im Dezember 2020 zusammen, nachdem es nicht gelungen war, einen Staatshaushalt zu verabschieden. Das verhinderte die Rotation und Gantz wurde nie Premierminister.

Der politische Schaden war schwerwiegend. «Blau-Weiss» sackte von 33 Sitzen im Jahr 2020 auf nur acht Sitze bei den Wahlen im März 2021 ab. Viele Anti-Netanyahu-Wähler waren zum Schluss gekommen, dass Gantz zwar vertrauenswürdig war, aber nicht schlau genug, um Israels erfahrensten politischen Akteur zu konfrontieren. 

Der zentristische Verteidigungsminister

Dennoch überlebte er. Gantz blieb Verteidigungsminister in der breiten Koalition, die 2021 von Naftali Bennett und Yair Lapid gebildet wurde. Er verfolgte eine pragmatische Sicherheitspolitik, übte Druck auf Iran und seine regionalen Stellvertreter aus und unterstützte die strategischen Beziehungen, die durch die Abraham-Abkommen mit verschiedenen arabischen Ländern geschaffen wurden. 

Gantz traf auch den Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmoud Abbas. Er argumentierte, dass die Zusammenarbeit mit der palästinensischen Führung selbst ohne Fortschritte in Richtung eines endgültigen Friedensabkommens den israelischen Sicherheitsinteressen diente.

Die Position von Gantz gegenüber den Palästinensern spiegelt seinen breiteren Zentrismus wider. Gantz ist weder Befürworter einer sofortigen palästinensischen Staatlichkeit noch Befürworter einer dauerhaften Annexion des Westjordanlandes. Er befürwortet die Wahrung der israelischen Sicherheitsfreiheit und Handlungsfreiheit, will aber gleichzeitig die Möglichkeit zu einer politischen Trennung von den Palästinensern bewahren. Deshalb lehnt er das Annexionsprogramm ab, das mit Bezalel Smotrich und Teilen der Siedlerbewegung verbunden ist. Andererseits ist er bei territorialen Rückzugs-Angeboten deutlich vorsichtiger als die traditionelle israelische Linke.

Im Inland unterstützt Gantz die Unabhängigkeit der Justiz und lehnte Netanyahus Justizreform ab. Typischerweise beteiligte er sich jedoch auch an Verhandlungen mit der Regierung, um einen Kompromiss zu finden. Befürworter sahen darin, dass für Gantz die Verantwortung für das Land Vorrang hat. Kritiker warfen ihm vor, sich durch seine Verhandlungsbereitschaft erneut von Netanyahu über den Tisch ziehen zu lassen.

Der 7. Oktober und erneut Netanyahu

Das von der Hamas und ihren Gefolgsleuten in Gaza verursachte Massaker am 7. Oktober 2023 bot Gantz eine weitere politische Gelegenheit. Obwohl er einer von Netanyahus Hauptgegnern war, trat er kurz nach der Terrorattacke einer von Netanyahu geführten Notstandsregierung bei. Gemeinsam mit dem ehemaligen IDF-Stabschef Gadi Eisenkot wurde er Mitglied des kleinen Kriegskabinetts.

Die Entscheidung stärkte ihn zunächst dramatisch. In einem Moment nationaler Traumata wirkte Gantz erfahren, zurückhaltend und fokussiert auf den Krieg statt auf Parteipolitik. Monatelang zeigten Umfragen, dass sein Bündnis «National Unity» (Nationale Einheit) vor Netanyahus «Likud» lag. Doch die Vereinbarung führte zu einem alten Problem: Gantz teilte die Verantwortung für Regierungsentscheidungen, ohne die Gesamtstrategie zu kontrollieren.

Im Verlauf des Krieges wuchsen die Meinungsverschiedenheiten über die Geiseln, die zukünftige Verwaltung Gazas und Netanyahus Weigerung, eine klare Nachkriegsstrategie zu definieren. Im Mai 2024 stellte Gantz ein Ultimatum und forderte einen umfassenden Plan, der die Rückgabe der Geiseln, die Absetzung der Hamas, die Einrichtung einer alternativen Verwaltung in Gaza und die Normalisierung mit Saudi-Arabien umfasste.

Als Netanyahu seinen Forderungen nicht nachkam, trat Gantz im Juni 2024 aus der Regierung zurück und warf Netanyahu vor, Israel daran gehindert zu haben, den «wahren Sieg» zu erringen. Doch auch dieser Rücktritt erwies sich als politisch kostspielig. Kritiker warfen ihm vor, zu lange geblieben zu sein. Gantz selbst räumte 2026 ein, dass der Austritt aus der Notstandsregierung ein Fehler gewesen sei.

Von Eisenkot überholt

Der schwerwiegendere Schlag für Benny Gantz kam indessen aus seinem eigenen politischen Lager. Gadi Eisenkot, ein weiterer ehemaliger Stabschef der IDF, war vor der Wahl 2022 zu Gantz gestossen und sass später neben ihm im Kriegskabinett. Anfangs schienen die beiden Generäle sich zu ergänzen, doch als Gantz‘ Popularität nachliess, trat sein ehemaliger Partner zunehmend als eigenständige politische Figur hervor. Schliesslich zerbrach ihr Bündnis und Eisenkot gründete die Partei «Yashar» (Aufrichtig), die sich schnell als bedeutende Kraft im politischen Zentrum Israels etablierte.

Gemäss den jüngsten Wahl-Umfragen liegt Eisenkot mit «Yashar» derzeit vor Netanyahu und «Likud». Demgegenüber liegt Gantz mit «Blau-Weiss» noch weit unterhalb des Wähleranteils von 3.25 Prozent, den das Bündnis für den erneuten Einzug in die Knesset benötigt.

Denn Gantz sieht sich heute mit einer politischen Landschaft konfrontiert, die sich stark von jener der Wahlen 2019 unterscheidet. Heute konkurriert Eisenkot mit ihm um sicherheitsorientierte zentristische Wähler. Bennett und Lapid haben sich in «Together» (Zusammen) zusammengeschlossen. Yair Golans Demokraten haben einen Grossteil der zionistischen Linken gefestigt. Und Avigdor Lieberman hat eine säkulare rechtsgerichtete Wählerschaft hinter sich. 

Jene politischen Eigenheiten, die Gantz einst auszeichneten, bieten heute auch andere an: Bennett spricht moderate rechtsgerichtete Wähler an, Lapid hat eine loyale liberale Basis, und Eisenkot hat einen Grossteil des sicherheitsorientierten Zentrums erobert. Folglich gibt es kaum noch eine Wählergruppe, die nur Gantz anspricht und «Blau-Weiss», einst eine der beiden dominierenden Parteien Israels, kämpft um ihr Überleben.

Immer noch auf der Suche nach nationaler Einheit

Gantz verteidigt dennoch weiterhin das Prinzip, das einen Grossteil seiner politischen Laufbahn geprägt hat: nationale Einheit vor Parteipolitik. Im Januar 2026 sagte er, er sei bereit, in einer weiteren Regierung mit Netanyahu zu dienen, wenn dies eine Koalition verhindern würde, die von politischen Extremisten abhängt (wie derzeit Itamar Ben-Gvir und Bezalel Smotrich). Dies entspricht Gantz’ Überzeugung, dass Israels derzeitige innere Spaltungen zu einer Bedrohung der nationalen Sicherheit geworden sind und dass eine breite zionistische Koalition wieder Stabilität herstellen könnte.

Ganz hat auch eine klare Position zum haredischen Militärdienst eingenommen: Er lehnt Gesetze ab, die weitreichende Ausnahmen vom Militärdienst für ultraorthodoxe Männer enthalten. Er argumentiert, dass Israel die Last des Militärdienstes nicht weiterhin unverhältnismässig den anderen Teile der Gesellschaft aufbürden könne.

Doch seine anhaltende Offenheit für die Zusammenarbeit mit Netanyahu bleibt für Gantz politisch gefährlich. Viele Wähler, die ihn 2019 und 2020 unterstützten, haben das gescheiterte Rotationsabkommen nicht vergessen. Was Gantz als Verantwortung betrachtet, sehen sie als Unfähigkeit, aus Erfahrung zu lernen.

Ein General ohne Armee

Gantz‘ Niedergang ist tragisch, denn seine Qualifikationen sind weiterhin beeindruckend. Er diente als IDF-Stabschef, Verteidigungsminister, stellvertretender Premierminister und Mitglied des Kriegskabinetts. Zudem behielt er immer einen moderaten Politstil bei, der weitgehend frei von jenen ideologischen Provokationen ist, die im Allgemeinen zur israelischen Politik gehören.

Damit kam Benny Gantz einst nahe daran, Netanyahu vom Amt des Ministerpräsidenten zu verdrängen. Doch acht Jahre nach seinem Einstieg in die Politik geht es für den Ex-General nicht mehr darum, Netanyahu zu besiegen, sondern überhaupt in der Knesset zu bleiben.

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Jan Kapusnak ist Politanalyst und Autor. Er lebt in Tel Aviv.

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