2. Oktober 2026
Jude bleibt Jude – auch wenn er sich von Israel distanziert
Ob in den USA, in Deutschland oder in der Schweiz: Überall gibt es Juden, die sich vom Zionismus distanzieren und sich schützend vor jene stellen, die Israel vernichten wollen. Aber dies wird sie nicht retten. Das lehrt uns die Geschichte.
Von Sacha Wigdorovits
Max Naumann, geboren 1875, war ein jüdischer Rechtsanwalt in Berlin. Im Ersten Weltkrieg hatte er als Hauptmann in der deutschen Armee gedient und war mit dem Verdienstorden «Eisernes Kreuz» ausgezeichnet worden. 1921 gründete er den «Verband nationaldeutscher Juden», der ein Jahr später damit begann, eine gleichnamige Zeitschrift zu publizieren.
Unterstützung für Adolf Hitler – Kampf dem Zionismus
Nachdem Adolf Hitler und die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernommen hatten, sagte Naumann: «Wir nationaldeutschen Juden hätten es als ein nationales Unglück für Deutschland […] gehalten, wenn Hitler nicht die Geschicke des deutschen Volkes in die Hand genommen hätte.»
Naumann grenzte die «Deutschjuden» von den «Fremdjuden» ab. Zu den «Fremdjuden» gehörten für ihn insbesondere die Zionisten, die einen eigenen jüdischen Staat errichten wollten. «Zionisten und Jüdischnationale sind für uns Fremde, wie sie es für jeden anderen Deutschen sind», erklärte Naumann 1921. Zwar habe es unter den Zionisten «viele wahrhaft ehrliche und aufrichtige Menschen», schrieb er weiter. «Aber diese Erkenntnis entbindet uns nicht von der Pflicht, sie zu bekämpfen, wenn sie unsere deutschen Kreise stören wollen.»
Naumanns «Erben» feiern ihre Auferstehung
Etwas mehr als 100 Jahre später hat Max Naumann «würdige» Nachfolger gefunden. Im Gegensatz zu ihm stehen die allermeisten von ihnen zwar politisch links. Aber sie grenzen sich, genau wie er dies seinerzeit tat, vom Zionismus und damit vom Existenzrecht des jüdischen Staates Israel ab.
So warf vor kurzem der Schweizer Ableger der «Jüdische Stimme für Demokratie und Gerechtigkeit in Israel/Palästina» (JVJP) in seinem Newsletter Israel vor, in Gaza den «totalen Krieg» geführt zu haben. Damit bediente sich diese jüdische Organisation eines Begriffs, der eng mit der «Wollt ihr den totalen Krieg?»-Rede des deutschen Reichspropagandaministers Joseph Goebbels von 1943 verbunden ist. Ob dies den Autoren Rochelle Allebes und Guy Bollag nicht bekannt war oder ob sie sich wissentlich in die Nähe eines der grössten NS-Kriegsverbrecher stellten, ist unwesentlich. Fakt bleibt: Es ist abscheulich.
Nicht viel besser war die Kritik, die ein Jahr zuvor die ebenfalls jüdische Organisation Gescher an der Regierung des Kantons Zürich übte. Diese hatte sich geweigert, Kinder aus Gaza mit jeweils drei bis vier Begleitpersonen aufzunehmen, weil sie dies als Sicherheitsrisiko für die jüdische Bevölkerung des Kantons Zürich erachtete. Von Gescher musste sich die Zürcher Regierung sagen lassen, dies zeuge von einer «Haltung voll rassistischer Untertöne». Mit anderen Worten: Juden schützen zu wollen, ist rassistisch!
Von New York über Zürich bis Berlin fraternisieren Juden mit Antisemiten
Haltungen wie jene von JVJP und Gescher sind unter den Juden zwar nicht sehr weit verbreitet, aber überall im Westen gegenwärtig. So wurde der bekanntermassen antisemitische und israelfeindliche New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani im November 2025 auch mit vielen jüdischen Stimmen gewählt. Und zu den Unterstützern radikaler propalästinensischer Aktivisten an den amerikanischen Hochschulen gesellten sich immer wieder einzelne jüdische Gruppierungen.
In der Schweiz gab es dies ebenfalls. So zum Beispiel an der an der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK, wo sich das jüdische Kollektiv «Doykait» auf die Seite propalästinensischer Aktivisten stellte. Unbehelligt von der Schulleitung, dürfen diese seit dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 ihre israelfeindliche und antisemitische Propaganda betreiben und ihre jüdischen Kommilitonen drangsalieren.
Auch in Deutschland existieren Juden, die mit Antizionisten und Antisemiten fraternisieren. Als vor wenigen Wochen die Partei «Die Linke» die Wahlen in Berlin gewann, wurde sie anschliessend von 150 «Jüdinnen und Juden aus unterschiedlichen Milieus» in einem Brief gegen den Vorwurf des Antisemitismus verteidigt. Dies, obschon an der Wahlparty Sympathisanten von palästinensischen Terrororganisationen gesichtet wurden, es zahlreiche Belege für anti-israelische und antisemitische Äusserungen von Parteiexponenten gibt und die Partei selbst immer noch den längst widerlegten Vorwurf aufrechterhält, Israel habe in Gaza Völkermord begangen.
Unwissen, Naivität, Angepasstheit, Politik, Selbsthass
Es gibt unterschiedliche Gründe dafür, dass sich eine Minderheit von Juden öffentlich von Israel distanziert und schützend vor Antisemiten stellt oder diese sogar unterstützt. Bei den einen mögen Unwissen und Naivität mitspielen; das heisst, sie haben weder eine Ahnung von der Geschichte noch von den aktuellen Ereignissen oder interpretieren diese blauäugig. Bei anderen mag ein übergrosses Assimilationsbedürfnis den Ausschlag geben, nämlich in ihrer heute grösstenteils juden- und israelfeindlichen Umgebung nicht anzuecken. Wiederum andere grenzen sich aus politischen Gründen vom Zionismus und Israel ab – so wie seinerzeit Max Naumann. Und eine vierte Gruppe von Juden distanziert sich aus Selbsthass von Israel als Inbegriff des Jüdischen.
Unterschiedliche Gründe, aber dasselbe Resultat
Was auch immer die Gründe sind, das Resultat wird dasselbe sein: Wenn sie es können, dann werden die islamistischen und anderen Antisemiten diese «guten Juden» genauso verfolgen wie alle anderen. Diese Erfahrung musste auch Max Naumann machen – er wurde 1935 von der Gestapo festgenommen und durfte danach seinen Anwaltsberuf bis zu seinem Tod 1939 nicht mehr ausüben. Ähnlich war dies 450 Jahre zuvor den spanischen Juden ergangen: Ihr (grösstenteils erzwungener) Übertritt zum Katholizismus rettete die meisten von ihnen nicht vor der Verfolgung durch die Inquisition.
Meine unerfreuliche Botschaft an alle jüdischen «Antizionisten», die Israel denunzieren, lautet deshalb: «Am Schluss wird euch eure Solidarisierung mit unseren Gegnern nichts nützen.»
Beherzigt deshalb meinen Ratschlag und geht über die Bücher!
Ein passender Beginn wäre zum Beispiel das fünfte Buch Mose (Deuteronomium 20, 1-4): «Wenn du in einen Streit ziehst wider deine Feinde und siehst Rosse und Wagen und ein Volk, das grösser ist als du, so fürchte dich nicht vor ihnen.»
Sacha Wigdorovits ist Präsident des Vereins Fokus Israel und Nahost, der die Webseite fokusisrael.ch betreibt. Er studierte an der Universität Zürich Geschichte, Germanistik und Sozialpsychologie und arbeitete unter anderem als USA-Korrespondent für die SonntagsZeitung, war Chefredaktor des BLICK und Mitbegründer der Pendlerzeitung 20minuten.
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