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«Die Heuchler von Oslo»: Zur Verleihung des Friedensnobelpreises 2026

Von Markus Somm

Geschmackloser kann man sich kaum verhalten als das Nobelkomitee in Oslo, das besetzt von fünf Norwegern, darunter einem linken, sehr israelkritischen Vorsitzenden, es wenige Tage nach dem 7.Oktober fertigbringt, den Friedensnobelpreis an eine Südafrikanerin zu vergeben, die einen UNO-Bericht zu verantworten hat, der Israels Krieg gegen die Hamas in Gaza als «Genozid» bezeichnet.

Am 7. Oktober 2023 haben Terroristen der Hamas rund 1200 Israelis umgebracht. Das hat den Gazakrieg ausgelöst – es war nicht umgekehrt.

Er könne «ja gar nicht so viel fressen, wie er kotzen möchte», sagte einst der grosse deutsche Maler Max Liebermann, als die Nazis 1933 die Macht übernahmen, und denke ich an diese jüngste norwegische Heuchelei, geht es mir ähnlich, ohne die selbstgerechten Komiteemitglieder mit den Nazis vergleichen zu wollen.

Woher der Brechreiz? Norwegen kommt mir vor wie eine Hochburg der Scheinheiligkeit: Es ist ein Land, das zu einem wesentlichen Teil vom Erdöl lebt und gleichzeitig den Umstieg auf die E-Mobilität vorantreibt, als ginge es um einen Sündenerlass, den sich diese Lutheraner leisten, vielleicht weil sie nicht beichten können. Würde dasselbe Norwegen von heute auf morgen seine Erdölproduktion einstellen, was es ja in der Hand hätte: Das wäre ein wirksamerer Beitrag zur Eindämmung der fossilen Brennstoffe.

Es ist darüber hinaus ein Land, das im Zweiten Weltkrieg recht wacker mit den Nazis kollaboriert hat. Der norwegische Nazi-Ministerpräsident Vidkun Quisling bleibt bis heute in Erinnerung, weil sein Nachname zum Inbegriff des Anpassers geworden ist – was ja nicht von ungefähr kommt. Nach norwegischen Angaben kämpften natürlich alle Norweger im Widerstand, und Quisling regierte ganz allein mit ein paar deutschen Freunden.

Dass ein solches Land gerne andere verurteilt, ist psychologisch leicht zu verstehen. Und unter einem Genozid macht es neuerdings niemand, wenn es darum geht, Israels Regierung zu kritisieren, wobei man ja diese Unterscheidung selten vornimmt: Israelis sind Juden sind Zionisten sind Nazis. Die Opfer von einst sollen die Täter von heute sein. So weit haben wir christlichen Europäer es gebracht, um unser schlechtes Gewissen zu erleichtern: Man ist es leid, sich für die Verbrechen der Grosseltern zu entschuldigen, also macht man die Enkel der Opfer zu Verbrechern. So einfach ist das.

Zum Genozid. Selten ist dieser Begriff so unbekümmert, wenn nicht bösartig von seinem Sinn entkernt worden. Im Gazakrieg sind nach Angaben der Hamas rund 75’000 Palästinenser getötet worden, darunter befanden sich gemäss dem israelischen Militär etwa 25’000 Kämpfer, sprich: Terroristen. Ob die Israelis für alle diese Toten verantwortlich sind, muss offen bleiben, zumal die Hamas berüchtigt dafür ist, angebliche palästinensische Verräter zu Hunderten selber hinzurichten. 

75’000 Menschen – darunter Kinder und Frauen – das ist tragisch. Aber es herrscht Krieg, und in jedem Krieg sterben Unschuldige, das ist keine israelische Spezialität: Im Irak-Krieg der USA kamen je nach Studie 280’000 bis 315’000 Menschen um, davon galten rund 50’000 als Soldaten. Das Verhältnis von getöteten Zivilisten zu getöteten Militärs belief sich auf 5:1, in Gaza lautet es 2:1, bei den israelischen Angriffen gab es also im Verhältnis weniger zivile Opfer als bei den Amerikanern. An andere Experten des Todes, seien es Russen, Deutsche oder Japaner, wollen wir gar nicht denken.

75’000 Tote, das ist viel – aber von einem Genozid kann keine Rede sein, wenn wir davon ausgehen, was Genozid heisst: Ein Volk wird systematisch ausgerottet. Was geschah in Gaza? Wenn wir die dortige Bevölkerung vor dem 7. Oktober 2023 mit der Gegenwart vergleichen, dann ist sie von rund 2,2 Millionen auf schätzungsweise 2,1 Millionen gesunken, also um 100’000 Menschen; insgesamt entspricht das einer Abnahme von rund 5 Prozent. Zum Vergleich: In Polen lebten im Jahr 1939, bevor die Nazis kamen, 3,3 Millionen Juden. 1945 blieben davon rund 200’000 übrig. Das ist eine Abnahme um 90 Prozent. Das nennt man einen Genozid.


Markus Somm ist Chefredaktor des «Nebelspalters». Dieser Kommentar erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 12. Oktober 2026

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