23. Juni 2025
Rabbiner Jehoschua Ahrens schreibt Cédric Wermuth
Offener Brief eines Juden an Cédric Wermuth
Herr Wermuth (das „Sehr geehrter“ lass ich jetzt mal weg),
Sie haben mit vollem (emotionalen) Einsatz an der Gaza-Demo am 21. Juni in Bern gesprochen. Sicher, es gab viele Demonstranten, die nur mit bester Absicht gekommen sind. Die sich Frieden wünschen, die hoffen, dass es den Menschen in Gaza bald besser geht. Das alles möchte ich übrigens auch.
Leider bestand ein grosser Teil der Demo nicht aus Menschen, die sich für Frieden, Freiheit und Menschlichkeit einsetzen. Es war eine toxische Menge aus radikalen Islamisten und militanten Linken, aus Mullah-Unterstützern und Terrorverherrlichern, die ihre Ansichten auch keineswegs verheimlichten und meines Erachtens auch keine kleine Minderheit auf der Demo war. Mit massenweisen Iran-Fahnen (des Mullahregimes wohlgemerkt), roten Hamas-Dreiecken, Fahnen und Transparenten, die Terror als Widerstand verherrlichten, der Dämonisierung von Israel als Nazi- und Terrorstaat – inklusive einem Schoah-Vergleich mit Täter-Opfer-Umkehr, der für mich als Jude besonders unerträglich war, wie Sie sich vorstellen können (oder auch nicht) – und dem Verbrennen einer Israel-Fahne ausgerechnet vor dem Kindlifresserbrunnen (Sie kennen die antisemitische Geschichte dieses Brunnens?) neben dem Münster (Sie kennen die antisemitische Geschichte des Grabes von Rudolf von Bern, der im Mittelalter in dieser Kirche begraben wurde?). Antisemitische Slogans wurden offen gerufen, ebenso die Lobpreisung des radikal-islamistischen Regimes im Iran, der «uns stolz machen» und des Jemen, der noch «ein weiteres Schiff» umdrehen soll. Ein Eingreifen der Ordner gab es nicht, obwohl das alles eindeutig gegen den eigenen Verhaltenskodex verstiess.
Spätestens mit all diesen Unerträglichkeiten hätte jeder anständige Mensch, dem es ein echtes und völlig legitimes Anliegen ist, für Frieden und Menschlichkeit zu demonstrieren, diesen Aufmarsch verlassen müssen. Für mich persönlich war es völlig absurd eine Regenbogenfahne und Feministinnen neben der Iran-Fahne zu sehen, also einem Land, in dem ebenjene Menschen für ihre sexuelle Orientierung hingerichtet werden, in dem Frauen brutal unterdrückt werden – oder eine Friedensfahne neben Transparenten mit der Verherrlichung von Gewalt und dem Skandieren von «Mit unserem Blut werden wir Gaza ». Trotzdem sind Sie geblieben – umso merkwürdiger, da Sie doch noch vor zweieinhalb Jahren auf demselben Platz standen und unter dem Ruf von «Frau – Leben – Freiheit» eine Wende der Schweizer Iran-Politik forderten. Schon alles vergessen?
Stattdessen hielten Sie Ihre Rede, unter anderem vor einer sehr präsenten Fahne des PFPL, quasi direkt vor ihrem Rednerpult. Die PFPL ist nicht nur eine Terrororganisation (quasi weltweit, ausser in der Schweiz), sondern war auch aktiv am 7. Oktober 2023 beteiligt und kämpft mit der Hamas für die Auslöschung des Staates Israel. Berühmt wurden die PFPL auch durch die Entführung von Schweizer Flugzeugen und einem Anschlag in Kloten. In Ihrer Rede sagten Sie, dass Sie die Neutralität der Schweiz satthaben und der Bundesrat endlich die Wahrheit sagen solle. Heisst das, dass der Bundesrat bisher gelogen hat? Der Bundesrat, in dem Ihre Partei doppelten Einsitz hat? Was meinen Sie hier genau? Sie äusserten die Meinung, dass sich die Regierung zu wenig um die Palästinenser kümmere. Ich persönlich habe den Eindruck, sie macht viel mehr für die Palästinenser als zum Beispiel für die 25 Millionen Menschen im Sudan, die dringend Hilfe brauchen oder den Millionen Binnenflüchtlingen in Kamerun, ganz zu schweigen von den Uiguren in China, den Rohingya in Myanmar oder last but not least den Menschen im Iran. Warum eigentlich?
Für die israelische Regierung fanden Sie klare Worte, sie sei eine Regierung von Kriegsverbrechern, die auch so behandelt gehöre und prangerten deren genozidale Handlungen an, wie Sie es nannten. Kein Wort darüber, warum es eigentlich den Israel-Gaza-Konflikt gibt, über den schrecklichen Terrorangriff des 7. Oktober 2023, kein Wort über die Hamas und deren Ideologie und Unterdrückung der eigenen Bevölkerung schon lange vor dem jetzigen Krieg, kein Wort zu den Geiseln, etc. Sie sagten halt das, was die Demonstranten hören wollten. Das ist aber scheinheilig und keine Haltung.
Zuletzt stellten Sie emotional die Frage, was Sie antworten, wenn Ihre Tochter Sie in Jahren fragt, wie Sie gehandelt haben und Sie wollen daher «auf der richtigen Seite der Geschichte» stehen. Lassen Sie mich Ihrer Tochter antworten: Nein, Dein Vater war nicht auf der richtigen Seite. Ihm war es egal, wer an dieser Demo war, er hat aus Opportunismus nichts gegen die Verstösse des Verhaltenskodexes gemacht, sondern gesagt, was die Menge hören wollte, und hat damit auch in Kauf genommen, dass meine Tochter, wenn sie ins jüdische Jugendzentrum geht, weiterhin an schwer bewaffneten Polizisten vorbeigehen muss, dass jüdische Schülerinnen und Schüler hier in Bern und überall gemobbt werden, dass Jüdinnen und Juden physisch angegriffen werden und Angst haben müssen ihr Jüdischsein zu zeigen – nur, damit er vielleicht ein paar Wählerstimmen mehr bekommt.
Grüsse,
Jehoschua Ahrens
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