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Die wirtschaftlichen Verflechtungen der arabischen Welt mit Israel

Von Mohamed Diwan

Um die Dynamik der arabisch-israelischen Wirtschaftsbeziehungen zu verstehen, muss man zunächst das Ausmass des israelischen Erfolgs begreifen. Israel, ein Land mit weniger als zehn Millionen Einwohnern, ohne nennenswerte natürliche Ressourcen, in einer feindlichen geographischen Umgebung gelegen und durch permanente Sicherheitsbedrohungen belastet, hat eine der dynamischsten Volkswirtschaften der Welt aufgebaut. Das Pro-Kopf-Einkommen Israels übertrifft das vieler europäischer Staaten; das Land verfügt über die höchste Dichte an Start-up-Unternehmen weltweit und investiert einen grösseren Anteil seines BIP in Forschung und Entwicklung als jede andere Nation.

Dan Senor und Saul Singer haben in ihrem einflussreichen Werk „Start-up Nation“ die Faktoren analysiert, die diesen Aufstieg ermöglichten. Die obligatorische Militärzeit schafft nicht nur ein Netzwerk, sondern fördert eine Kultur der flachen Hierarchien und der Improvisation – jene Chutzpah,[1] die in der israelischen Geschäftskultur sprichwörtlich geworden ist. Die massive Einwanderung hochqualifizierter Wissenschaftler und Ingenieure aus der ehemaligen Sowjetunion in den 1990er Jahren lieferte einen beispiellosen Humankapitalschub. Israels Universitäten – das Technion, die Hebräische Universität, das Weizmann-Institut – gehören zu den produktivsten Forschungseinrichtungen der Welt.

Entscheidend ist jedoch ein Punkt, den der Historiker Bernard Lewis in seiner vergleichenden Analyse nahöstlicher Zivilisationen herausgearbeitet hat: Israels Erfolg beruht nicht auf materiellen Ressourcen, sondern auf institutionellen Strukturen. Rechtsstaatlichkeit, Eigentumsschutz, akademische Freiheit, eine unabhängige Justiz, demokratische Rechenschaftspflicht und eine Kultur des intellektuellen Widerspruchs: All dies sind Voraussetzungen für nachhaltiges wirtschaftliches Wachstum. Voraussetzungen, die Israel in einer Region aufgebaut hat, in der sie ansonsten weitgehend fehlen.

Im Bereich der Hochtechnologie hat Israel Massstäbe gesetzt, die weltweit Beachtung finden. Israelische Unternehmen dominieren Sektoren wie Cybersicherheit, Agrartechnologie, Medizintechnik und Wasserdesalinierung. 

Die Tropfbewässerungstechnologie, die in Israel entwickelt wurde, hat die globale Landwirtschaft revolutioniert. Israelische Cybersicherheitsfirmen sichern die digitale Infrastruktur von Regierungen und Konzernen weltweit. Und die Fähigkeit Israels, in der Negev-Wüste Landwirtschaft zu betreiben, ist nicht weniger als ein technologisches Wunder, das seinen Nachbarn in der arabischen Welt, die unter vergleichbaren klimatischen Bedingungen leben, nicht entgangen ist.

 

Das arabische Gegenstück: Reichtum ohne Entwicklung

Die arabische Welt verkörpert das pure Gegenteil von Israel, wie der jüdische Historiker Dan Diner in seinem bedeutenden Werk „Versiegelte Zeit: Über den Stillstand in der islamischen Welt“  eindringlich beschrieben hat. Diner argumentiert, dass die arabisch-islamische Welt in einer „versiegelten Zeit“ lebt – einem Zustand kultureller und institutioneller Erstarrung, der wirtschaftliche Modernisierung fundamental behindert.

Die Zahlen sprechen auch hier für sich: Die arabischen Staaten haben eine  Bevölkerung von insgesamt über 400 Millionen Menschen und besitzen mehr als die Hälfte der weltweiten Erdölreserven. Doch ihr gemeinsames BIP liegt gemäss den UNDP Arab Human Development Reports zufolge kaum über jenem eines mittelgrossen europäischen Staates. Die gesamte arabische Welt exportiert weniger Industrieprodukte als Finnland. Die Zahl der jährlich ins Arabische übersetzten Bücher liegt unter der Zahl der jährlich ins Griechische übersetzten. Die Investitionen in Forschung und Entwicklung sind vernachlässigbar, die Patentzahlen marginal.

Dan Diner identifiziert mehrere strukturelle Ursachen für diese Stagnation. Die Sakralisierung der arabischen Sprache erschwere die Herausbildung einer modernen wissenschaftlichen Fachsprache. Die Rentenökonomie der Ölstaaten schaffe eine „Allokationsmentalität“, in der Reichtum verteilt statt erwirtschaftet wird – was jede unternehmerische Initiative im Keim erstickt. Die autoritären Strukturen arabischer Staaten verhinderen jene kreative Zerstörung, die nach Joseph Schumpeter das Wesen kapitalistischer Dynamik ausmacht. Und der arabisch-islamische Gesellschaftsvertrag, der auf Loyalität gegenüber der Gruppe und Unterwerfung unter die Autorität beruht, sei fundamental inkompatibel mit den Anforderungen einer wissensbasierten Ökonomie, die individuelle Initiative, Risikobereitschaft und kritisches Denken voraussetzt, schreibt Diner.

Bernard Lewis hat diesen Befund in seinen Werken „What Went Wrong?“  und „The Crisis of Islam“ historisch untermauert. Die arabisch-islamische Welt, so Lewis, habe seit dem Ende ihrer goldenen Epoche im Mittelalter einen kontinuierlichen Niedergang erlebt, der durch die Weigerung beschleunigt wurde, die Errungenschaften anderer Zivilisationen – insbesondere des Westens – zu adaptieren. Während Japan, China und andere asiatische Gesellschaften im 19. und 20. Jahrhundert westliche Technologien und Institutionen übernahmen und transformierten, verharrte die arabische Welt in einer Haltung der Ablehnung – der Unfähigkeit, vom Anderen zu lernen, weil dies als Eingeständnis eigener Schwäche interpretiert wird.

Fouad Ajami, der libanesische Politikwissenschaftler, hat in „The Arab Predicament“ diese Analyse mit einer psychologischen Dimension ergänzt. Die arabische Welt, so Ajami, leide unter einer kollektiven Kränkung, die sich aus dem Zusammenprall zwischen dem Selbstbild einer großen Zivilisation und der Realität politischer Ohnmacht und ökonomischer Rückständigkeit speise. Israel, das in diesem Narrativ als westlicher Fremdkörper in der arabischen Welt fungiert, wird zum Symbol dieser Kränkung – nicht nur als politischer Feind, sondern auch als lebender Beweis für das eigene Versagen.

 

Die Ökonomie des Neides

Die psychologische Dimension der arabisch-israelischen Beziehung wird in der akademischen Literatur häufig unterschätzt, ist aber für das Verständnis der ökonomischen Verflechtungen zentral. Israel ist in arabischen Augen nicht einfach ein Staat unter vielen – es ist ein permanenter Vorwurf. Ein Land, das unter denkbar widrigsten Bedingungen exakt jene Entwicklung vollzogen hat, welche die arabische Welt trotz – und teilweise auch: wegen – ungleich günstigerer Ausgangsbedingungen bisher nicht geschafft hat.

Wenn Saudi-Arabien seine „Vision 2030“ formuliert, wenn die Vereinigten Arabischen Emirate sich als Innovations-Hub positionieren, wenn Bahrain auf Finanztechnologie setzt – dann ist das unausgesprochene Vorbild stets Israel. Die Ironie ist kaum zu übersehen: Arabische Staaten versuchen, exakt jenes Modell zu replizieren, das ihr erklärter Feind vorlebt. Mohammed bin Salmans Projekt NEOM – eine geplante Hightech-Stadt in der saudischen Wüste – ist nichts anderes als der Versuch, ein arabisches Tel Aviv zu schaffen, ohne dies jemals offen einzugestehen.

Diese Dynamik lässt sich mit dem Konzept des Ressentiment des Philosophen Max Scheler erhellen: ein Neid, der sich nicht in produktive Nachahmung, sondern in aggressive Ablehnung verwandelt – und dennoch, gleichsam durch die Hintertür, zur Übernahme dessen führt, was offiziell verachtet wird. Die arabische Welt lehnt Israel politisch ab, während sie stillschweigend dessen wirtschaftliches Modell studiert, dessen Technologien importiert und dessen Expertise nutzt.

 

Ökonomische Verflechtungen

Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen arabischen Staaten und Israel bilden ein Geflecht, das offiziell nicht existiert und dennoch substanziell ist. Sie lassen sich in mehrere Kategorien unterteilen.

Die Abraham Accords von 2020 markierten einen Wendepunkt, indem sie die bislang verdeckten Beziehungen zwischen Israel und mehreren Golf- sowie weiteren arabischen Staaten – den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain, Marokko und Sudan – formalisierten. Doch die ökonomischen Kontakte reichen weit tiefer und weiter zurück. Bereits in den 1990er Jahren, nach den Osloer Abkommen, eröffneten Katar und Oman Handelsvertretungen Israels. Israelische Geschäftsleute reisten unter Tarnung in Golfstaaten; arabische Unternehmer besuchten diskret israelische Technologiemessen. Auch saudische Unternehmer pflegen schon seit langem Geschäftsbeziehungen mit israelischen Geschäftsleuten. Natürlich nicht direkt, sondern beispielsweise mittels Treffen in London und Importen von dort aus. 

Im Bereich der Sicherheitstechnologie sind die Verflechtungen besonders dicht. Israelische Überwachungssoftware – allen voran Pegasus der NSO Group – wurde nachweislich von Saudi-Arabien, den VAE, Bahrain und Marokko eingesetzt. Arabische Autokratien nutzen israelische Technologie, um ihre eigenen Bürger zu überwachen.

In der Landwirtschaft und Wassertechnologie ist Israel zum unverzichtbaren Partner geworden. Jordanien bezieht, das Friedensabkommen von 1994 nutzend, israelische Expertise in der Wasseraufbereitung und Bewässerungstechnologie. Die Golfstaaten, die mit denselben Herausforderungen der Wüstenlandwirtschaft konfrontiert sind wie Israel, nutzen israelische Tropfbewässerungs- und Wasserentsalzungstechnologien, häufig über Zwischenhändler in Europa oder Asien beschafft, um den direkten Kontakt zu vermeiden.

Im Energiesektor haben die Gasfunde im östlichen Mittelmeer – das Leviathan- und das Tamar-Feld – Israel zum potenziellen Energieexporteur gemacht und neue Abhängigkeiten geschaffen. Jordanien und Ägypten beziehen bereits israelisches Erdgas, was eine strukturelle ökonomische Abhängigkeit begründet, die politisch kaum noch rückgängig zu machen ist. Das 2016 unterzeichnete Gasabkommen zwischen Israel und Jordanien über 10 Milliarden Dollar symbolisiert diese neue Realität.

Im Bereich Gesundheit und Medizintechnik suchen wohlhabende Araber regelmäßig israelische Krankenhäuser auf. Die Hadassah-Krankenhäuser in Jerusalem und das Sheba Medical Center in Tel Hashomer behandeln Patienten aus der gesamten Region, darunter auch aus Ländern, die Israel offiziell nicht anerkennen. Israelische Medizintechnikprodukte – von bildgebenden Verfahren bis zu Operationsrobotern – finden über Umwege ihren Weg in arabische Krankenhäuser.

Der Finanzsektor bildet ein weiteres Bindeglied. Nach den Abraham Accords haben israelische und emiratische Banken Kooperationsabkommen geschlossen. Investmentfonds aus den Golfstaaten beteiligen sich – teils direkt, teils über internationale Vehikel – an israelischen Technologieunternehmen. Die Start-up-Szene von Tel Aviv ist für arabische Investoren zu einem Magneten geworden, der die politischen Vorbehalte überwiegt.

 

Zwischen Bewunderung und Verdrängung

Die arabische Wahrnehmung des israelischen Wirtschaftserfolgs ist ein Geflecht aus Bewunderung, Neid, Verleugnung und gelegentlicher Nachahmung. In den sozialen Medien der arabischen Welt – jenem Raum, der weniger der staatlichen Zensur unterliegt – finden sich zunehmend Stimmen, die Israels Entwicklungsmodell offen diskutieren und die eigenen Regierungen am israelischen Massstab messen.

Arabische Intellektuelle wie der kuwaitische Kolumnist Ahmad al-Sarraf oder der saudische Journalist Turki al-Hamad haben öffentlich die Frage gestellt, warum die arabische Welt trotz ihrer Ressourcen nicht in der Lage sei, das zu leisten, was Israel mit einem Bruchteil dieser Ressourcen erreicht habe. Diese Stimmen bleiben Minderheitspositionen, aber ihre blosse Existenz deutet auf einen Bewusstseinswandel hin, der sich nicht mehr vollständig unterdrücken lässt.

Auf der Ebene der Regierungen ist die Haltung pragmatischer, als die öffentliche Rhetorik vermuten lässt. Mohammed bin Zayed, der Präsident der VAE, hat in seiner strategischen Vision die Notwendigkeit erkannt, von Israel zu lernen – eine Erkenntnis, die in den Abraham Accords ihren formalen Ausdruck fand. Saudi-Arabiens Mohammed bin Salman hat trotz der offiziellen Nichtanerkennung Israels über informelle Kanäle enge Sicherheits- und Technologiekooperationen aufgebaut. Die Botschaft ist klar: Der ökonomische Pragmatismus überwiegt die ideologische Feindschaft, auch wenn dies nicht offen ausgesprochen wird.

Bassam Tibi, der deutsch-syrische Politikwissenschaftler, hat in seiner Arbeit zum politischen Islam argumentiert, dass die islamistische Ablehnung Israels auch eine Ablehnung der Moderne selbst sei – und dass die arabische Welt erst dann ihren Rückstand überwinden könne, wenn sie bereit sei, die Moderne als solche anzunehmen, anstatt sie als westlich-zionistische Verschwörung zu denunzieren. Israels Existenz zwingt die arabische Welt zu einer Auseinandersetzung mit sich selbst, die sie lieber vermeiden würde.

Tibis Diagnose lässt sich radikaler formulieren, als er selbst es tut: Israel ist nicht das Problem der arabischen Welt, Israel ist ihr Spiegel. Die ökonomischen Beziehungen – heimlich gesucht, öffentlich geleugnet – offenbaren keinen Konflikt zwischen zwei Parteien, sondern jenen Konflikt der arabischen Welt mit der Moderne, den Tibi als Kern der islamistischen Ablehnung identifiziert hat. 

Der Tag, an dem die arabische Welt Israel nicht mehr als Bedrohung, sondern als Massstab akzeptiert, wird nicht das Ende des Konflikts markieren – sondern das Ende der Selbsttäuschung. Und das wäre, in einer Region, deren politische Ordnung auf der Verwaltung kollektiver Illusionen beruht, die eigentliche Revolution.

Mohamed Diwan ist ein arabischer Politanalyst  


[1] Chuzpe (aus dem Jiddischen, ursprünglich Hebräisch ḥuṣpāh) bedeutet auf Deutsch: Unverschämtheit, Dreistigkeit, Frechheit – aber auch bewundernswerte Kühnheit.

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