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Die Presse, Interview mit Ahmad Mansour: «Israel agiert gerade völlig ohne Plan»

Der Psychologe und Extremismus-Experte Ahmad Mansour wirft Israel gravierende militärische und kommunikative Fehler im Gaza-Krieg vor, kritisiert Netanjahus politische Strategie und warnt vor einer voreiligen Anerkennung Palästinas. Die Besiegung der Hamas sei kaum möglich – entscheidend sei eine Perspektive für die Menschen in Gaza. 

Ahmad Mansour sieht Israels Vorgehen in Gaza seit der letzten Geiselbefreiung im Frühjahr als planlos und strategisch unklar. Zwar verstehe er den Versuch, Hilfslieferungen anders als über UN-Organisationen zu organisieren – um Hamas’ Missbrauch zu verhindern –, doch seien die neuen Wege «nicht zu Ende gedacht». Militärisch und diplomatisch fehle ein klares Ziel, und im Propagandakrieg habe Israel «völlig versagt». Die Regierung behindere unabhängige Berichterstattung, habe ihr Aussenministerium «zerstört» und handele, als könne man Kriege allein mit Panzern gewinnen, ohne die Bedeutung sozialer Medien zu verstehen.

Zur Politik Netanjahus sagt Mansour, dieser orientiere sich an Trump, denke an den nächsten Wahlkampf und ignoriere europäischen Druck. Eine Zwei-Staaten-Lösung sei langfristig unausweichlich, derzeit aber verfrüht – eine Anerkennung Palästinas würde «die Hamas nach ihrem Terror des 7. Oktober belohnen». Vorrangig sei der Aufbau demokratischer Strukturen in Gaza und im Westjordanland.

Mansour lehnt Umsiedlungsfantasien rechter israelischer Politiker ab und fordert stattdessen Infrastruktur, Bildung ohne Hasspredigten und ein funktionierendes Gesundheitssystem vor Ort. Die Hamas könne als Ideologie nicht vollständig besiegt werden; ohne Alternativen werde Israel den Krieg nicht gewinnen. Netanjahu sei «politisch am Ende», mit Ministern wie Ben-Gvir und Smotrich gebe es keine Verhandlungsbereitschaft. Hoffnung setzt Mansour auf eine Nachfolgeregierung und die Einbindung arabischer Staaten in einen Versöhnungsprozess.

Vollständiges Interview (Bezahlschranke)

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