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Alles klar! Israelkritiker Nemo stammt aus einer Nazi-Familie

Der frühere Schweizer Eurovision Song Contest-Gewinner Nemo hat immer wieder zum Boykott gegen Israel aufgerufen. Jetzt ist klar: Mit seinem Hass auf den jüdischen Staat ist er erblich vorbelastet. Seine Vorfahren unterstützten Hitler und einer von ihnen diente sogar in der Waffen-SS.

Von Christoph Mörgeli

Letzten Monat hat die «musizierende Person» Nemo Mettler die Siegertrophäe vom Eurovision Song Contest (ESC) aus Protest gegen die Teilnahme Israels am diesjährigen Wettbewerb in Wien zurückgegeben. Auf Instagram beschuldigte Nemo Israel des «Völkermords». Der Grossanlass sei wiederholt dazu benutzt worden, das Image des Staates Israel «aufzupolieren, dem schweres Fehlverhalten vorgeworfen wird, während die Organisatoren gleichzeitig beteuerten, der Wettbewerb sei unpolitisch». 

Bezüglich der nächsten Durchführung des ESC meinte er zur Teilnahme Israels: «Ich begrüße den Entscheid von jenen Ländern, die sich dem Boykott angeschlossen haben.» Dabei betont Nemos eine Werte wie «Einheit», «Inklusion» und «Würde für alle Menschen» – wobei er allerdings israelische Sänger aus der Menschheit aussortiert.

«Immer stärker in Schwarz-Weiss»

Wenn es Nemo tut, darf man es alles wieder sagen. Und sämtlichen Israelis wird eine Kollektivschuld am Gaza-Krieg angehängt. Drei Tage nach Nemos Ankündigung massakrierten zwei islamistische Terroristen in Australien fünfzehn Juden und verletzten vierzig weitere schwer. Schon im Vorfeld der Basler ESC-Veranstaltung hatte Nemo 2025 in der «Huffington Post» den Ausschluss Israels – am ESC vertreten durch eine Überlebende des Hamas-Massakers – gefordert. Auf die Frage, ob er zu diesem Thema eine Meinung habe, antwortete Nemo: «Ich persönlich finde es unsinnig, dass Israel an diesem Eurovision Song Contest teilnimmt. Und überhaupt am Eurovision Song Contest.»

Schon nach seinem ESC-Sieg in Malmö wandte sich der Schweizer ab, als die auf der Bühne ausgebuhte israelische Sängerin Eden Golan ihm gratulieren wollte. Kurz vor dem Auftritt kritisierte Nemo gemeinsam mit anderen ESC-Künstlern die «gegenwärtige Situation in den besetzten palästinensischen Gebieten (vor allem in Gaza) und in Israel». Später hat er sich auf Instagram verschiedentlich für Palästina starkgemacht. Es wurde berichtet, Nemo habe sich schon 2024 hinter den Kulissen für einen Ausschluss Israels am Wettbewerb engagiert.

Eigentlich hätte niemand damit gerechnet, dass Nemo die musikalische Bühne für politische Stellungnahmen benutzt. Ähnliches ist weder von Beatrice Egli noch von Luca Hänni bekannt. Nemo Mettler ist sich aber ganz sicher: «Ich glaube nicht, dass irgendetwas auf der Welt unpolitisch sein kann.» Der Gaza-Krieg beschäftigte ihn stark («weil ich mich mega fest mit dem Thema auseinandergesetzt habe»). Dem «Magazin» vertraute der Bieler Sänger an: «Eine Sache hat mir im letzten Jahr schon zu denken gegeben: dass wir – auch ich! – immer stärker in Schwarz-Weiss denken.»

«Ein Hakenkreuzlein eingestickt»

Dass sich gerade der Nahostkonflikt nicht in holzschnittartigem Schwarz und Weiss abhandeln lässt, scheint Nemo aber nicht einzufallen. Dabei gibt es gerade bei diesem Thema eine ganze Palette von Grau- und Zwischentönen. Etwas mehr Sensibilität beim Thema Boykott jüdischer Künstler und des jüdischen Staates Israel würde sich speziell angesichts von Nemos Familiengeschichte aufdrängen. Wenn sich Nemo mit seinen vielen Fans und als international gehörte Stimme zum Nahostkonflikt einbringt, muss er sich bewusst sein, dass die Existenz des Staates Israel mit dem Genozid an den Juden zusammenhängt. Und er müsste die Geschichte seiner Familie berücksichtigen, die den Nationalsozialismus intellektuell, aktiv und finanziell unterstützt hat, also jene mörderische Ideologie, die diesen Genozid erst ermöglichte. 

Weil Nemo diese Vergangenheit ignoriert, muss er sich den Vorwurf der heuchlerischen Oberflächlichkeit gefallen lassen. Oder den noch schlimmeren Vorwurf, er setzte eine unheilvolle Familientradition fort. Über diese müsste der politisierende Nemo eigentlich Bescheid wissen, denn sie ist öffentlich bekannt. Mit der St. Galler Unternehmerfamilie Mettler, welcher Nemo angehört, haben sich nämlich schon längst namhafte Historiker auseinandergesetzt, besonders unermüdlich ein gewisser Niklaus Meienberg.

Direkter Vorfahre von Nemo Mettler ist der Textilindustrielle Arnold Mettler aus St. Gallen, verheiratet mit der Kaufmannstochter Elsa Specker und gesegnet mit fünf Kindern. Ursprünglich aus dem Toggenburg stammend, gehörten die Mettlers dank der Produktion und dem Handel von feinem Gewebe für die Stickerei-Industrie rasch zu den führenden Kreisen der Stadt. Sie wohnten in der Villa «Freia» am vornehmen Rosenberg, umgeben von einer wertvollen Kunstsammlung, einem Tennisplatz und mehreren Reitpferden. 

Immer schon germanophil ausgerichtet, fanatisierte sich das Ehepaar Mettler-Specker zu glühenden Bewunderern des Nationalsozialismus. Schliesslich nannte der Volksmund den Unternehmer nur noch «Hitler-Mettler». Er sass im Verwaltungsrat der faschistischen «Neuen Basler Zeitung», die später vom Bundesrat verboten wurde. Genau wie dieses Blatt hat Mettler-Specker rechtsextreme Gruppierungen, etwa die «Nationale Front», den «Bund treuer Eidgenossen» sowie die «Eidgenössische Soziale Arbeiterpartei», finanziell unterstützt.

Seine Gattin Elsa Mettler-Specker engagierte sich für die bürgerliche Frauenbewegung, wirkte über viele Jahre als Präsidentin der St. Galler Frauenzentrale und war Vorstandsmitglied des Bundes Schweizerischer Frauenvereine. Ab 1935 fand auch sie anstelle ihres christlichen Glaubens in der nationalsozialistischen Weltanschauung einen neuen Lebensinhalt. So verweigerte sie sich einer Sammelaktion der Schweizer Frauenorganisationen zugunsten jüdischer Flüchtlinge mit der Begründung, «dass die Schweizer Juden über so viel Geld verfügen, dass sie leicht ihren leidenden Glaubensbrüdern helfen könnten». Laut „Sankt Galler Geschichte 2003“ träumte das Ehepaar Mettler-Specker von einem «autoritären Europa unter faschistischer Führung».

Am entschiedensten bekämpfte die St. Galler «Volksstimme» Mettler-Speckers frontistische Umtriebe. Als Redaktor dieser sozialdemokratischen Zeitung wirkte Walter Lötscher, ein Grossonkel des Verfassers dieses Artikels. Das SP-Blatt betitelte den freisinnigen Kantonsrat Mettler-Specker als «grundsätzlichen Lohnabbauer». Nachdem der reiche Fabrikant auch noch den Angestellten im Kanton das Einkommen gekürzt hatte – darunter viele Freisinnige –, erhob sich ein derartiger Proteststurm, dass er 1934 vorzeitig aus dem Parlament und dem Vorstand der städtischen FDP zurücktrat. Mettler-Specker liess verlauten, er habe die Ämter niedergelegt, «um sich inskünftig mehr gemeinnützigen Aufgaben zu widmen». Die Volksstimme aber spottete ironisch: «Andere Leute meinen, er wolle sich mehr den Fronten zuwenden, die ja auch eine sehr gemeinnützige Tätigkeit ausüben…»

Der linke St. Galler Publizist Niklaus Meienberg hat sich nicht nur mit dem Hilfsarbeiter und wegen Spionage erschossenen Landesverräter Ernst Schrämli befasst. Sondern auch mit Fabrikbesitzer Arnold Mettler-Specker, den er als gefährlicher als Schrämli einstufte. Denn Mettler-Specker hatte Kautionen für fünf prominente Faschisten finanziert, die als Landesverräter verhaftet worden waren. Allesamt nutzt sie ihre unerwartete Freiheit, um nach Deutschland zu gelangen. Meienberg ätzte darüber: «Wenn man all diese Beziehungen zu Faden schlägt, erhält man eine echte St. Galler Stickerei, ein charmantes Gewebe aus den dreissiger und vierziger Jahren, und manchmal ist ein Hakenkreuzlein eingestickt.»

Der Textilherr Mettler-Specker finanzierte rechtsextreme Bewegungen auch dann noch, als er längst von der Bundespolizei beobachtet wurde. Zusammen mit seinem Jagdfreund, dem Polizeiinspektor Carl Kappeler – der 1938 den Reichsparteitag der NSDAP in Nürnberg besuchte –, schenkte er über den deutschen Konsul dem Reichsmarschall und Reichsjägermeister Hermann Göring zwei prächtige Steinböcke aus dem St. Galler Wildpark. Nach einem öffentlichen Sturm der Entrüstung wurde Kappeler frühpensioniert. Der Vergleich zwischen dem erschossenen Schrämli und dem weitgehend unbehelligten Mettler-Specker veranlasste den bedeutenden Schweizer Historiker Edgar Bonjour zum Fazit: «Der Kleinere hängt eher als der Grössere.»

Arnold Mettler-Specker fürchtete den bolschewistischen Umsturz, befürwortete Bürgerwehren und zunehmend auch judenfeindliche, eugenisch-rassistische Überzeugungen. Die Nazibegeisterung des Verwaltungsratspräsidenten seines Familienbetriebs wirkte sich spätestens 1938 geschäftsschädigend auf die Firma aus. Nicht zuletzt, weil im nationalen und internationalen Textilhandel auch wirtschaftliche Beziehungen zu jüdischen Unternehmen eine beachtliche Rolle spielten.

SS-Sturmmann Mettler

Bei einer polizeilichen Vorladung gab der Industrielle zu Protokoll, er sei «darauf aufmerksam gemacht worden, dass der Marxismus eine jüdische Bewegung sei». Im Dezember 1938 fand in Mettler-Speckers Villa eine polizeiliche Hausdurchsuchung statt, wobei «keine strafbaren Handlungen des Genannten nachgewiesen werden konnten». 

Dennoch war das Mass jetzt voll: Am 5. Januar 1939 veröffentlichte die Firma Mettler & Co. AG die Erklärung, Mettler-Specker sei «wegen politischer Verirrung» zurückgetreten und durch seinen Sohn Arnold ersetzt worden. Auch den Verwaltungsrat der Versicherungsgesellschaft Helvetia musste verlassen werden. Meienbergs Fazit im Vergleich mit dem Schicksal von Landesverräter Ernst Schrämli lautete: «Oben wurde pensioniert, unten wurde füsiliert.»

Mettler-Specker gehörte 1940 auch zu den Unterzeichnern der berüchtigten «Eingabe der 200». Darin fordert 173 Deutschschweizer mit ihrer Unterschrift die «Ausmerzung» der nazikritischen Presseorgane und die «Entfernung» der betreffenden Personen. Der prominente St. Galler erlebte den Sturm der öffentlichen Entrüstung nicht mehr, als der Bundesrat 1946 diese defätistische Eingabe öffentlich bekanntmachte. 

Bis zuletzt hielt Arnold Mettler-Specker an seinem Glauben an Hitlers Großdeutschland fest. Gerüchte über die Judenvernichtung tat er als Gräuelpropaganda ab. Aber er wusste, wer damit gemeint war, als die Sozialdemokraten im Mai 1945 forderten, die Nazisympathisanten zur Verantwortung zu ziehen und auch die «Chefetagen der Industrie» zu säubern. Arnold Mettler-Specker erschoss sich am 26. Mai 1945, zweieinhalb Wochen nach dem Sieg der Alliierten.

Der Antisemitismus hatte in der Familie von Arnold Mettler-Specker auch sonst Tradition. Sein bereits 1930 verstorbener Sohn, der Jurist Kurt Mettler, hatte anlässlich einer Reise in die USA im Tagebuch von einem «stinkenden Ghetto» und über den Anblick von Auswanderern geschrieben: «Sie gefielen mir schlecht. Allerhand unangenehme Juden.» Auch notierte er: «Vielleicht wäre es gut, wenn jedes Land einen Diktator hätte.» 

Auch der 1916 geborene jüngste Sohn, Hannes Martin Mettler, war ein fanatischer Nationalsozialist. Als 25-jähriger Medizinstudent meldete er sich gesetzwidrig in Berlin zur deutschen Waffen-SS. Dort durchlief er eine Ausbildung zum «Sturmmann» des 9. SS-Regiments in der Heinrich-Himmler-Kaserne in Prag-Rusin. Am 24. Juni 1941 schrieb er Eltern zum letzten Mal: ​​„Sollte ich aus seinem Russland nicht zurückkehren, so nehmt dies als letzten Gruss.“ Sorgt Euch nicht, und denkt nicht, mein Tod sei umsonst gewesen oder verfrüht. Was sind wir, als Blätter am Baume – was tut es, wenn eines welk wird und fällt? Wenn nur der Baum wächst.» Mettlers Zeilen vor seinem Einsatz im deutschen Vernichtungskrieg an der Ostfront wurden durch das SS-Hauptamt als «Briefe germanischer Kriegsfreiwilliger» propagandistisch ausgeschlachtet.

«Die Überzeugung gab Dir Heldenmut!»

Hannes Martin Mettler fiel als einer der ersten Schweizer Freiwilligen für «Grossgermanien» auf ukrainischem Boden bei der Kesselschlacht um Kiew. Dies wurde der St. Galler Bevölkerung in einer Todesanzeige mitgeteilt: «Hannes Martin Mettler habe «am 14. September 1941 bei Kiew den frühen Tod gefunden». Laut dem ehemaligen St. Galler Stadtarchivar Ernst Ziegler wollte die Familie eigentlich die Textbausteine ​​«tapfer kämpfend für den Führer» und «in stolzer Trauer» einrücken. Dagegen intervenierte indessen die Redaktion des «St. Galler Tagblatts» erfolgreich bei der Inseratenabteilung. Vater Arnold Mettler-Specker aber dichtete über den «spontanen Opfertod» seines Jüngsten: «Du fühltest sehend, dass Europa krank, / Du wusstest drum dem deutschen Führer Dank / für Volksgemeinschaft, Ehre, Boden Blut, / Die Überzeugung gab Dir Heldenmut!»

An anderer Stelle schrieb Mettler-Specker über den gefallenen Sohn: «Nach langem Suchen fand er seine innere Befreiung durch Adolf Hitler. […] Die Erkenntnis der fürchterlichen Gefahr, in der Europa schwebte, vom Bolschewismus überwalzt zu werden, liess ihm keine Ruhe.» Ob und wie viele russische «Untermenschen» der St. Galler SS-Freiwillige zuvor umgebracht hatte und ob er sich an Kriegsverbrechen beteiligte, ist unbekannt.

Der Bieler Sänger Nemo Mettler ist somit Spross aus einem «vielleicht nicht gutem, jedoch reichem Hause» (Stadtarchivar Ziegler). Im letzten Herbst reiste er «trotz anhaltender Angriffe auf die Stadt» (Blick) für ein Konzert in die Hauptstadt der Ukraine und schrieb zu seinem Bild aus einem Keller: «Ich habe im Schutzraum des Hotels geschlafen, während Kiew die ganze Nacht unter Beschuss stand. Diese Art von Nacht ist für so viele meiner ukrainischen Freunde zu einer traurigen Realität geworden.» Im Gegensatz zu seinem Ur-Onkel, dem SS-Sturmmann Hannes Martin Mettler, ist Nemo Mettler im musikalischen Kampf gegen den russischen Feind allerdings nicht auf einem Schlachtfeld bei Kiew liegengeblieben.

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Christoph Mörgeli ist Historiker und vertrat die SVP im Nationalrat. Dieser Text von ihm erschien zuerst in der «Weltwoche»

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