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Das Dilemma der arabischen Regierungen mit der militärischen Stärke Israels

In der arabischen Wahrnehmung erscheint Israels Militär als nahezu unbesiegbar. Diese Überzeugung nährt Verschwörungstheorien über jüdische Übermacht, dient aber zugleich als Entschuldigung für das eigene Versagen. Was die arabische Öffentlichkeit oft nicht weiss: Ihr eigenen Regime, die Israel öffentlich dämonisieren, suchen hinter verschlossenen Türen dessen Schutz – und kaufen seine Waffen.

Von Mohamed Diwan

Die Niederlage im Krieg von 1967 – im Arabischen als al-Naksa (der Rückschlag) oder al-Hazima (die Niederlage) bezeichnet – wird in der arabischen Welt bis heute als tiefe narzisstische Wunde wahrgenommen. Die Geschwindigkeit und Totalität der Niederlage – sechs Tage, in denen drei arabische Armeen vom viel kleineren Israel vernichtend geschlagen wurden – erschütterte das arabische Selbstbild in seinen Grundfesten.

Der syrische Philosoph Sadiq Jalal al-Azm war einer der ersten arabischen Intellektuellen, der diese Wunde offen benannte. In seinem bahnbrechenden Werk Al-Naqd al-Dhati Ba’d al-Hazima (Selbstkritik nach der Niederlage, 1968) argumentierte er, dass die Araber die Schuld nicht bei externen Verschwörungen, militärischem Verrat oder israelischer Überlegenheit suchen sollten, sondern bei sich selbst. Al-Azm forderte eine schonungslose Selbstkritik: Die arabischen Gesellschaften müssten Säkularismus, Geschlechtergleichheit, Demokratie und Wissenschaft annehmen, um Fortschritt zu erzielen. Für seine radikalen Thesen und seine Islamkritik wurde er verhaftet und vor Gericht gestellt.

Der islamistische Schriftsteller Muhammad Galal Kishk deutete die Niederlage religiös: Israel habe nicht wegen militärischer Überlegenheit gesiegt, sondern weil es etwas besass, das den Arabern fehlte – die Gewissheit und Klarheit religiöser Hingabe. Diese Interpretation – so verfehlt sie analytisch sein mag – wurde zum ideologischen Fundament des politischen Islam: Die Rückkehr zur Religion als einziger Weg zur Wiederherstellung arabischer Stärke.

Für die arabische Welt, so formulierte es das Washington Institute, war die Niederlage im Sechs-Tage-Krieg von 1967 die offene Wunde, von der sich die arabische Welt nie erholte. Die Weigerung zur institutionellen Selbstkritik führte dazu, dass der Panarabismus und der Nasserismus mit der Zeit vom aufkommenden Islamismus verdrängt wurden – einer Ideologie, die zur Bedrohung der arabischen Ordnung selbst wurde.

Obsession mit der Macht und die Unfähigkeit, sie zu generieren

„Es ist die Natur des Islam, zu dominieren, nicht dominiert zu werden, sein Gesetz auf alle Nationen zu legen und seine Macht auf dem gesamten Planeten auszubreiten.“ Dieser Satz von Hassan al-Banna, dem Gründer der Muslimbruderschaft, sagt alles, um zu verstehen, welche Bedeutung das Scheitern gegen Israel für die arabische Welt hatte. Nicht weil der Satz wahr wäre – er ist es nicht -, sondern weil er die Pathologie offenlegt, die seit 1948 die arabische Aussenpolitik bestimmt: eine Obsession mit Macht, kombiniert mit der systematischen Unfähigkeit, Macht zu generieren. Die arabische/islamische Welt träumt von globaler Dominanz und produziert dabei zuverlässig Niederlagen. Sie fantasiert vom Kalifat und verliert jeden Krieg, den sie führt.

Man muss das in seiner ganzen Absurdität erfassen: 1948 griffen fünf arabische Armeen einen Staat an, der einen Tag alt war,  aus Holocaustüberlebenden und Kibbuzbauern bestand – und sie verloren den Krieg gegen ihn. 1967 mobilisierten Ägypten, Syrien und Jordanien ihre gesamte Militärmacht gegen Israel – und verloren in sechs Tagen so vollständig, dass die arabische Welt bis heute davon traumatisiert ist. Die Verlustrate stand bei 25:1. Fünfundzwanzig tote Araber für jeden toten Israeli. 

Die konventionelle Erklärung dafür lautet: Israel hatte bessere Waffen, westliche Unterstuetzung, amerikanisches Geld. Diese Erklärung ist bequem – und sie ist falsch. Saudi-Arabien gab 2024 schaetzungsweise 75,8 Milliarden Dollar für Verteidigung aus – etwa das Dreifache des israelischen Verteidigungsetats vor dem Gaza-Krieg. Es ist der fünftgrösste Militärausgeber weltweit, und war dennoch unfähig, eine Rebellenmiliz im Jemen zu besiegen. Nach einem Jahrzehnt und geschätzten 72 Millionen Dollar Kriegskosten pro Tag suchte Riad 2023 den Ausweg über eine von China vermittelte Annäherung an Iran, den Sponsor der Huthis.

Die Pathologie einer Militärkultur

Kenneth Pollack verbrachte Jahre bei der CIA und dem Nationalen Sicherheitsrat der USA damit, arabische Armeen zu studieren. Sein Befund, niedergelegt in „Armies of Sand“, ist vernichtend und politisch inkorrekt genug, um in akademischen Kreisen gemieden zu werden. Er lautet: Kultur ist der Hauptgrund dafür, dass das arabische Militär nicht effektiv ist. Nicht Technologie. Nicht Ressourcen. Nicht sowjetische Doktrin. Kultur!

Was Pollack damit meint: Arabische Offiziere horten Information wie eine Machtressource – sie teilen sie nicht mit Untergebenen oder Nachbareinheiten, selbst wenn Leben davon abhängen. Arabische Unteroffiziere ergreifen keine Initiative – sie warten auf explizite Befehle, selbst wenn die taktische Lage sofortiges Handeln erfordert. Arabische Armeen analysieren keine Fehler – sie suchen Sündenböcke. Nach jeder Niederlage werden Verräter identifiziert, Verschwörungen aufgedeckt, der Westen und die Juden beschuldigt. Was nie passiert: ehrliche Selbstkritik.

Der Jom-Kippur-Krieg 1973 illustriert diese Muster eindrücklich. Im „Tal der Tränen“ auf den Golanhöhen griffen etwa 1.400 syrische Panzer zwei israelische Brigaden mit nur 170 Panzern an – unter idealen Bedingungen: strategische Überraschung, erdrückende numerische Überlegenheit, ein gleichzeitiger Zweifrontenkrieg. Doch wie Pollack dokumentiert, suchten die syrischen Einheiten keine alternativen Angriffsachsen, als sie auf Widerstand stiessen, und sicherten ihre Flanken nicht. Sie rollten starr nach Plan vorwärts, unfähig, sich an die taktische Lage anzupassen. Nach vier Tagen zogen sie sich zurück und hinterliessen Hunderte zerstörter Panzer.

In westlichen Armeen nennt man die Fähigkeit, die diese syrischen Offiziere nicht zeigten:Auftragstaktik. Gemeint ist damit die selbständige Umsetzung von Aufträgen durch Untergebene, die das Ziel verstehen und ihre Mittel der Situation anpassen. In arabischen Armeen ist Auftragstaktik ein Karriererisiko. Wer Initiative zeigt, macht sich verdächtig. Wer Befehle wortwörtlich befolgt wirdentschuldigt, auch wenn er damit scheitert. 

Schwache Armeen als Überlebensstrategie

Aber Kultur allein erklärt nicht das ganze Versagen des arabischen Militärs. Man muss verstehen, warum arabische Regime ihre Armeen absichtlich schwach halten. Die Antwort liegt in einer Dynamik, die Politikwissenschaftler „Coup-Proofing“ nennen – und sie ist so zynisch, wie sie klingt.

Zwischen 1948 und 1969 erlebte die arabische Welt eine Epidemie von Militärputschen. Syrien allein durchlitt 1949 drei Staatsstreiche, Ägypten 1952, Irak 1958, Jemen 1962, Algerien 1965, Libyen 1969 je einen. Die Könige, die überlebten – in Saudi-Arabien, Jordanien, Marokko – zogen daraus eine radikale Konsequenz: Eine starke Armee ist gefährlicher für das eigene Regime als für den Feind. Lieber eine schwache Armee, die keinen Putsch durchführen kann, als eine starke Armee, die das Königshaus stürzt.

Die Methoden des Coup-Proofing sind vielfältig und alle toxisch für militärische Effektivität: Kommandostrukturen werden fragmentiert, damit kein General genug Macht akkumuliert, um zu putschen. Parallele Sicherheitsapparate – Geheimdienste, Präsidialgarden, Stammesmilizen – überwachen die reguläre Armee. Offiziere werden nicht befördert, weil sie kompetent sind, sondern loyal. In Syrien unter Assad wurde die Offiziersklasse mit Alawiten gefüllt – einer religiösen Minderheit, die ihr Überleben an das Regime gebunden hatte. In Saudi-Arabien werden Kommandopositionen mit Prinzen besetzt, deren einzige Qualifikation ihre Blutlinie ist.

Das Resultat solcher Politik ist eine Armee, die zwar als Instrument der Unterdrückung gegen die eigene Bevölkerung nach innen funktioniert, aber nach aussen versagt. Arabische Armeen sind Polizeiapparate mit Panzern. Sie können Demonstranten niederwalzen und Städte bombardieren. Was sie nicht können: einen organisierten Feind auf dem Schlachtfeld besiegen. 

Die geheime Allianz mit dem Feind

Die interessanteste Wendung dieser Geschichte ist jene, über die niemand spricht, weil dies die gesamte Fassade zum Einsturz bringen würde. Dieselben arabischen Regime, die Israel öffentlich als Krebsgeschwür, als Kindermörder, als existentielle Bedrohung des Islam verurteilen, kooperieren privat mit Israel gegen den Iran.

Die Abraham Accords von 2020 machten öffentlich, was Geheimdienste seit Jahren wussten: Israel und die Golfstaaten führen gemeinsame Operationen durch, tauschen Geheimdienstinformationen aus, koordinieren ihre Strategien gegen Teheran. Israelische Kampfflugzeuge nutzen saudischen Luftraum. Emiratische Offiziere trainieren mit israelischen Ausbildern. Marokko kauft israelische Drohnen für zwei Milliarden Dollar. Die Sicherheitskooperation zwischen Israel und den arabischen Monarchien ist enger als jene, welche die arabischen Staaten untereinander haben.

Diese Ironie hinter dieser Geschichte ist atemberaubend: Die arabischen Regime, die sich weitgehend durch ihren Kampf gegen den Zionismus legitimieren, brauchen den zionistischen Staat, um sie vor dem Iran zu schützen. Sie haben aus sinnenpolitischen Gründen ihre Armeen so schwach gehalten, dass sie nicht mehr in der Lage sind, sich selbst zu verteidigen. Deshalb ist Israel heute die einzige Regionalmacht, die den iranischen Hegemonieansprüchen entgegentreten kann. So findet sich die arabische Welt in der absurden Lage, Israel öffentlich zu verdammen und dasselbe Israel für die eigene Sicherheit zu brauchen. Und dabei unfähig zu sein, diesen Widerspruch aufzulösen.

Der Gaza-Krieg seit Oktober 2023 hat diese Heuchelei auf die Probe gestellt. Die arabische Strasse tobt. Die sozialen Medien werden mit Bildern aus Gaza überflutet. Und was taten die Abraham-Accords-Staaten? Keiner kündigte die Abkommen. Bahrain zog zwar seinen Botschafter aus Israel ab, doch dies war eine symbolische Geste. Die VAE kritisierten zwar Israel bei der UN, aber tauschten weiterhinGeheimdienstinformationen mit ihm aus. Die Sicherheitskooperation blieb intakt. Und 2024 stiegen die israelischen Rüstungsexporte an die Abraham-Accords-Staaten von 3% auf 12% des Gesamtvolumens. 

Kultur ist kein genetisch bedingtes Schicksal

Es wäre zwar bequem, aber intellektuell falsch, diese Analyse des arabischen Versagens als rassistisch abzutun. Pollackt betont denn auch, dass kulturelle Muster nicht genetisch determiniert sind. Die entscheidende Frage ist: Weshalb die Strukturen, Armeen und Ideologien der arabischen Staaten so schwach sind. Die Antwort, liegt in einer Kombination von kulturellen Mustern, die Initiative bestrafen, institutionellen Arrangements, die Kompetenz zugunsten von Loyalität opfern, und einer Ideologie, die externe Feinde für interne Dysfunktionen verantwortlich macht.

Israel hingegen repräsentiert das Gegenteil: eine Kultur der dezentralisierten Entscheidungsfindung, in der Unteroffiziere Initiative ergreifen und dafür belohnt werden. Eine Armee, die Fehler systematisch analysiert und aus Niederlagen lernt – der Jom-Kippur-Krieg 1973 führte zu schmerzhafter Selbstkritik, nicht zu Verschwörungstheorien. 

Diese Unterschiede haben nicht nur Auswirkungen auf die militärische, sondern auch auf die wirtschaftliche Stärke. Der Global Innovation Index platziert Israel auf Rang 15 weltweit und Rang 1 in seiner Region. Israel führt bei universitär-industrieller Forschungskooperation, bei Venture-Capital-Deals, bei Patentanmeldungen. Die israelische Verteidigungsindustrie – Rafael, Elbit, IAI – produziert Systeme, die von europäischen Armeen und den USA gekauft werden. Deutschland zum Beispiel erwarb Arrow 3, ein System, das Raketen ausserhalb der Erdatmosphäre abfängt. 

In der Falle der eigenen Propaganda

Die arabische Wahrnehmung israelischer Überlegenheit ist reflektiert deshalb eine Realität, welche die arabische Kultur und Ideologie selbst verschulden. Die Obsession der Muslimbruderschaft  „Rüstet euch für sie mit all eurer Kraft“  produzierte nicht Macht, sondern Ohnmacht. Die Kriege gegen Israel verbrauchten in den arabischen Ländern Ressourcen, die sonst für institutionelle Reformen und Bildung verfügbar gewesen wären. 

Nach sieben Dekaden dieser Dynamik, befindet sich die arabische Welt jetzt in einer Lage, die ihre Ideologie nicht vorgesehen hatte: für die eigene Sicherheit von Israel abhängig zu sein, aber unfähig, diese Abhängigkeit einzugestehen. Gefangen in einer Rhetorik des Hasses, die innenpolitisch “notwendig”, doch strategisch kontraproduktiv ist. 

Die Abraham Accords sind der Versuch, diesen Widerspruch politisch zu managen, indem sie so tun, als wäre Israel plötzlich akzeptabel geworden. Doch diese Botschaft ist nur für aussen relevant. Denn für jene an den Hebeln der Macht war Israel immer schon akzeptabel. Die Hass-Rhetorik gegen den jüdischen Staat war stets nur für die Strasse, für die Massen in den arabischen Staaten bestimmt, weil diese einen Sündenbock für das eigene militärische Versagen brauchten. Die Herrscher selbst glaubten dieser – von ihnen selbst gebrauchten – Rhetorik nie. Sie wissen seit 1967, wo die einzige funktionierende und stärkste Armee der Region steht. Der einzige Unterschied zu damals: Heute sind sie dafür dankbar, weil die israelische Armee auch sie vor ihrem Erzfeind, dem ihnen feindlichen radikalislamischen Iran beschützt.

Mohamed Diwan ist ein arabischer Politanalyst

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