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Marcel Marceau – Schweigen als Kunst und aus Ehrfurcht

Von Isabelle Arnau

Marcel Marceau gilt als der bedeutendste Mime des 20. Jahrhunderts. Doch hinter der weltberühmten Figur des stillen Künstlers verbirgt sich eine Biografie, die tief von Judentum, Verfolgung, Widerstand und Verlust geprägt ist. Sein Schweigen war nicht nur ästhetische Entscheidung – es war Lebenserfahrung.

Er wurde am 22. März 1923 in Strassburg als Marcel Mangel geboren. Seine Eltern waren Juden aus dem Elsass, das kulturell wie politisch stark umkämpft war. Die frühen Jahre waren geprägt von seiner jüdischen Herkunft. Das Judentum der Familie war kein blosses Etikett, sondern Teil des Alltags und der Identität. Mit dem Einmarsch der Nationalsozialisten in Frankreich wurde diese Identität jedoch lebensgefährlich.

Nach der deutschen Besetzung musste die Familie fliehen. Marcel war noch ein Jugendlicher, als er erlebte, wie jüdisches Leben systematisch ausgelöscht wurde. Um nicht erkannt zu werden, änderte er seinen Namen von Mangel zu Marceau – eine Anpassung, die sein Überleben sicherte und später zum Künstlernamen wurde. Während des Krieges schloss sich Marceau der französischen Résistance an. 

Eine seiner aussergewöhnlichsten Leistungen bestand darin, jüdische Kinder über die Grenze in die Schweiz zu schmuggeln. Dabei nutzte er bereits seine später berühmte Fähigkeit: Er unterhielt und beruhigte die Kinder ohne Worte, damit sie auf der Flucht keinen Lärm machten. Hier wurde das Schweigen erstmals zur lebensrettenden Kunst.

Das zentrale Trauma seines Lebens war die Deportation seines Vaters. Charles Mangel wurde 1944 von den Nationalsozialisten verhaftet, nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Marcel Marceau sprach später nur selten öffentlich darüber. Doch dieses Schweigen war kein Vergessen – es war Trauer, die in Kunst verwandelt wurde. Viele seiner späteren Nummern, insbesondere jene über Gewalt, Tod und Einsamkeit, tragen die unsichtbare Spur dieses Verlustes.

Nach dem Krieg studierte Marceau Schauspiel und Pantomime. Er schuf die Figur Bip, den melancholischen Clown mit dem zerbeulten Seidenhut und der roten Blume. Bip ist kein Zufallsprodukt der Unterhaltung – er ist ein Überlebender.

In Bip spiegeln sich der verfolgte Jude, der entwurzelte Mensch nach der Shoah, der Einzelne in einer gleichgültigen Welt. Bip spricht nie. Und gerade dadurch wird er universell. Marceau sagte sinngemäss: „Nach Auschwitz erschienen mir Worte oft unangemessen.“ So wurde sein Schweigen jüdisch-humanistische Haltung. In der jüdischen Tradition hat Schweigen eine ethische Dimension – als Zeichen von Ehrfurcht, Trauer und Verantwortung. Diese Haltung verkörperte er auf der Bühne.Er machte keine direkten Holocaust-Dramen, keine expliziten politischen Anklagen. Stattdessen liess er das Publikum fühlen, was nicht mehr sagbar war. Sein Körper wurde zum Gedächtnis, seine Stille zum Zeugnis.

Marcel Marceau trat jahrzehntelang weltweit auf, gründete eine eigene Pantomimenschule in Paris und beeinflusste Generationen von Künstlern – von Theater über Tanz bis Film. Ein zentrales Element im Vermächtnis von Marcel Marceau ist nicht nur sein eigenes Werk, sondern auch die Weitergabe seiner Kunst an eine neue Generation. Unter seinen Schülern ragt besonders ein Name hervor: Sammy Molcho.

Geboren 1936 in Bulgarien und selbst jüdischer Herkunft, begegnete Marcel Marceau in Paris. Diese Begegnung wurde prägend. Marceau erkannte früh Molchos aussergewöhnliches körperliches Ausdrucksvermögen und nahm ihn als Schüler an.Für Molcho war Marceau nicht nur ein technischer Lehrer der Pantomime, sondern ein ethisches und künstlerisches Vorbild. Er lernte von ihm, dass Stille Disziplin erfordert, dass jede Bewegung Verantwortung trägt und dass der Körper Wahrheit nicht verbergen kann.

Was Lehrer und Schüler tief verband, war ihre gemeinsame historische Erfahrung: Beide waren Juden in einem Europa, das jüdisches Leben zerstören wollte.Beide trugen die Erinnerung an Verfolgung und Verlust in sich.Während Marceau seinen Vater im Holocaust verlor, war Molchos Familie ebenfalls von Flucht und Bedrohung geprägt. Diese biografische Nähe verlieh ihrer künstlerischen Beziehung eine besondere Tiefe. Schweigen war für beide nicht bloss Stilmittel, sondern Erinnerungsform.

Eine weitere Hommage erhielt Marceau von Mel Brooks. Dieser  wollte in ‚Silent Movie’ (1976) einen Stummfilm drehen, der fast vollständig ohne gesprochene Worte auskommt. Die Pointe: Der weltberühmteste Pantomime der Welt sollte nicht pantomimisch auftreten, sondern ein einziges gesprochenes Wort sagen. Die konkrete Idee: Im Film versuchen Brooks und seine Mitstreiter, Stars für ihr Stummfilmprojekt zu gewinnen.Sie treffen auf Marcel Marceau, der für seine absolute Sprachlosigkeit berühmt ist. Nach einigem stummen Spiel sagt Marceau trocken und deutlich: „Non!“, Damit wird die Erwartung des Publikums komplett umgedreht: Alle anderen bleiben stumm. Während Marceau, das internationale Symbol der Stille, spricht. Die Szene gilt als eine der elegantesten visuellen Pointen der Filmkomödie. Sie verbindet Respekt vor der Stummfilmtradition mit moderner Parodie.Marcel Marceau sprach in Silent Movie, weil es der perfekteste denkbare Widerspruch war – und weil Mel Brooks wusste, dass genau dieser einen Moment lauter sein würde als jeder Dialog.

1983 präsentierte Michael Jackson seinen berühmten Moonwalk. Der legendäre Tanzschritt ist jedoch keine isolierte Tanz-Erfindung, sondern entstand aus einer direkten Auseinandersetzung mit Pantomime – insbesondere mit der Kunst von Marcel Marceau.Die zentrale Verbindung: Die Illusion von Bewegung. Marceaus berühmteste Technik war das „Gehen gegen den Wind“: Der Körper scheint sich vorwärts zu bewegen, während er tatsächlich rückwärts gleitet. Diese optische Täuschung – Bewegung ohne realen Raumgewinn – ist exakt das Prinzip des Moonwalks.Jackson übertrug diese Idee vom Oberkörper (Pantomime) auf die Füsse (Tanztechnik) und erwähnte mehrfach, dass er Marceaus Kontrolle, Präzision und Illusionskraft bewunderte.Michael Jackson liess seine Füsse das tun, was Marcel Marceau mit seinem ganzen Körper tat: Eine unmögliche Bewegung glaubhaft machen.

Trotz seines Ruhms blieb Marcel Marceau innerlich geprägt von der Geschichte seiner Familie und seines Volkes. Er hat dem 20. Jahrhundert eine Form gegeben, um nach der Shoah weiterzusprechen – ohne Worte. Sein Schweigen war Erinnerung.Sein Körper war Zeugnis.Seine Kunst war ein leiser, aber unüberhörbarer Akt gegen das Vergessen.Oder wie Victor Hugo einst schrieb: Das Schweigen ist manchmal die lauteste Antwort. 

Marcel Marceau starb 2007 in Paris und wurde im jüdischen Teil des Friedhofs Père Lachaise beigesetzt, der auch Erinnerungsorte an den Holocaust beherbergt. 

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